Ende gut von Sibylle Berg, 2004, KiWi1.) - 2.)

Ende gut.
Roman von Sibylle Berg (2004, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Stephan Maus auf der Homepage www.stephanmaus.de
(SZ):

Madame Berserker singt den Blues
Von Anfang an gut: Ende gut von Sibylle Berg

Es steht nicht gut um dieses Land. Harz IV? Gefährlicher Rentnerüberhang? Daisys Trauer um Mooshammer? Zwangseinführung der Gen-Datei für wildpinkelnde Königspudel? Kinkerlitzchen! In Chemnitz grassiert Ebola. Erfurt hustet Blut. In Weimar brechen Pusteln auf. Das hätte es in der DDR nicht gegeben. In Dings, Gießen oder was, geht die Pest um. Durch Schwabing stakst die Vogelgrippe. Oder ist’s Sabine Christiansen? Hamburg steht bis zum Hals unter Wasser. Sofas mit komischen Dreiecken auf den Bezügen stoßen gegen die rostenden Kirchturmglocken. Links gibt’s nicht mehr. Oben bröckelt. Unten kippelt. Rechts schmilzt ab. Und nicht nur in Deutschland. Auch rheinaufwärts ist die Hölle los. Die Schweiz? Pfeift aus dem letzten Käseloch. Holland ist gestern Mittag um halb eins für immer weggepoldert. Neuseeland ist abhanden gekommen, man weiß nichts Genaues. Wir vermuten, ein Schwarm fall-out-mutierte Kiwis hat die ganze Insel ins Schlepptau genommen und den strudelnden Styx hinuntergezogen, last exit Hades und auf Nimmerwiedersehen. Vorausgesetzt, diese verdammten Kiwis können überhaupt schwimmen. Ornithologie hat uns noch nie interessiert.

Ornithologie hilft uns jetzt auch sowieso nicht mehr weiter. Was wir ganz dringend brauchen, ist aktiver Katastrophenschutz. Und den leistet dankenswerterweise Sibylle Berg mit ihrem Roman „Ende gut“. Die Durchleuchtung der Katastrophe mit Röntgenblick ist die erste Rettungsmaßnahme. Mit diesem Roman hat der deutschsprachige Teil der Welt nun endlich sein eigenes Tsunami-Warnsystem. Sage nachher keiner, er sei nicht gewarnt worden. Sibylle Berg hat den allgegenwärtigen Alarmismus und den mit geheucheltem Mitleid schlecht verbrämten Katastrophenvoyeurismus zusammengerührt und alles auf hoher Flamme überkochen lassen. Sie hat alle Fluten, Seuchen, Beben und Eruptionen der letzten Jahre gesammelt und läßt sie nun noch einmal konzentriert auf Deutschland und den Rest der Welt niedergehen. Mal schauen, was passiert. Fest steht: Auch das Innere der Menschen ist ein schweflig-schwärend’ Katastrophengebiet. Sibylle Berg hat als Erste die Katastrophe als Lebensform und Erzählprinzip erkannt. Die Welt geht unter. Und das ist gut so. Denn sie war Schrott.

Bergs Heldin ist „um die 40“, und damit fängt das ganze Elend und der wohl definitive Roman über dieses Lebensalter auch schon an. Man hört, über die penetranten Vierzigjährigen sei noch so Einiges in Mache. Also besser gleich alle Mann den Griffel fallen lassen, denn besser geht’s eh nimmer. Die Autorin reißt ihre sumpfende Erzählerin aus einem lethargischen Nihilismus und schickt sie auf Studienreise durch die Apokalypse. Seit dem vom dreißigjährigen Krieg gebeutelten Barock und Grimmelshausens „Simplicissimus“ weiß man in Deutschland das Road Movie als ein willkommenes Mittel zur Bestandsaufnahme des Weltuntergangs zu schätzen. Von einer namen- und gesichtslosen Stadt aus – Wuppertal, Pfaffenhofen, Schwelm, grad egal - geht bei Berg die Fahrt über zahlreiche trostlose Stationen und durch ausnahmslos verkommene Gesellschaftsschichten hinauf in den hohen Norden, nach Finnland.

Vorbei an brennenden Pimky-Zentralen und qualmenden Deichmann-Outlet-Centern, explodierenden Frauenparkplätzen und berstenden Kundenklos. Gut so, alles muß weg. Oft wurde versucht, unsere madige Speckgürtel-Republik in all ihrer grenzenlosen Trost- und Ruchlosigkeit auszumessen. Selten bis nie gelang es so überzeugend wie in Bergs Roman. Die schlecht überschminkte Existenzangst in den Gesichtern der Kassiererinnen, die neonbleichen Todeszonen der Einkaufcenter auf der „Grünen Wiese“, die ungezählten Höllenkreise der Baumärkte samt ihrem infernalischen Kundenstamm, ja, die blasierte Ungezogenheit des oberfrechen Herrgotts höchstpersönlich: Die Erzählerin hat alles gesehen und daran gelitten.

Bei jedem Schritt berserkert die Heldin, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Es ist ein scharfer Adlerschnabel, der immer präzis da hinhaut, wo’s am meisten wehtut. Aber manchmal eben auch dort hin, wo sich zwischen dem ganzen grauen Zombie-Zeugs und Lifestyle-Trash noch ein glücksversprechendes Bröckchen - man wagt es kaum niederzuschreiben, aber wohlan: - Schönheit verbirgt. Madame Berserker singt den Blues.

Auf ihrer Reise ans Ende der Nacht liest die Heldin der verkommenen Warenwelt wortmächtig die Leviten. Denn Berg hat erkannt, daß jeder lautstark angepriesene Produktvorteil eine Neurose der Zielgruppe offenbart. Keine Ausgeburt unserer amoklaufenden Fabriken ist unschuldig. Selbst der antistatische Büroteppich ist bis in die letzte Faser korrupt, denn er garantiert flusenfreies Kriechen durch alle Hierarchien. Alle Mythen des Alltags wollen entschlüsselt werden, und Berg gibt sich alle Mühe. Einer der getreuesten Spiegel der Gesellschaft jedenfalls ist das Aldi-Mittwochsangebot.

Man fragt sich, woher die Autorin all die facettenreich inszenierten Soziolekte kennt. Wo sie all diese exemplarisch grauenhaften Inneneinrichtungen, rituellen Balztänze und Mittagspausentristessen gesehen hat. Es ist, als hätte sie in Wallraffscher Tradition in allen sozialen Schichten under cover recherchiert. Dieser Panorama-Tobsuchtsanfall entwickelt bald eine kathartische Wirkung: Der schaukelnde Duftbaum, Marke abgeholzter Regenwald, das 100 Prozent biologisch abbaubare Menstruationsschwämmchen und der leere, graue, graue Himmel, in dem nicht mal mehr ein Duftbaum baumelt, können einem plötzlich nichts mehr anhaben. Man denkt einfach nur: Herrlich, alles wie in Madame Berserkers Roman. Man ist immunisiert.

Bei Bergs Generalabrechnung mit Gott und Vaterland kann vielleicht hin und wieder ein Absatz daneben gehen. In die hyperventilierende Tirade können sich vielleicht ein, zwei weniger inspirierte Ausfälle einschleichen. Aber das mindert die Qualität dieser Prosa nicht im Geringsten. Im Gegenteil: Der Mut zum Fehlschlag gehört hier zum ästhetischen Programm. Perfekt sind die live operierten Nasen der gecasteten Popstars. Perfekt ist das Layout überflüssiger Sonntagszeitungen. Wenn alles, vom neuen Aldi-Flagstore an der Umgehungsstraße bis hin zum deutschen Gegenwartsroman, öde häßlich durchgestylt ist, wird roher Furor zur legitimen Notwehr.

Sibylle Berg setzt auf Risiko. Ihre Prosa ist das ultimative Ende der embedded Lahmschreiberei. Diese mutige Autorin entfernt sich fluchend von der Truppe und macht Schluß mit der faden Bachblütenprosa aus den Mädchenpensionaten für höhere Strebertöchter und den albernen Literaturinstituten der gezähmten Republik. Dieser kristallklar leuchtende Rundumschlag erinnert entfernt an das unzähmbar rotierende Temperament des Wüterichs Louis-Ferdinand Céline. Berg pflegt dieselbe Liebe zu Farce und Bouffonnerie, dieselbe Schwäche für clowneske Picaros. Sie nimmt ihre Albernheiten sehr ernst, dreht und wendet sie, schaut sie mit einem verblüffenden Knick in der Optik an und verwandelt sie in Poesie. Genau. Poesie. Punkt.

Kein deutschsprachiger Gegenwartsautor beherrscht die aufklärerische Groteske wie Madame Berserker. Niemand treibt eine Handlung mit so wieselflinker Phantasie und ähnlich originellem Aberwitz durch rauchende Splattercomiclandschaften. Niemand sagt mit ähnlichem Nachdruck, Tempo und Humor, wie es ist und „Leckt mich“. Berg schöpft aus einem sehr zeitgenössischen Formenfundus. Hier haben „South Park“ und die „Simpsons“ Pate gestanden und nicht die ollen Romanbiedermeier aus den vergangenen Jahrhunderten. Es soll ja noch Autoren geben, die erst Fontane lesen, bevor sie ihre geblümten Rüschenkleidchen und nachtblauen Anzughosen beschreiben.

Mit Sibylle Berg ist der Gegenwartsroman am nächsten bei den schnellen Schnitten der Videospiele. Doch hier amüsiert man sich nicht mit hirnverbrutzelnden Ego-Shootern, sondern beobachtet eine Erzählerin bei der unbarmherzigen Anatomie all der kaputten Egos, ihres eigenen mit eingeschlossen. En passant liest man zahllose bissige Bon Mots und leuchtende Glanzstücke über Conditio Humana, Liebe, Haß und kritischer Wolkentheorie: „Korrekte Wolken in Mörder-, Hasen- oder Nachgeburtform habe ich lange nicht mehr gesehen."

Sibylle Berg ist eine der wenigen deutschsprachigen Autoren, für die es sich noch lohnt, eine Buchhandlung zu überfallen. Es ist, als hätte sich Michel Houellebecq einer Geschlechtsumwandlung unterzogen und plötzlich endlich schreiben gelernt. Berg hat ein ganz spezielles Genre des luziden epischen Amoklaufes entwickelt, das eine erstaunliche Mischung aus meinungsfreudiger Bestandsaufnahme des Häßlichen und melancholischer Suche nach dem Schönen ist. „Ende gut“ ist ein detailversessenes Archiv der bösartigen Viren, häßlichen Dinge und gemeinen Ideen, die unser Leben verseuchen. Aber es ist auch ein spannender Abenteuerroman, der schließlich, man glaubt es kaum, den Schatz des stillen Glücks auf einer unspektakulären Insel hebt. In Finnland. Wo sonst.

Unbeholfene Autorendarsteller wie Maxim Biller oder Feridun Zaimoglu markieren immer mal wieder gerne den wilden Mann. Aber keine Angst: Die wollen nur spielen. Sibylle Berg macht Ernst.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.stephanmaus.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0804 LYRIKwelt © Stephan Maus

***

Ende gut von Sibylle Berg, 2004, KiWi2.)

Ende gut.
Roman von Sibylle Berg (2004, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Wolfgang Schneider in Neue Züricher Zeitung vom 30.06.2004:

Virtuoses Lamento
Sibylle Berg kultiviert den Weltekel

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf die Kappe, in allen Lüften hallt es wie Geschrei. Die Apokalypse ist Sibylle Bergs Arbeitshypothese, «Ende gut» ein Buch der Katastrophenlust. Der Roman spielt vor islamistischen Drohkulissen in einer nahen Zukunft der schlimmsten Art: Demonstrationen, Explosionen, tausend Attentate, von denen keiner mehr hören will, Giftgaswolken, Killerviren, versehentlich einschlagende Raketen, brennende Rathäuser, Strassensperren und Kadaver auf allen Wegen. Gleichzeitig hat sich Mutter Natur zur Rache entschlossen: Eisschmelzen am Pol, Überschwemmungen, Tornados in Süddeutschland, Erdrutsche sondergleichen. Die alte Sehnsucht der Menschheit, metaphysisch abgestraft zu werden, wird übererfüllt.

In diesem glücklicherweise nicht völlig ernst zu nehmenden Inferno irrt die Ich-Erzählerin um ihr Leben. Hamburg, Berlin und Weimar sind Stationen ihres Fluchtweges, der schliesslich hinauf in den hohen Norden führt, nach Finnland, wo es noch ein paar verschonte Regionen gibt. Als es der Erzählerin gelingt - gegen die Grundregeln literarischer Interpretation darf man sie ruhig mit Frau Berg verwechseln -, dort auch noch einer Kolonie deutscher Ausgewanderter, Gutmenschen reinsten Wassers, zu entrinnen, steht einem jähen guten Ende nichts mehr im Wege. Ein lautes Buch geht leise zu Ende. Und auch leise Töne können falsch klingen.

Panorama der Trostlosigkeiten

So viel zur Handlung, die zwar dem Lesefluss dient, sonst aber nichts als eine Farce ist. Wie alle bisherigen Werke von Sibylle Berg ist «Ende gut» ein Buch von erwartbar schlechter Laune, ein Panorama der Trostlosigkeiten. Der Übergang ins Weltuntergangsszenario ergibt sich fast beiläufig, denn der kollabierende Alltag, wie Sibylle Berg ihn beschreibt, ist immer schon am Vorabend der Apokalypse angesiedelt. Die Erzählerin ekelt sich vor dem banalen Leben in gewöhnlichen Wohnstuben und der allgemeinen Ausweitung der Einkaufszone, am meisten verabscheut sie jedoch die stilisierten Existenzen, die vorgeben, etwas Besonderes zu sein: «Lifestyleredakteusen» und die Welt, die sie erschaffen. Sibylle Berg macht sich lustig über die Trendforscherei in den Magazinen - allerdings war die schärfste Kritikerin der Trendforscher früher selber eine solche Forscherin. Ist, genaugenommen, immer noch eine, denn viele Phänomene, die die kolumnenerprobte Autorin auf die kalte Nadel ihres Sarkasmus spiesst, gehören in den Bereich der Moden und Lebensstile. All das, was den archivierungslustigen Poproman ausmacht, findet man auch in «Ende gut». Nur dass von affirmativer Verliebtheit ins Detail nun wirklich keine Rede sein kann. Sibylle Berg scannt den Zeitgeist - aber sie tut dies aus der unzeitgemässen Perspektive eines methodischen Pessimismus.

Bergs Weltekel speist sich aus einem unerledigten romantischen Potenzial. Dass die Liebe nicht dem Traum von Liebe entspricht, wird ihr nicht verziehen. Und dem Menschen wird vor allem nicht verziehen, dass er aus einer erbärmlich-erbarmungswürdigen Substanz besteht: dem nackten Fleisch. Das eigentliche Desaster in «Ende gut» ist deshalb auch gar nicht der Weltuntergang, sondern die Tatsache, dass die Erzählerin mittlerweile «um die vierzig» ist. Ein Alter, in dem man sich nicht mehr vormachen kann, dass die eigene Existenz noch in den Einzugsbereich der Jugend gehört. Wer nicht jung ist, ist alt.

Der Terror hat sichtlich Konjunktur in der jüngeren Literatur. Das ist zuweilen unappetitlich. Auch bei Sibylle Berg scheinen Gewalt und Tod zum belletristischen Accessoire zu werden. Anders aber als zum Beispiel Frédéric Beigbeder in seinem ebenso dilettantischen wie auf den Effekt kalkulierten Roman über den 11. September («Windows on the World») ist Sibylle Berg keine blosse Trittbrettfahrerin des Grauens.

Trübsinn und Sprachwitz

Zwar ist die Komposition des ausschweifend vor sich hin räsonierenden Romans dürftig, aber trotzdem hat «Ende gut» beträchtlichen Unterhaltungswert. Die bis zur Armseligkeit verknappte Sprache von Bergs ersten Büchern - Stummelsätze, die so kaputt sein wollten wie die Welt draussen - ist einem virtuosen Lamento gewichen. Der Trübsinn wird durch Sprachwitz und Komik ausbalanciert, vor allem in den Stimmen-Imitationen, die den Bericht der Erzählerin regelmässig unterbrechen und für Auflockerung der negativistischen Verbissenheit sorgen. Es sind surreal entstellte «O-Töne» aus der deutschen Lebenswirklichkeit, mit einer Spannbreite vom Drogenwrack bis zum jungen Feuilletonchef, kabarettistische Kabinettstückchen, die grelle Funken aus Klischees schlagen.

«Leben ist schlechter Geruch», «Kein Mensch taugt zu etwas Uneigennützigem, Gutem» - da man auf jeder Seite solchen Sätzen begegnet, ist der Vorwurf routinierter Grämlichkeit schwer zu entkräften. Man könnte ihn allerdings auch gegen Robert Burton, Schopenhauer, Céline, Thomas Bernhard und andere Grössen des abendländischen Geisteslebens wenden. Also lässt man es lieber bleiben und freut sich darüber, dass die schwarzgallige literarische Tradition von Sibylle Berg entschlossen fortgeführt wird.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 0905 LYRIKwelt © NZZ