Endlich Stille von Karl-Heinz Ott, 2005, HoCa

Endlich Stille.
Roman von Karl-Heinz Ott (2005, Hoffmann & Campe).
Besprechung von Angelika Overath in Neue Zürcher Zeitung vom 10.9.2005:

Im Lichtwechsel des Ich
Karl-Heinz Otts Roman «Endlich Stille»

Als der neue Roman «Endlich Stille» von Karl-Heinz Ott in diesem Frühjahr erschien, reagierte die Kritik spontan mit Begeisterung. Man lobte das subtile Erzähltalent des Autors, seine musikalisch-rhythmische Begabung, seine Intelligenz. Und das zu Recht. Karl-Heinz Ott ist ein sprachmächtiger, ja furioser Autor. Scheinbar mühelos erfasst er wechselnde Atmosphären wie fliegende Wetter, dass es eine wahre Lesefreude ist. In wenigen Strichen zeichnet er eine schmuddelige Strassburger Kaschemme ebenso sicher wie die Designerwohnung in Basel, die mittelalterlichen Räume eines philosophischen Instituts, die Junggesellen-Altbaumansarde; er evoziert die tropische Hitze eines Jahrhundertsommers am Basler Rhein wie die aufkommende Gewitterstimmung im Hochgebirge von Vaduz.

Ein aufdringlicher Musiker

Überwältigend gut wird Ott, wenn er seinen Helden, den Spinoza-Experten, Erzähltes wiedergeben lässt, etwa welche Erlebnissplitter seine Ex-Geliebte Marie aus Sumatra zurückbringt oder was das alte Weib im Zug von ihrem toten Mann zu erzählen weiss und von ihrem toten Bernhardiner, mit dem sie glücklicher war. Nahezu einhellig las die Kritik den Text als eine Art Psychothriller, der am Ende den Erzähler als souveränen Helden zurücklässt, der sich seines Verfolgers auf raffinierte Weise entledigt hat. Und hierin liegt dann doch das Erstaunliche, ja das Befremdliche. Denn wenn die Geschichte die quälende Begegnung zweier Männer in der Lebenskrise erzählt, dann rechtfertigt sie fraglos einen Mord. Und darüber wäre doch zumindest einmal zu reden gewesen, zwischen Dostojewski und Dürrenmatt.

Der Plot geht in groben Zügen so: Auf dem Strassburger Bahnhof heftet sich ein zwielichtiger Musiker an den Helden, einen Philosophieprofessor aus Basel, der hier nur einen kleinen romantischen Gourmet-Aufenthalt machen möchte, in Erinnerung an ein letztes Essen mit der einstigen Geliebten Marie. Der Professor kann sich des aufdringlich auf ihn einschwätzenden Musikers nicht erwehren und versumpft mit ihm zwischen Riesling und Coq au Vin. Erst gegen Morgen gelingt es ihm, heimlich zu entkommen, einige Zeit später jedoch taucht der vermeintliche Musiker bei ihm in Basel auf und nistet sich freundlich und dreist in seiner Wohnung ein. Zunehmend gerät der Professor in dessen subversiven Sog. Da es ihm nicht gelingt, sich von seinem unliebsamen Mitbewohner zu trennen, betäubt er sich trinkend mit ihm. Die gemeinsamen Tage beginnen verkatert mit einem Mittagessen in der Imbissstube «Mister Wong» und enden gegen Morgen in der einschlägigen Säuferkneipe «Der krumme Turm».

Marie, die aus den Ferien von Sumatra zurückkommt, stellt ihren Ex-Freund, mit dem sie immer wieder eine Nacht verbringt, zur Rede. Der hoffnungslose Held flieht in ein Winzerdorf und kommt dort etwas zu Kräften. Zurück in Basel, zwingt er den Musiker ins Hochgebirge mit dem sicheren Plan, einen Mord an ihm zu begehen oder, was ihm lieber wäre, einen Unfall zu provozieren. Angetrunken, in leichten Halbschuhen, verliert der Musiker, vom Philosophen unter einem Vorwand an einer Felsnase vorgeschickt, das Gleichgewicht und stürzt ab. Das perfekte Verbrechen ist gelungen. Der Professor ist frei. Der letzte Satz lautet: «Jetzt kann ich wieder durch die Gassen, über den Markt, über die Brücke nach Kleinbasel hinüber schlendern, auf einer Bank am Rhein sitzen und den Kähnen, den Frauen, den Joggern nachschauen, als sei es der Inbegriff des Glücks, mit sich allein inmitten unter Leuten zu sein.» Konjunktive sind gute Indikatoren; das Glück trügt.

Das Buch beginnt mit den zwei Wörtern, die signalisieren, dass der abstürzende Musiker nicht mehr schreit. Er ist tot: «Endlich Stille. Nur Bussarde über mir. Beim Hinabsteigen das Geräusch von Geröll. Es klang, als möchte es ihm nachfolgen.» Im Augenblick des tödlichen Schweigens setzt die Stimme des Erzählers ein. Und der erzählt nun die Geschichte von der zwanghaften, todbringenden Nähe. Im Rückblick zeigt er sich und den Musiker bereits im ersten Bild so, «als gehörten wir zusammen». Sie waren schon «auf dem Bahnsteig nebeneinander hergegangen, [. . .] immer noch nebeneinander», und nun stellten sie «wie auf eine choreographische Anweisung hin die Koffer im gleichen Augenblick ab». Dann «überquerten wir im Gleichschritt den Paradeplatz». Man muss sich nicht besonders anstrengen, um hier ein klassisches Doppelgängermotiv zu sehen. Dass der Erzähler keinen Namen hat, sein Bedroher aber Friedrich Grävenich heisst, das «Ich» also gleich zweimal im Namen trägt, dürfte kein Zufall sein. Nur im Tod dieses Friedrich wird das erzählende Ich seinen Frieden finden. Und wer mag, darf im Nachnamen zeichenhaft das englische Wort für Grab hören. Von Beginn an ist das Thema Tod, Todesrausch und Erlösung angeschlagen; immer wieder wird es vom Musiker in Gedanken zu Schuberts «Wandererfantasie» aufgenommen.

Zweifelhaftes Kinderglück

Ott zeichnet nun sehr subtil, wie sich Erzähler und Musiker im Verlauf des Buches immer ähnlicher werden und ihre Rollen zueinander gar vertauschen. Von Anfang an aber sprechen sie dieselbe Sprache. Wenn der Musiker auch mit allen erdenklichen Beschreibungsmitteln als ungepflegt, rüpelhaft, ja eklig porträtiert wird, so formuliert er doch mit einer Luzidität, die ein intimes Echo der Stimme des Erzählers ist. Zwar beteuert der gequälte Professor, dass der Musiker ihn mit Redeschwällen überschütte, Friedrichs konkrete Geschichten aber – wie die über die sexuelle Traumatisierung durch den Internatspater – hätte der Professor selbst nicht schöner erzählen können. Unter dieser Perspektive bekommt das Buch freilich noch eine ganz andere Dynamik. Es thematisierte dann, dass man niemandem und nichts so schwer entkommt als dem eigenen Ich und dass nichts so bedrohlich ist wie die Bedrohung durch sich selbst.

Im besten Sinne fragwürdig bleibt das Ende auch dann. Denn die grundsätzliche Problematik des mit allen ethischen Wechselwinden vertrauten Spinoza-Experten, weder das Alleinsein zu meistern noch sich der symbiotischen Nähe erwehren zu können, hat sich im «scheinbaren» Kinderglück des Zuschauens nicht gelöst. Denn dieses Zuschauen führt den Helden bruchlos in die Tage vor Friedrich zurück, wo er etwa in Amsterdam am Leidseplein «allein unter Leuten sass», träumend, «mein Leben hätte endlich gelingen können». Das notwendige Nein-Sagen, die Fähigkeit, sich und anderen Grenzen zu setzen, hat der Held nicht gelernt (sonst hätte er Friedrich nicht in den Tod schicken müssen). In Maries Worten: Der Professor ist immer noch nicht erwachsen geworden. So entdeckt sich «Endlich Stille» als eine ganz erstaunliche Studie über die Midlife-Crisis als Pubertät.

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