Endgültig von Andreas Pflüger, 2016, SuhrkampEndgültig
Roman von Andreas Pflüger (2016, Suhrkamp).
Besprechung von Jochen Vogt aus der NRZ vom 09.04.2016:

Blinder Engel, toller Teufel
Drehbuchautor Andreas Pflüger legt einen spannenden Thriller vor

Ob dies der deutsche Thriller des Jahres ist, wie mancher Kritiker meint? Zweifellos hebt Pflügers „Endgültig“ sich scharf ab von üblicher Massenware. Schon am Anfang fährt er die Spannung hoch und hält sie bis zum Schluss, auch wenn er dann Verschnaufpausen für Akteure wie Leser einbaut. Da ist der erfahrene Drehbuchautor (20 „Tatorte“ und vieles mehr) am Werk.

Ungewöhnlich auch seine Heldin (ja, man darf so sagen): Jenny Aaron, die mit ihrer Perfektion die 40 Männer der hochgeheimen „Abteilung“ einst überragte, dieser supereffektiven Berliner Eliteeinheit, gegen die GSG9 und BKA wie Dorfpolizisten aus der Vorabendserie wirken.

Aber das war einmal: Seit jenem Kopfschuss beim katastrophal missglückten Einsatz in Barcelona ist Jenny völlig blind. Wie sie sich den größten Teil ihrer Fähigkeiten zurückerobert, bis sie wieder Karate kämpfen oder Steaks braten kann und auf der Schießbahn immerhin die schwarze 9 trifft, das ist nicht nur gut, sondern auch lehrreich erzählt – wie Autor Pflüger uns nachdrücklich erklärt.

Noch eine Rechnung offen

So weit, so gut. Dann aber baut er sein verschachteltes Plot, in dem Jenny nacheinander Gefangene eines Sexualmörders, Star der Eingreiftruppe, Opfer jenes Schusswechsels und blinde Verhörspezialistin beim BKA ist, zu einem Duell fast nach James-Bond-Manier um. Wenn Jenny der blinde Engel ist, kann Holm, der Schütze von Barcelona, nur der Teufel sein: gut aussehend, mit „teuren Budapester Schuhen“ statt Bocksbein, hoch intelligent, in allen Killerdisziplinen virtuos. Und eben auch: jugendlicher Vatermörder, rechte Hand des supermafiösen russischen Oligarchen, den er aber auch noch erledigt, und natürlich völlig hemmungslos. Und mit Jenny hat er noch eine andere Rechnung offen.

Shakespeare und der Höllen-Dante

Nachdem sie sich in seine Gewalt begeben hat, um schutzengelmäßig den entführten Bus voll dänischer Schulkinder zu retten, wechseln heftige Zweikampfszenen mit den erwähnten Verschnaufpausen, die den beiden Gelegenheit zum geteilten Zigarettchen und zum Diskurs, teils pathetisch, teils sentimental, geben. „Diskurs“ darf man sagen, weil der böse Holm nicht nur Shakespeare und den Höllen-Dante kennt, sondern auch den Philosophen der dialogischen Vernunft studiert hat. Ja genau: Herrn Professor Jürgen Habermas, bald 87 Jahre alt, wohnhaft in Starnberg am See.

Da hab’ ich das Buch erst mal ungläubig weggelegt. Aber dann doch ausgelesen; denn wie gesagt: Spannend ist es allemal.

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