1.).
- 5.)
Empörung.
Roman von Philip Roth (2009,
Hanser - Übertragung Werner Schmitz).
Besprechung von Michael Schleicher im Münchner Merkur,
4.2.2009:
Rebell wider Willen
Philip Roth begleitet in „Empörung“ einen Studenten auf
dem Weg in die Welt.
Es war zu ahnen. Schließlich hat der Autor selbst seinen Lesern genug Hinweise gegeben. Ja, es wird sogar recht früh klar, dass in diesem Buch ein Toter nochmals sein Leben Revue passieren lässt. Die Umstände des Sterbens aber offenbaren sich erst auf den letzten Seiten. Das zeigt eben die Könnerschaft von Philip Roth. Der Schluss von „Empörung“ gibt der Geschichte eine weitere Dimension.
In seinem neuen Roman, der heute erscheint, beschäftigt
sich der US-
Roth hat einen recht kurzen, aber dichten und spannenden
Roman geschrieben. „Empörung“ besticht durch klare Sätze, den Tonfall der
Dialoge, einen stimmigen Erzählbogen. Man folgt Roth gerne auf diese kuriose,
erschreckende, erotische und komische Reise, auf die er den jungen Helden
schickt. Denn Markie, dem es doch aus naheliegenden Gründen so wichtig ist,
nicht als Soldat nach Korea zu müssen, führt bereits in der Heimat seinen
eigenen Kampf, gegen Eltern und andere Autoritäten, gegen Frauen und Freunde.
Mit Wohlwollen begleitet der Autor seinen Protagonisten bei der Suche nach
seinem Platz in der Welt der Erwachsenen. Und dennoch: Roth wäre kein gefeierter
Gegenwarts-
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2.)
Empörung.
Roman von Philip Roth (2009,
Hanser - Übertragung Werner Schmitz).
Besprechung von Jobst-Ulrich Brand aus dem FOCUS,
3.2.2009:
Schreiben, um zu überleben
Mit erstaunlicher Konstanz wirft der 75-jährige Amerikaner
Philip Roth jedes Jahr einen Roman auf den Markt – und dann sind diese Bücher
alle auch noch gnadenlos gut.
Keine Botschaft
Das Thema lag nahe für Philip Roth – der Korea-Krieg war eine der wenigen
Großereignisse der amerikanischen Geschichte im 20. Jahrhundert, das er noch
nicht behandelt hatte. Kritiker haben das Buch als Allegorie gewertet, als ein
Statement über und gegen den Irak-Krieg. Doch das weist Philip Roth weit von
sich. Nein, er schreibe über das, worüber er schreibe. Eine Botschaft, eine
politische gar, habe er nicht. Er erzähle eine Geschichte, von der er, bevor er
sich an ein Buch setzt, gar nicht wisse, in welche Richtung sie sich entwickelt.
Eine Geschichte also, der er folge, weil sie ihn selbst mitreiße.
Und so kommt es, dass er abtaucht in eine Art Arbeitsrausch. Eine Seite pro Tag
will er schaffen. Das ist das Mindestprogramm. Meist werden es mehr. Komplett
abgeschottet hat er sich, wenn er an einem neuen Roman arbeitet. Er sitzt mitten
in Manhattan, aber hinter schalldichten Fenstern. Dabei, so Philip Roth, ist
sein Pensum viel geringer geworden – und er gelassener. Er gönnt sich Freizeit,
das war vor ein paar Jahren anders, als er noch nicht in New York lebte, sondern
auf dem Land und ohne Ablenkung schrieb. Jetzt aber verbringt er jeden Morgen
eine Stunde im Fitness-Club, geht mehrmals die Woche aus und schaut – auch eine
Arte Sucht – exzessiv Baseball im Fernsehen.
Welch Produktivität!
Eigentlich würde er sich gerne zur Ruhe setzen, wie jeder normale Werktätige,
hat er neulich dem SZ-Magazin anvertraut. Nur dann, da sei er sich ziemlich
sicher, wäre sein Leben schlagartig zu Ende. Nein, die Arbeit erhalte ihm das
Dasein. Punktum. Es ist keine Koketterie. Über das Schreiben vergewissert er
sich seiner Umgebung. Schreiben sei für ihn Therapie. Und dann zitiert er einen
Satz von Saul Bellow: Für jeden
Schriftsteller sei es unmöglich, in der Mitte eines Romans zu sterben. Wohl auch
deshalb stürzt sich Philip Roth, kaum dass er ein Buch fertig gestellt hat, ins
nächste. Sein 30. Roman soll im Herbst in den USA erscheinen, der 31. ist fast
fertig. Welch eine Produktivität!
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3.)
Empörung.
Roman von Philip Roth (2009,
Hanser - Übertragung Werner Schmitz).
Besprechung von Peter Michalzik aus der Frankfurter Rundschau,
04.02.2009:
200 Seiten hat der neue Roman von Philip Roth in seiner deutschen Übersetzung, der jetzt unter dem Titel "Empörung" erschienen ist, 200 schlanke Seiten nur. Trotzdem steht dieses Buch so wuchtig da wie ein starker Stamm und ist so heftig wie ein fallender Fels.
Zwei Kräfte sind es, die deutlich wie noch nie in Roths Buch miteinander im Widerstreit liegen. Zwei Kräfte, die man benennen kann, die dadurch aber doch viel von der überwältigenden Eindruck verlieren, die sie in diesem Roman haben. Sigmund Freud hat sie benannt, als er die Worte Libido und Todestrieb fand. Roth benennt sie nicht, er evoziert sie, dadurch aber stehen sie viel präsenter im Raum und treffen den Leser, dieses äußerlich so ruhige Wesen, mit dieser ungeheuren Wucht.200 Seiten sind
es, auf denen das Leben von Marcus Messner erzählt wird - und zwar von ihm
selbst. Die Erzählung beginnt mit seinem Eintritt ins College im September 1950
und endet zwei Jahre später. Zwei Jahre, 200 Seiten, das ist kurz, aber da ist
alles drin.
Die eine Kraft verkörpert Marcus Messner selbst, ein junger Mann, der den
bigotten Gottesdienst am College nicht erträgt und der die falsche Töne in der
Fürsorge durch den Dekan des Colleges ebenso wenig ertragen kann. Eine
regelrechte Qual aber scheint für Messner die übertriebene Ängstlichkeit seines
Vaters zu sein. Da wird das Buch dunkel, die Empörung über Gottesdienst und
Dekan ist weitaus expliziter als das Leiden am Vater.
Vielleicht tut Markie das alles, weil er hofft, so nicht
eingezogen zu werden, vielleicht hat er aber auch ganz andere Gründe, die er
selbst noch nicht richtig weiß. Markie ist jung, und wir werden es nie erfahren.
Wieder eine Frage, die das Buch im Dunkel lässt, so dass die Bedrohung umso
deutlicher wird. Weil die "Sitten auf dem Campus" so bigott sind, wie sie sind,
und weil er das nicht erträgt, wird er keine Möglichkeit haben, sich zu
entwickeln und zu erproben.
Höhepunkt des Buches ist die Auseinandersetzung mit dem Dekan, ein langes
Gespräch, wunderbar antithetisch und doch lebendig aufgebaut, eine
Auseinandersetzung voller Spannung, in dem es ohne einen wirklichen Anlass um
den großen Konflikt geht. Der Dekan kritisiert Markies Lebensweise, seine
Zurückgezogenheit, weil er die Unangepasstheit, die sich hinter seinen
hervorragenden Noten versteckt, genau spürt. Beide kämpfen hartnäckig und
versiert um jeden Meter Boden, bis hin zu einer langen Passage, in der Markie
wörtlich und beeindruckend Bertrand Russell und seinen Vortrag "Warum ich kein
Christ bin" zitiert.
Überhaupt ist Roth Buch meisterhaft aufgebaut, immer bewegt es sich präzise am
Thema entlang, nie schweift Roth ab, nie entwickelt sich die Geschichte in eine
Richtung, die ihr etwas von ihrem exemplarischen Charakter nehmen würde, nie
aber wirkt sie so, als sei sie auf diese exemplarische Qualität hin konstruiert,
immer wirkt sie gelassen und frei erzählt.
Hat man "Empörung" gelesen, muss man fast unweigerlich auf die Idee kommen, dass
Empörung - neben Sex - schon immer Roth' großes Thema gewesen ist, und dass
beide - Sex und Empörung - Schwestern im Geist sind, die im Namen der Freiheit
die Köpfe zusammenstecken. Zu beiden gehört ein kämpferischer, aufmüpfiger,
juveniler Geist. Manchmal erscheint Amerika, das Reich der Freiheit, wie ein
Gefängnis, wenn sie die Regie übernehmen.
Nach seinen letzten Büchern, "Everyman" und mehr noch nach "Exit Ghost", konnte
man der Ansicht sein, der 1933 geborene Roth würde langsam etwas von seiner
enormen schriftstellerischen Spannkraft einbüßen. "Empörung" erweist das
Gegenteil. John Updike ist tot, viele andere
sind tot, nun ist Philip Roth der Autor, der - vielleicht noch neben
Don DeLillo - den amerikanischen Roman und
seine große Epoche repräsentiert. Ian McEwan
hat direkt nach Updikes Tod darauf hingewiesen.
Roths Bücher transportieren den Geschmack ihrer Zeit und Welt. Auch Markie, der
mit 19 Jahren stirbt, kommt wie viele andere Helden von Roth aus New Jersey.
Wann er geboren ist, kann sich jeder selbst ausrechnen. Roths Bücher strotzen
vor Intelligenz, sie sind voll narrativer Ironie, sie haben Drive. Das alles ist
in den 200 Seiten von "Empörung" noch einmal in bewundernswerter Weise
enthalten.
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4.)
Empörung.
Roman von Philip Roth (2009,
Hanser - Übertragung Werner Schmitz).
Besprechung von Bernd Berke in Westfälische
Rundschau, 11.02.2009:
"Empörung": Student redet sich um Kopf und Kragen
Das ist das Wunderbare an Literatur: Dass sie einen in alle Zeiten und Rollen eintauchen lässt. Wollte man nicht immer schon mal wissen, was ein US-Student 1951 (zur Zeit des Koreakrieges) so getrieben und wie er sich dabei gefühlt hat?
Der Student heißt Marcus Messner, ist Sohn eines jüdisches (koscheren) Metzgers in New Jersey und weiß auch anschaulich von diesem blutigen Metier zu berichten, weil er seinem Vater einige Zeit im Geschäft geholfen hat.
Nun aber besucht Marcus das College – und wird seines Erzeugers nicht mehr froh. Denn der macht sich auf einmal derart viele Sorgen um seinen Sohn, dass er ihm nachspioniert und ihn am liebsten vor aller bedrohlichen Welt wegsperren würde. Bisher konnte man vernünftig mit dem Manne reden, doch nun? Es ist fürchterlich. Auch die Mutter leidet.
Marcus zieht die Konsequenz und schreibt sich an einem anderen, weit vom Elternhaus entfernten College ein. Dort erlebt er nun diverse Reifeprüfungen des Lebens – keineswegs nur geistige.
Die schöne Olivia beendet den Triebstau
Da ist vor allem die bezaubernde Olivia Hutton, die es ihm gleich beim ersten Date oral besorgt – und das in den jenen prüden Zeiten, die sonst meist nur den sexuellen Triebstau kennen. Wow! Er kann's kaum glauben, dass ihm so viel Gutes widerfährt.
Doch aus der unverhofften Fleischeslust erwachsen Sorgen. Olivia erweist sich als Problemfrau sondergleichen. Mit ihren nicht einmal 20 Jahren ist sie schon Alkoholikerin und hat einen Selbstmordversuch hinter sich. Außerdem sind Marcus' Zimmergenossen auf dem Campus unerträgliche Stinkstiefel, so dass er ständig umzieht – bis es dem Dean (etwa: Dekan) zu bunt wird. Er bittet Marcus zur hochnotpeinlichen Aussprache übers Sozialverhalten (Vorwurf: ständige Flucht vor unangenehmer Realität). Dabei redet sich der eloquente, eigensinnige Student aus lauter Freiheitsdurst in eine Empörung hinein, ja er redet sich wohl schier um Kopf und Kragen . . .
Wenn man das alles mit fliegendem Atem liest, möchte man meinen, es mit dem Buch eines ganz jungen Autors zu tun zu haben, der aus unmittelbar praller Erfahrung berichtet. Frisch und frech klingt alles hier. Philips Roth ist 1933 geboren, er kannte also die Zeit um 1951 als ganz junger Mann. Und sie ist ihm offenbar sprühend lebendig geblieben. Staunenswert.
Marcus und vieler seiner Altersgenossen fühlen sich allseits gefesselt – von starren gesellschaftlichen Konventionen, religiösen und familiären Rücksichten usw. Da droht sich etwas gewaltsam zu entladen. Doch die Revolten der 60er Jahre sind noch weit entfernt. Jungspunde, die nicht spuren und über die Stränge schlagen, werden um 1951 kurzerhand in den schrecklichen Kriegseinsatz nach Korea geschickt. Dieses mögliche Verhängnis schwebt jedenfalls als vage, aber düstere Verheißung über dem gesamten Geschehen dieses Romans und färbt insgeheim jede Handlung ein.
Philip Roth lässt den Leser nicht nur schwelgen und bangen, sondern gibt dem Buch gegen Schluss eine ungeahnte Wende, die alles Vorherige in ein anderes Licht stellt. Viel mehr wollen wie hier nicht verraten, sonst würde der Kunstgriff des Romanciers an Wirkung einbüßen. Nur so viel: Schmerz linderndes Morphium ist im Spiel. Doch es gibt Schmerzen, die letztlich nicht zu lindern sind . . .
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5.)
Empörung.
Roman von Philip Roth (2009,
Hanser - Übertragung Werner Schmitz).
Besprechung von Jens Dirksen aus der
NRZ vom
03.03.2009:
Jugend als Kampf und Massaker
Wohltuend ironisch und doch plausibel bis ins Detail hat Philip Roth
beschrieben, dass das Alter kein Kampf, sondern ein Massaker ist, wie es in
seinem Roman „Jedermann" heißt. Umso erfrischender, dass Roth nun einen jungen
Burschen durch sein neues Buch schickt, das eher den dramatischen Spannungsbogen
einer Novelle als den eines Romans hat: Marcus Messner, Sohn eines koscheren
Metzgers aus Newark, New Jersey, ist gerade aufs College gekommen, als
nordkoreanische Divisionen über den 38. Breitengrad vordringen. Als Messner dann
an ein College im beschaulichen Winesburg, Ohio, wechselt, geht der Koreakrieg
schon ins zweite Jahr.
Das Fallbeil Einberufung
Unablässig hängt über ihm das Fallbeil der Einberufung,
sobald er das College verlässt. Und doch steigt in diesem literarischen Bruder
von J. D. Salingers Holden Caulfield das
hoch, was dem Buch den Titel gab: Empörung. Messner, der mit einiger Sicherheit
das College als Jahrgangsbester absolvieren würde, wenn er sich irgendwie und
mit Kompromissen durchschlagen würde, zieht aber den aufrechten Gang vor. Als
jüdischer Atheist sieht er sich doppelter Diskriminierung ausgesetzt, vom
erzwungenen Gottesdienstbesuch bis zur Isolation für einen, der nicht einmal der
jüdischen Außenseiter-Verbindung beitreten will.
Es geht allerdings auch anders: In Olivia Hutton, der Arzttochter, die schon
Entziehungskuren hinter sich hat und Narben über ihren Pulsadern und Messner mit
dem ersten Blow-Job überrascht, wendet sich die Empörung zur Wut gegen sich
selbst. Messners Mitschüler fressen die Unterdrückung von Geist und Trieben
ebenfalls in sich hinein – bis sie sich eines Tages in einem gewaltigen Aufstand
der Hemmungslosigkeit entladen: Mitten in einem gewaltigen Schneefall stürmen
die Jungs die Mädchentrakte, verwüsten sie mit Höschenmassakern und Exzessen,
die landesweit Schlagzeilen machen.
Dass sich Messner da raushält, nützt ihm ebenso wenig wie der Rat eines
Mitschülers, gegen Geld jemand anderen zum Gottesdienst zu schicken:
Ausgerechnet dieser Kompromiss, ausgerechnet dieser eine Versuch, den Konflikten
mit der Obrigkeit aus dem Weg zu gehen, wird zum Verhängnis...
Ausgerechnet mit diesem Roman, der scheinbar fünf Jahrzehnte zu spät kommt, zeigt Roth seine Meisterschaft als Erzähler: Auf wenigen Seiten entsteht ein Sittengemälde, ein Mentalitätenpanorama der USA in den frühen 50er Jahren – und das kommt mit so viel Tempo daher, dass es am Ende doch in der Gegenwart landet, in der immer neuen Entscheidung: Stehen bleiben oder einknicken, nachgeben oder sich treu bleiben. (NRZ)
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