Endlichkeit mit bittrem Trost von Sándor Tatár, 2006, Pernobiles1.) - 5.)

Endlichkeit mit bittrem Trost/A végesség kesernyes v...
Gedichte von Sándor Tatár (
2006, pernobis edition im Engelsdorfer Verlag, ungarisch/deutsch in Übertragungen und Nachdichtungen von Annemarie Bostroem, Günther Deicke, Heinz Kahlau, Orsolya Kalász, Paul Kárpáti, Paul Alfred Kleinert, Karl Messer, Richard Pietraβ, Christian Polzin, Monika Rinck, Irene Rübberdt und Péter Zalán. Mit einem Nachwort von György Dalos und einer Graphik von Volker Schamefsky).
Besprechung von Werner Berger, Berlin im September 2006:

Am Abend des 27.09. fand für das versammelte halbe Hundert Menschen an der Zentral- und Landesbibliothek Berlin eine ungemein interessante, da besondere Buchvorstellung statt.

Der ungarische Autor und Übersetzer Sándor Tatár (*Budapest 1962), promovierter Hungarologe und Germanist, und der deutsche Herausgeber des Buches, Paul Alfred Kleinert (*Leipzig 1960), selbst Autor und einer der Nachdichter der im Band enthaltenen Gedichte, stellten Tatárs Buch „Endlichkeit mit bittrem Trost“ vor.

Tatár zuzuhören war etwas außergewöhnliches. Das gewählte Deutsch des Ungarn, die fließenden, in grammatikalisch exakter und außerordentlich dichter Diktion vorgetragenen Sentenzen Tatárs erfassten und überraschten das Publikum gleichermaßen – die von den deutschen Nachdichtungen flankierte Lesung der ungarischen Originaltexte ließen aufhorchen.

Nicht zuletzt durch die kundige und einfühlsame Art der Fragestellung des Herausgebers während des immer wieder aufgenommenen Gespräches, das sich wortwörtlich „zwischen den Texten“ abspielte, erhielten die zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörer einen guten Einblick in literarische und kontextuelle Zusammenhänge des Vorgetragenen.

Die Gedichte, voll der Anklänge und Bezugnahmen auf ungarische Literatur, geben in ihrer gedrängt gedanklichen Form Ausdruck einer ungewöhnlich intensiven Auseinandersetzung mit Lebensabläufen, Erfahrungen und  deren Widerspieglungen mit hohem Bewußtheitsgrad.

Der Abend war ebenfalls eine Würdigung der am Buch beteiligten Nachdichterinnen und Nachdichter, die expressis verbis vom Herausgeber vorgetragen wurde.

So bekannte Namen wie Annemarie Bostroem, Günther Deicke (1922-2006), Heinz Kahlau oder Irene Rübberdt (1955-2003) sind als Nachdichter/innen im Band versammelt, eine hervorgehobene  Würdigung erfuhr zudem der Doyen der ungarischen Kulturvermittlung in Deutschland, Paul Kárpáti, auch er mit Nachdichtungen am Band beteiligt.

Insgesamt las sich die Versammlung der am Buch beteiligten Nachdichter/innen ohnehin wie ein „Who is who“ der Nachdichtung ungarischer Lyrik – neben den bereits benannten sind da Orsolya Kalász (selbst Herausgeberin einer wichtigen Anthologie ungarischer Zeitgenossen), Karl Messer, Richard Pietraß, Christian Polzin, Monika Rinck und Peter Zalán.

Das (sehr knappe) Nachwort (eher ein Streiflicht) zum Band schrieb György Dalos, im deutschsprachigen Gebiet wahrlich kein unbekannter Autor; Graphiken zum Buch schuf der Maler und Graphiker Volker Scharnefsky (*Berlin 1960).

Der Band selbst kann auch in buchtechnischer Hinsicht gelungen bezeichnet werden –

Festeinband mit Schutzumschlag, gutes Papier und Fadenheftung sprechen hier für den Engelsdorfer Verlag Leipzig und dessen „pernobilis-Edition“; der anwesende Verleger Tino Hemmann (selbst Autor etlicher Werke) fand ebenfalls eine verdiente Würdigung an diesem Abend.

Die Zuhörer gingen am Ende der Veranstaltung mit dem Gefühl, daß hier eine gelungene Gemeinschaftsarbeit auf hohem Niveau einem bislang im deutschsprachigen Raum eher unbekannten Dichter, von dem in Zukunft wohl noch einiges zu erwarten steht, zu einer bleibenden Stimme verholfen hat.

Weitere Veranstaltungen und Lesungen, verbunden mit Ausstellungen der Werke  von Scharnefsky, folgten an den kommenden Tagen im alten Berliner Westen sowie in Leipzig.

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Leseprobe I Buchbestellung 1006 LYRIKwelt © Dr.Werner Berger, Wien

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Endlichkeit mit bittrem Trost von Sándor Tatár, 2006, Pernobiles2.)

Endlichkeit mit bittrem Trost/A végesség kesernyés v... .
Gedichte von Sándor Tatár (
2006, pernobis edition im Engelsdorfer Verlag, ungarisch/deutsch in Übertragungen und Nachdichtungen von Annemarie Bostroem, Günther Deicke, Heinz Kahlau, Orsolya Kalász, Paul Kárpáti, Paul Alfred Kleinert, Karl Messer, Richard Pietraβ, Christian Polzin, Monika Rinck, Irene Rübberdt und Péter Zalán. Mit einem Nachwort von György Dalos und einer Graphik von Volker Schamefsky).
Besprechung von
Tzveta Sofronieva für transcript-review.org: 26/2007:

Worte, für Dich, als Chance

Das Buch Endlichkeit mit bittrem Trost mit Gedichten von Sándor Tatár, herausgegeben von Paul Alfred Kleinert bei pernobilis edition (im Engelsdorfer Verlag, Leipzig, 2006), mit einem Nachwort von György Dalos, öffnet man neugierig und mit Respekt. Nicht nur, weil es eine sehr schöne Ausgabe ist oder weil man die gegenwärtige Lyrik aus Ungarn, vor dem Hintergrund der vielen Prosaerscheinungen aus dem Ungarischen, als relativ unbekannt einschätzt. Vor allem wegen der Fülle bekannter Autoren, die insgesamt achtunddreißig Gedichte ins Deutsche übertragen und nachgedichtet haben: Annemarie Bostroem, Günther Deicke, Heinz Kahlau, Orsolya Kalász, Paul Kárpáti, Paul Alfred Kleinert, Karl Messer, Richard Pietraß, Christian Polzin, Monika Rinck, Irene Rübberdt und Péter Zalán. Jeder von ihnen hat sich in die Welt des ungarischen Dichters Sándor Tatár begeben und ist daraus um einige Verse reicher zurückgekommen, um sie uns weiterzugeben. Die Sorge, ob diese deutsche Stimmenvielfalt nicht zu sehr die eine ungarische Stimme durch die unterschiedlichen Empfindungen der Nachdichter verzerren mag, verschwindet schnell, sobald man sich in das Buch vertieft. Sicher war es Tatár als geübtem Übersetzer deutscher Literatur ins Ungarische bewusst, welcher Gefahr er sich aussetzt, wenn er zahlreiche Nachdichter in einem Buch hat; Respekt vor seinem und seines Herausgebers Mut, weil es sehr wohl gelungen ist, den verdichteten Raum Sándors vielstimmig nach Deutschland zu bringen. Zum Glück hat sich der Herausgeber für einen zweisprachigen Band entschieden, und so kann man doch auch ohne des Ungarischen mächtig zu sein, gut erkennen, dass die vom Autor gewählte Form vielfältig genutzt und seine Sprache genau unter die Lupe genommen wurde. Den vollständigen Titel des Buches sollte man an dieser Stelle daher in beiden Sprachen nennen: A végesség kesernyés v ... / Endlichkeit mit bittrem Trost.

Im Titelgedicht positioniert sich der Dichter im Ungarischen, in der Sprache des Dichters Attila József und eines Landes, in dem, wie er selber sagt, sein Los ihn erproben wollte. Im Nachwort wird er von György Dalos als zugehörig zu den Phänomenen der neuen ungarischen Literatur, die dem Wechsel der Zeiten eine authentische Stimme verleihen bezeichnet. Die Gabe Tatárs in der einen Sprache entfaltet sich auch im Bezug zu anderen Sprachen, wie man aus den biografischen Daten im Klappentext des Buches erfahren kann, denn Sándor Tatár hat unter anderem Angelus Sibelius, Goethe, Kleist, Rilke, von Hofmannsthal und Schnitzler ins Ungarische übertragen. 1962 in Budapest geboren, studierte er Germanistik und Hungarologie und brachte nach seiner Promotion seine Leidenschaft für beide Sprachen in seiner Lehre und Forschung, und in seinen hoch angesehenen Übersetzungen zum Ausdruck.

Die Positionierung im Ungarischen ist aber keine Positionierung in Ungarn, eher eine im Leben. Sándor Tatár wählt als Motto des Buches ein Zitat Józsefs zu dessen poetischer Bedeutung er im Verlauf des Bandes mehrmals zurückkehrt, und durch das er den Raum des Dichters ortet, Lüge und Sprache untersucht, Skepsis und Zuversicht in Bilder umwandelt.

"Komm, mein Freund, komm, schau und sieh erst:
Hier in dieser Welt wirkst du.
Mitleid wirkt in dir zuinnerst.
Lüge nützt nichts, gib es zu.
Lass jetzt dies fort, lass das laufen,
Abendlicht zerschleißt, gehts auf den
Abend zu ..."

(Attila József, 1905-1937)

Nicht ein Land und sicher nicht ein Heimatland ist der Ort Sándor Tatárs; er findet keine Sicherheit, weil er sie nicht sucht. Der Ort der Dichtung für ihn ist der Garten, ein besonderer Garten. So beendet er das Gedicht '"Die Krähenschar in Richtung Stadt":

Das gelbe Licht deiner Lampe erhellt das Regal mit den Büchern.

Und du grübelst nach: sich sicher fühlen,

wie mag das wohl sein?

Hat man denn wirklich eine Heimat, wenn man, ach, eine Heimat hat!?

um im "Mensch sein" mit der Antwort darauf anzufangen - "Lassen wir mich einen Garten haben" - und diese in "Flauer Abschied im September" fortzuführen:

in einem Garten werde ich leben, sag ich, in einem Garten wohl,

wo die Habichte sich verirren, Schnecken aber gefahrlos an ihr Ziel

                                                                    gelangen, und wo Eidechsen

den Briefträger nicht bis zur durchhängenden, kaum schließbaren Pforte lassen.

Ein Haus wird dort nicht stehen, bloß ein wasserdichtes Falterflügel-Laubdach.

Der Garten als Ort der Dichtung ist auf vielen Seiten Sándor Tatárs Buches wiederzufinden, und dieser Garten in seiner Poesie erinnert an den von Johann Amos Comenius gesuchten Garten der Selbstbestimmung des Menschen als Methode zur Vollendung der Schöpfung. Selbstsehen, Selbstsprechen und Selbsthandeln, um einen neuen Garten zu pflanzen. Der Garten der Bücher, des Erkennens, der Sprache.

Dieser Garten verträgt nicht die Lüge, die als Abwesenheit von Mut oder als Hilflosigkeit der Sprache gesehen wird.

Die Menschen lügen ziemlich oft. (Wir, Menschen ... und so fort.)
Bei Licht besehen lügen sie/wir immerzu, ...

...

... bald aus Bequemlichkeit, bald 

und vielleicht häufiger noch - zurückerschreckt vor dem So-Sein der Dinge.
("Flauer Abschied im September").
100 Fata Morgana, die die Leere tarnen sollen,
und Pseudofenster malen auf massives Nichts.

("Word/.../Windows").

Und obwohl der Dichter "sich besser, als im Feld die Rade [tarnt]" ("D(ich)ter"), obgleich ihm bewusst ist, dass einem Poeten wenig zur Verfügung steht, um etwas zu ändern - "was sollst Du glauben, dass dich das Schicksal Sonderrollen spielen lässt?" ("Also bitte!..."), so bleibt es dennoch nicht beim Zusehen und Zuhören. Denn es geht Tatár um Entscheidungen "mein Entgelt gewusst: exakte Sätze", und er vertraut dem Urteil der immer lebendigen Sprache.

Auch wandelt sich unsere "Schatzkammer" die Sprache.
So zähle nunmehr das beständige! Allein ob es so gewiss ist,
dass es Bestand hat, wie das Meer rauscht,

                                                 das Blatt zu Boden sinkt,
                                                 die Kieselsteine knirschen?

("Flauer Abschied im September")

Denn man kann benennen, auch wenn es "dazu erst später gekommen sein [mag]" ("Schnitt").

Du sollst dich nicht dem frühen Lärmen beugen;
sollst sprechen, bis die Lippen dir erstarren -
einst wird ein Hügel von der Stille zeugen.

("Selbstbestimmung eines Dichters aus dem vorigen Jahrhundert")

Beständigkeit und Veränderung ringen in diesen Gedichten oft miteinander; besonders schön ist das in Strömen, dahin, wo jedes Aufheben eines Steins, zu eine[r] "philosophisch gesehen" Hamletsche Tat wird. Dabei verweben sich Geschichte und das Verlieren von Geschichte ineinander.

In "Was bleibt/blieb" findet man dann wieder den Garten, insbesondere den der Liebe:

Bekanntschaft geschlossen mit deinem Nabel, deinem Bauch,
deiner Sonnenbrille, deinen Schultern und
dem Pausenzeichen der Höflichkeit auf deinem leidenschaftlichen Antlitz.

Das, was einzig bleibt, ist immer wieder der Ort der Dichtung:
Aber ich habe ja den Garten hier. Der
Mondschein steht mir gut.
Nie ist mir kalt. 

In "Protokoll einer Liebe" und in "Kampf zur Genüge: die Vergangenheit" geht es auch eher um die Beständigkeit als um die Liebe.

Sándor Tatár ist ein ganz und gar bewusster Dichter, seine Sprache kündigt ihre Verbindlichkeit, das Bekennen zur poetischen Erweiterung des Benennens wird hervorgehoben, oft auch grafisch, so wie z.B. in dem Gedicht "Heute bangst du um die Dichtung, um das Wissen morgen", wo einzelne Worte kursiv und eines, das Wort "Wirklichkeit", fett geschrieben sind. Fett steht z.B. auch das Wort "Heimat" dem Gedicht "Ein: Nichts. Alles: Nichts".

Der Zugang zu dieser Lyrik wird manch einem nicht leicht sein. Oft spiegelt sich in ihr die Geschichte der ungarischen Sprache und wird zum Wortspiel, das nicht jeder nachvollziehen können wird. Viele der alten Bilder der Sprache werden bei Tatár neu ausgestellt und keine falsche Sprache der Gefühle und der Befindlichkeiten wird dabei geduldet. Wenn ich daran denke, dass dieser Text über sein Buch in einer Ausgabe zu Erinnerungen der Worte und Begegnungen in der Mehrsprachigkeit ihren Platz findet, so darf ich nicht versäumen, noch einen Gedichttitel aus dem Buch zu erwähnen: "Nach dem Auftauen ist das Wiedereinfrieren der Symbole untersagt!"

Und obwohl das lyrische Ich sich als einsam empfindet:

Du kennst die Antwort, doch du stellst noch Fragen
im Wissen, dass das alles nutzlos ist.
So wird der Reißverschluss der Einsamkeit zur Naht
("Nachsinnen? Worüber denn??"),

weiß es:

über mein Schicksal wird auch dort entschieden,
wo der Beschluss gefällt wird, ob man sprechen,
ob man eine Sprache sprechen und einst vielleicht eine Sprache sprechen
lernen würde
Worüber man nicht schweigen kann, darüber muss man reden.
wie das Gedicht "Worte, für dich, als Chance" endet.

Eine Chance für die deutschsprachigen Leser bietet dieser schöne, zweisprachige Gedichtband Sándor Tatárs A végesség kesernyés v ... / Endlichkeit mit bittrem Trost. Am liebsten mochte ich die Gedichte "Schnitt", "Inter arma silent ...", "M.A.R.K.T." und "Wer nicht durch die Schwingtür zu Gleisen eilt", aber warum ich etwas liebe, konnte ich noch nie erklären, also habe ich sie stattdessen aus dem Deutschen ins Bulgarische übertragen. Sicher muss ich für diese noch einen bulgarischen Lektor finden, der des Ungarischen mächtig ist, aber genau so wandert die Poesie in der Mehrsprachigkeit von heute weiter. Denn sogar wenn es ganz richtig sein sollte, dass Poesie zu übersetzen sei wie einst eine Braut durch den Schleier zu küssen (oder auch durch mehrere Schleier), so ist es doch wunderbar, wenn man in dem Kuss spüren kann, dass es diese Braut gibt, und dann wächst die Sehnsucht, sie, die Poesie, zu erleben.

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Leseprobe I Buchbestellung 1007 LYRIKwelt © Tzveta Sofronieva

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Endlichkeit mit bittrem Trost von Sándor Tatár, 2006, Pernobiles3.)

Endlichkeit mit bittrem Trost/A végesség kesernyes v...
Gedichte von Sándor Tatár (
2006, pernobis edition im Engelsdorfer Verlag, ungarisch/deutsch in Übertragungen und Nachdichtungen von Annemarie Bostroem, Günther Deicke, Heinz Kahlau, Orsolya Kalász, Paul Kárpáti, Paul Alfred Kleinert, Karl Messer, Richard Pietraβ, Christian Polzin, Monika Rinck, Irene Rübberdt und Péter Zalán. Mit einem Nachwort von György Dalos und einer Graphik von Volker Schamefsky).
Besprechung von
Henning Goldbæk, Kopenhagen, 15.September 2007:

Ist das 19. Jahrhundert tot?

Anfang der 60er Jahre stellte der ungarische Komponist Ligeti in Darmstadt diese Frage an Stockhausen und beantwortete sie musikalisch, indem er mehrere Kompositionen für grosses Orchester schrieb, unter anderem Atmosphére, wo man meinte, in der Ferne Bruckner und Mahler zu hören. Die ins Deutsche übersetzten Gedichte von Sándor Tatár heissen Endlichkeit mit bittrem Trost, in dem Titelgedicht möchte der Dichter "ungern" eine "Wasserleiche" oder auch "General" sein, aber wählen kann er ja schliesslich nicht alles, denn "was solls, hierher bin ich geworfen - / auf ungarisch schmerzt mich, was mich anschleicht". Ungern / ungarisch ist ein gelungenes Wortspiel in der deutschen Übersetzung, und zugleich drückt es überhaupt die Ambivalenz des Dichters aus. Denn einerseits möchte er sich von der Vergangenheit distanzieren, andererseits lebt er tatsächlich vom Gespräch mit älteren, ungarischen Dichtern, vor allem Attila József, dessen Gedicht Am Rande der Stadt er zitiert bzw. in seinem eigenen miterklingen lässt. 
Geworfensein und Endlichkeit erinnern an Heidegger, aber sein Begriff der Destruktion ist gar nicht für Sándor Tatár möglich, er ist ein go between zwischen Tradition und Modernität. Er ist ein Skeptiker, so wie die Künstler der Wiener Moderne dieses Wort vor hundert Jahren geprägt haben: Klimt, Schnitzler, Hofmannsthal. Wie sie, so sieht auch Sándor Tatár die Welt aus der Ferne, denn philosophisch ist eine "Hamletsche Tat jedes Aufheben eines Steins". Diese Zeile steht in einem der grossen, hymnischen Gedichte, Strömen, dahin, heisst es. Dort ( In diesem?) spürt man "Luft vom anderen Planeten", wie es bei Stefan George heisst. George, Rilke, Nietzsche vor allem, mit und ohne Gott, alle geistern sie durch diese Gedichte, ja sie leben auch in ihnen, und zwar als Bilder. 
Sándor Tatár geht von der Leere der geschichtlichen Welt aus, und doch begegnet uns überall Geschichte, Leben, sogar Heimat, und zwar als Bildverlust - so in dem grossen Nietzsche-Reminiszenz-Gedicht: Die Krähenschar in Richtung Stadt, mit der bedeutsamen Zeile:

Du stehst da, dieses Bild in deinem Rücken  (S. 61)

Das Bild ist eine Herbstlandschaft, vergänglich, verschwindend, aber als Bild wird es Erkenntnis und Sprachvermögen in einem, denn durch das Bild vermag der Dichter die Welt als Abschiedsaugenblick festzuhalten. "Das Bild in deinem Rücken" bedeutet, dass das Bild bereits Vergangenheit ist, aber erkannte, reflektierte Vergangenheit, das heisst gleichzeitig Gegenwartserfahrung im Rücken. Denn:

Heut' tust du es wieder nicht,
Du tust es heute wieder. (S. 93)

Nur weil diese Gedichte modern sind, können sie die Vergangenheit zum sprechen bringen, und nur, weil sie Bilder sind, können sie das Neue wiederholen, als wäre es schon dagewesen, ohne nostalgisch zu werden. Denn sie stellen im Grunde immer dieselbe metaphysische Frage, wie es bei Adorno heisst, "ob dies denn alles sein könne".

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Endlichkeit mit bittrem Trost von Sándor Tatár, 2006, Pernobiles4.)

Endlichkeit mit bittrem Trost/A végesség kesernyes v...
Gedichte von Sándor Tatár (
2006, pernobis edition im Engelsdorfer Verlag, ungarisch/deutsch in Übertragungen und Nachdichtungen von Annemarie Bostroem, Günther Deicke, Heinz Kahlau, Orsolya Kalász, Paul Kárpáti, Paul Alfred Kleinert, Karl Messer, Richard Pietraβ, Christian Polzin, Monika Rinck, Irene Rübberdt und Péter Zalán. Mit einem Nachwort von György Dalos und einer Graphik von Volker Schamefsky).
Besprechung von
Marek Jakubów, 2008:

Die Unsicherheit des Ursprungs, des Ziels und die Unzuverlässigkeit der Bedeutungen prägen die Gedichte Sándor Tatárs, die in deutscher Übersetzung im Engelsdorfer Verlag herausgegeben wurden. Paradoxerweise führt aber diese Erkenntnis nicht zum totalen Sinnverlust und zum Verstummen. Die fatale Zeitdiagnose, der Heidegger, Wittgenstein und eine Reihe von Dichtern auch aus der deutschen Literaturgeschichte (Hölderlin, Chamisso, Rilke) Pate stehen, erweist sich als eine schöpferische Möglichkeit, die ohne die Last der bisherigen ideologischen Zuordnungen wahrgenommen werden kann. Das „In-der-Welt-Sein“, das schon in dem dem Band vorangestellten Motto ausdrücklich betont wird, umreiβt die Schaffensperspektive für den Dichter, die von der Sprache und der Alltagserfahrung bestimmt wird. Das Eingreifen  in diese Welt durch das poetische Wort kann erst sinnstiftend sein.

Es ist aber keine leichte Aufgabe für den Dichter, der auch seine Identität erst schaffen muss. Der „(D)ich(ter)“ ist auf den ständigen Kampf zwischen dem labilen Eigenen und den überlieferten Rollen (Prophet, Handwerker, Auserwählter) angewiesen und muss sich gegen die unpoetisch gewordene Welt behaupten. Sie besteht aus routinierten Handlungen und konventionalisierten Phrasen, die sich bei ihm beinahe zu einem schicksalhaften Ganzen verdichten, vor dem es kein Entrinnen mehr gibt. Der darin eingeschlossene Mensch rettet sich in der schöpferischen Geste des Dichtens, die wahrscheinlich auch von niemandem beachtet wird. Das poetische Material gewinnt er aus den von ihm erfahrenen und geübten Sprechweisen, die aus solchen Bereichen wie Handel, Amt, Wissenschaft, Computer kommen.

Auffallend oft bezieht sich Tatár auf die sakrale Sprache sowohl aus dem christlichen als auch aus dem fernöstlichen Bereich, die der traditionell poetischen am nächsten steht. Der Mangel an Identifizierungsmöglichkeit mit den geübten religiösen Rollen lässt sie als Teil einer ständigen Bewegung sehen, die zur sinnstiftenden, treibenden Kraft wird:

Vielleicht, daβ Stäubchen manch’ früheren Hüllen

in Teilen noch helfen am All manch’ Winkel zu füllen.

Die Unsterblichkeit wird zwar von dem Menschen erfunden und er überhört „Gottes Brabbeln“, aber drei Tage (!) „wagt er keinen Blick in den Spiegel“. Zum dritten Tag kommt es in Schnitt nicht mehr. Nicht das Konfessionelle, sondern das Paradoxe, das sich an der Grenze des Sinnverlustes bewegt, interessiert Tatár. Das betrifft auch die Frage nach dem Lebensbereich, der die Identität prägen kann und den er nicht ohne weiteres ausschlieβen kann:

Aber was solls, hierher bin ich geworfen –

auf ungarisch schmerzt mich, was mich anschleicht,

hier gilts zu glauben echten/ falschen Worten;

an einen Gottes ... splitter, ja, vielleicht“.                       

Bleibend ist der Prozess, das menschliche Handeln, der Kampf um den Unterschied, der einen Bruch in dem Gewohnten schlagen würde. Bleibend ist auch die Poesie, die sich jeglichem Zwang entzieht. Deswegen ist es nicht zufällig, dass aus den Gedichten Tatárs der Glaube Goethes, Heines an die erneuernde Funktion der Poesie und die Hoffnung, dass seine Verse fortleben werden, herauszuhören ist.  Sinnvoll ist immer die Suche nach neuen Möglichkeiten der Sprache, die in sich unentdeckte Potenzen immer birgt und den Dichter zu einem neuem Versuch anspornt, sie zu finden: „Worüber man nicht schweigen kann, darüber muβ man reden“.      

Aus punktuellen Andeutungen schafft Tatár oft komplexe Bilder, die sowohl plastische als auch sensuelle Eindrücke vermitteln und feinfühlend, wie das  z.B. die in  Flauer Abschied im September der Fall ist, die Tristesse als Synonym für den Schwebezustand zwischen der Bedeutung und ihrem Verlust kreieren. Die herbstlichen Momentaufnahmen der ausklingenden Saison bewahren ihren ästhetischen Reiz und zeigen Orte die atmosphärisch und brüchig, gleichzeitig aber lebenswert  sind.

Beachtenswert ist die Leistung der Übersetzer und Nachdichter/innen, die die subtilen Schichten der Tatárschen Poesie auch für den deutschsprachigen Leser aufgedeckt haben.

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Leseprobe I Buchbestellung 0308 LYRIKwelt © Marek Jakubów

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Endlichkeit mit bittrem Trost von Sándor Tatár, 2006, Pernobiles5.)

Endlichkeit mit bittrem Trost/A végesség kesernyes v...
Gedichte von Sándor Tatár (
2006, pernobis edition im Engelsdorfer Verlag, ungarisch/deutsch in Übertragungen und Nachdichtungen von Annemarie Bostroem, Günther Deicke, Heinz Kahlau, Orsolya Kalász, Paul Kárpáti, Paul Alfred Kleinert, Karl Messer, Richard Pietraβ, Christian Polzin, Monika Rinck, Irene Rübberdt und Péter Zalán. Mit einem Nachwort von György Dalos und einer Graphik von Volker Schamefsky).
Besprechung von Wolfgang Frühwald, in die horen, 2012:

In der Mitte Europas: Sándor Tatár deutsch

Die Krähenschar in Richtung Stadt … ist die Nachdichtung eines der Gedichte von Sándor Tatár überschrieben, die wie in einer Nuss-Schale alle Kennzeichen seiner sich seit den späten achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts entfaltenden Lyrik enthält. Es ist gedruckt in der zweisprachigen, ungarischdeutschen Sammlung A végesség kesernyés v … / Endlichkeit mit bittrem Trost, die Paul Alfred Kleinert 2006 in der »pernobilis edition« in Leipzig herausgegeben hat. Dabei ergeht es mir bei der Lektüre der Gedichte Sándor Tatárs, die mir seit den neunziger Jahren vertraut sind, ähnlich wie vor Jahrzehnten Franz Fühmann beim Umgang mit der ungarischen Lyrik seiner Zeit. Er schaue, meinte Fühmann, in diese Lyrik hinein, »wie ein tauber Ali Baba, dem man, da er den öffnenden Zauberspruch nicht mehr lernen kann, Fensterchen in den Sesamberg schlägt, hier eins und dorten noch eins, und durch diese Fensterchen sieht er dann Schätze funkeln, doch immer nur die, die das Fenster ihm zuweist, und nie die Gesamtheit, und nie den Zusammenhang«. Die für mich in den Sesamberg ungarischer Poesie geschlagenen Fenster sind die Nachdichtungen und Übertragungen ungarischer Lyrik ins Deutsche, die heute von einer staunenswert großen Schar prominenter und weniger prominenter Übersetzerinnen und Übersetzer, oftmals auf der Basis vorangehender Interlinearversionen, dem deutschsprachigen Publikum vermittelt werden. Noch haben sie nicht den Status erreicht, den die ungarische Prosa der Moderne, den zum Beispiel die Romane und die Tagebücher von Sándor Márai, Imre Kertész, Péter Nádas und Péter Esterházy (auch dank genialer Übersetzerinnen wie Terézia Mora und Christina Viragh) im deutschen Sprachraum erreicht haben. Aber wer sich auf die große Lyrik des unglücklichen Attila József beruft (und Sándor Tatár, der 2010 mit dem Attila József-Preis ausgezeichnet wurde, tut es oft, nicht nur im Motto der Endlichkeit mit bittrem Trost), der darf hoffen, inzwischen auch von deutschen Leserinnen und Lesern verstanden zu werden.

Die ungarischen Autoren, die einer kleinen Sprachfamilie angehören und rings umgeben sind von ihnen sehr fremden Sprachgruppen, sind häufig auch vielsprachige Übersetzer, Nachdichter, Kulturmittler. Sie transportieren den Reichtum der Weltliteratur nach Ungarn, aber, wohl auch durch die dabei gewonnenen Freunde und gleichsam auf dem Rückweg, ebenso ungarische Lyrik in die Länder der Erde. Sándor Tatár, dem ich zuerst 1986/87 als Stipendiaten des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in München begegnet bin, studierte Germanistik und Hungarologie und hat früh mit anspruchsvollen Übersetzungen deutscher Literatur ins Ungarische begonnen. Unter seinen Übertragungen finden sich stilistisch und inhaltlich so schwierige Texte, wie solche des barocken Mystikers Angelus Silesius, des scharfsinnigen Logikers und Satirikers Georg Christoph Lichtenberg, des »Syntax-Artisten« Heinrich von Kleist, Texte von Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler sowie von Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur, Siegfried Lenz und anderen. Doch der große Kosmos der Literatur deutscher Sprache, in dem und mit dem Sándor Tatár lebt und arbeitet, wird erst deutlich, wenn es gelingt, die Anklänge und Zitate aus deutschen Dichtern in seiner Lyrik zu entschlüsseln. So ist Die Krähenschar in Richtung Stadt … wohl nur dann ganz verständlich, wenn Friedrich Nietzsches Abschiedsgedicht aus dem Jahr 1884 als darunter liegender Prätext mitgehört wird. Dort rahmen bekanntlich zwei düstere Landschaftsstrophen die bittere Klage darum, allein zu sein in den Wüsten der Welt, vereinsamt, heimatlos:

»Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat.
[...]
Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg’, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! –
Versteck’, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n –
Weh dem, der keine Heimat hat!«

Auch Sándor Tatárs Krähen-Gedicht beschreibt eine vorwinterliche Landschaft, kahle Baumalleen, überwölbt von einem schiefergrauen Himmel, die farblosen Felder nur bewegt von Krähen, die nickend schreitend Futter suchen und »die Regungslosigkeit der Äste mit dem Schaukeln / ihrer Landungen zuletzt doch störten«. Die von Heimweh durchwehte Kälte und die Einsamkeit von Nietzsches Gedicht ist in eine angsterfüllte Gegenwart übertragen. »Äußerst ernst« schreiten die Krähen, denn alle Bilder der kahlen, befleckten Natur deuten auf Bedrohung. Dort aber, wo Bedrohung lauert, kann keine Heimat sein, auch wenn dort scheinbar ein Zuhause ist und in einem warmen Haus der Schein einer Lampe auf Bücher fällt, die das Tor zur Welt sein könnten, doch – jetzt – das Gefühl, ohne Sicherheit zu leben, nur noch verstärken:

»Du stehst da, dieses Bild in deinem Rücken,
in einem geheizten, geschlossenen Kasten.
Das gelbe Licht deiner Lampe erhellt das Regal mit den Büchern.
Und du grübelst nach: sich sicher fühlen,
wie mag das wohl sein?
Hat man denn wirklich eine Heimat, wenn man, ach, eine Heimat hat!?«

Eine Heimat zu haben, ist etwas anderes als »Heimat« zu haben. So könnte man die letzte Zeile dieses (von Orsolya Kalász und Monika Rinck übertragenen) Gedichtes vielleicht auch wie folgt übersetzen: »Hat man denn wirklich Heimat, wenn man ach, ›eine Heimat‹ hat?«

Die Zitate aus der Literatur deutscher Sprache, die Sándor Tatárs Lyrik durchziehen, sind keine bloßen Bildungssignale, sondern so gestellt, dass sie, durch sogleich kenntliche Variationen des Originals, aus These und Befehl zurückkehren in die Form der Frage. Dadurch werden sie einer Lyrik integriert, die sich selbst vor »Pathosgefahr« und »Erlösungshoffen« warnt (Verband auf, gelöst). Paul Celans düsteres Bild vom Grab der vergasten und verbrannten Opfer der Shoa in den Lüften erscheint zum Beispiel bei Sándor Tatár als Bild der ersehnten und letztlich doch vergeblichen Liebeseinung von Mann und Frau (Das soll unsre Spende sein). Es verweist darauf, dass Celans Todesfuge nicht nur ein Gesang des Todes ist, sondern auch die bittere Liebesklage um »Sulamith«, die verbrannte Geliebte: »Dies ist fast, als würden wir / ein Grab in den Lüften graben. Ein weites, wie / Celan sagt.« Rilkes tiefes Erschrecken vor dem Archaischen Torso Apollos: »Du musst dein Leben ändern« wird konjunktivisch so überformt, dass die Vergeblichkeit dieses viel gebrauchten und missbrauchten, auch im ungarischen Gedicht auf Deutsch »zitierten« Imperativs der Kunst zu erkennen ist: »Du solltest eigentlich dein Leben ändern.« ( Also bitte! ...); Wittgensteins berühmte Schlussthese des Tractatus logico-philosophicus: »Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen«, wird verwandelt in: »Worüber man nicht schweigen kann, darüber muss man reden« (Worte für dich, als Chance), so dass sich der Unterschied zwischen Philosophie und Poesie in einer einzigen Zitatvariation ahnen lässt. Sándor Tatárs zweifelnde und oftmals selbstironisch verletzte Poetengestalten, ihr Ekel vor dem Ekel an sich selbst, Gestalten, die eingewickelt sind »in die eigene kainsmalartige Geruchlosigkeit«, beneiden sogar den genialen Mörder Jean-Baptiste Grenouille aus Patrick Süskinds Roman Das Parfum. Ihm nämlich ist –wenn auch unter dem finsteren Vorzeichen von Besessenheit und Verbrechen – gelungen, was dem Poeten nur selten gelingt, »wenigstens die Düfte seiner Opfer« einzusammeln und sie weitergebend zu bewahren (Auf- & Zugriff).

Die zweifelnde, durch Wortspiele und ironische Zwischenrufe aufgebrochene, gelegentlich ins Experimentelle übergehende oder in formstrengen Sonetten gebändigte Melancholie von Sándor Tatárs Gedichten scheint mir im neuen Jahrhundert in einen offeneren Ton überzugehen, der einer sich weitenden Welt angehört. Auch wenn noch immer die Vermutung des Inseldaseins, der echolos bleibenden Verszeilen (Die leeren Verse klirren …) lauert, so hat dieser Autor inzwischen doch »Heimat« gefunden oder zumindest Anschluss an eine keineswegs kleine Freundesgruppe, die in Poesie, in Übersetzungen, Editionen und Nachdichtungen, jenes Mitteleuropa abbildet, das vom Reichtum gerade auch der kleineren Sprachen und Kulturen lebt. Natürlich gehört das Englische zu den großen Kultursprachen Europas, aber dem mächtigen Trend zur globalistischen Überformung der ästhetischen und mehr noch der wissenschaftlichen Kulturen der Welt durch das Englische, in seiner nordamerikanischen Variante, widersteht die um Paul Alfred Kleinert sich sammelnde Gruppe von Poeten und Nachdichtern, indem sie durch Übertragungen die kleinen Sprachen am Leben hält und zugleich ihren Echoraum um mehrere andere Sprachen erweitert. Dass sie sich mit diesem Bemühen einer breiten literarischen Strömung einfügt, versteht sich von selbst. Eigentümlich ist dieser Gruppe vielleicht, dass sie die Mitte (Europas) von den Rändern, auch von den Randsprachen her, zu erfassen sucht. In der poetisch-sprachlichen Rekonstruktion eines über lange Jahrzehnte hin durch den Eisernen Vorhang nicht nur geteilten, sondern aus dem Bewusstsein der Menschen verdrängten, eigenständigen, mitteleuropäischen Kulturraums ist für das Deutsche eine bittere Wahrheit enthalten. In einer Welt nämlich, in der Tamil, Hindi und Mandarin die am schnellsten wachsenden Sprachen sind und in der Spitzengruppe solcher Sprachen aus Europa nur noch das Spanische mithalten kann, gehört auch die deutsche Sprache zu den kleinen und wenig einflussreichen Sprachen der Erde. So begegnen sich in der Künstlermappe Rabensaat / Hollóvetés (2009), in gegenseitigen Nachdichtungen von Sándor Tatár und Paul Alfred Kleinert, das Deutsche und das Ungarische freundschaftlich, auf Augenhöhe. Ihr Resonanzraum wird in Paul Alfred Kleinerts Gedichtband um die fünfzig – kolo piecdziesiatki – ötven felé (2010), wo Marek Jakubów für die polnischen, Sándor Tatár für die ungarischen Übertragungen zeichnen, um eine weitere mitteleuropäische Sprache ergänzt. Es ist vermutlich dieser poetische Freundeskreis, der (jenseits der Lebensmitte, um die fünfzig) von Sándor Tatárs Gedichten das Gefühl der Bedrohung genommen hat und den Ton schwarzer Melancholie leise, aber stetig verwandelt in die stille Trauer um so manches verlorene Jahr. Das von Paul Alfred Kleinert übertragene Sonett Múlt századi költö biztatja magát / Selbstermunterung eines Dichters aus dem vorigen Jahrhundert ist für mich deshalb eines der schönsten und anrührendsten Gedichte Tatárs, weil es die Lebenswende exemplarisch erfasst und von sich (in den Krisenjahren um fünfzig) mutig den neuen Aufbruch verlangt:

»Der Pusteblume gleich geht Zeit dich an,
zerstieben all’ die angehäuften Jahre –
vergebens rufst du Glaubenssätze an:
die Tage sind ein Baustein nur zur Bahre.

Durch dich geht alles ’durch und du bist müde,
obschon du dieses zu verdrängen suchst;
das Antlitz heiter doch der Himmel trübe –
und was nicht ist, du jetzt nicht mehr verbuchst

Doch laß Vergangenes vergangen sein,
auf deine Zunge all’ das Neidvolk harren
– noch ist der Kopf der Pusteblume rein!

Du sollst dich nicht dem frühen Lärmen beugen;
sollst sprechen, bis die Lippen dir erstarren –
einst wird ein Hügel von der Stille zeugen.«

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.die-horen.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0213 LYRIKwelt © Wolfgang Frühwald/die horen