Empörung von Philip Roth, 2009, Hanser1.). - 5.)

Empörung.
Roman von Philip Roth (2009, Hanser - Übertragung Werner Schmitz).
Besprechung von Michael Schleicher im Münchner Merkur, 4.2.2009:

Rebell wider Willen
Philip Roth begleitet in „Empörung“ einen Studenten auf dem Weg in die Welt.

Es war zu ahnen. Schließlich hat der Autor selbst seinen Lesern genug Hinweise gegeben. Ja, es wird sogar recht früh klar, dass in diesem Buch ein Toter nochmals sein Leben Revue passieren lässt. Die Umstände des Sterbens aber offenbaren sich erst auf den letzten Seiten. Das zeigt eben die Könnerschaft von Philip Roth. Der Schluss von „Empörung“ gibt der Geschichte eine weitere Dimension.

In seinem neuen Roman, der heute erscheint, beschäftigt sich der US-Erfolgsautor einmal mehr mit der Frage, wie sich – vermeintliche oder tatsächliche – Außenseiter verhalten. Es geht um Diskriminierung und um die Frage, wie kompromissbereit man sein will, ohne sich aufgeben zu müssen. Marcus Messner, 19 Jahre jung, wird 1951 gegen seinen Willen zum Rebellen: Er ist das einzige Kind jüdischer Metzger – und der Erste in seiner Familie, der studiert. Das Studium ist für ihn eine Flucht weg vom Vater, dessen Sorge um sein einziges Kind groteske Formen annimmt. Markie, wie der Junge gerufen wird, sieht in einem erfolgreichen Studium zudem die einzige Möglichkeit, nicht als Kanonenfutter im Korea-Krieg zu enden. Er büffelt für Bestnoten – und gegen die Einberufung.

Roth hat einen recht kurzen, aber dichten und spannenden Roman geschrieben. „Empörung“ besticht durch klare Sätze, den Tonfall der Dialoge, einen stimmigen Erzählbogen. Man folgt Roth gerne auf diese kuriose, erschreckende, erotische und komische Reise, auf die er den jungen Helden schickt. Denn Markie, dem es doch aus naheliegenden Gründen so wichtig ist, nicht als Soldat nach Korea zu müssen, führt bereits in der Heimat seinen eigenen Kampf, gegen Eltern und andere Autoritäten, gegen Frauen und Freunde. Mit Wohlwollen begleitet der Autor seinen Protagonisten bei der Suche nach seinem Platz in der Welt der Erwachsenen. Und dennoch: Roth wäre kein gefeierter Gegenwarts-Autor, wenn es ihm einzig darum ginge, Markies Entwicklungsgeschichte zu erzählen. Die Sinnlosigkeit des Sterbens treibt ihn auch bei „Empörung“ um. Das Buch, das sehr gut, aber kein Meisterwerk ist, reiht sich so elegant ein in das Alterswerk des 76-Jährigen, der seit Jahren zu den Favoriten für den Literaturnobelpreis zählt. Er hätte ihn verdient.

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2.)

Empörung von Philip Roth, 2009, HanserEmpörung.
Roman von Philip Roth (2009, Hanser - Übertragung Werner Schmitz).
Besprechung von Jobst-Ulrich Brand aus dem FOCUS, 3.2.2009:

Schreiben, um zu überleben
Mit erstaunlicher Konstanz wirft der 75-jährige Amerikaner Philip Roth jedes Jahr einen Roman auf den Markt – und dann sind diese Bücher alle auch noch gnadenlos gut.

Schreiben kann eine Droge sein. Ein Elixier, das einen bei Laune hält. Oder überhaupt am Leben. Wer es ernst meint mit dem Schreiben, für den wird es irgendwann zur Daseinsform. Der kann nicht mehr wählen, ob er schreibt oder nicht. Der MUSS schreiben.

So wie der große Amerikaner Philip Roth. Gerade ist „Empörung“ auf Deutsch erschienen, der 29. Roman des 75-Jährigen. Die Geschichte handelt von einem Jungen zur Zeit des Koreakriegs in den 50er-Jahren. Er kämpft mit seinem Vater, kämpft mit den Mitschülern am College, kämpft mit der Liebe. Begeht einen dummen Fehler und wird zur Armee eingezogen. Der zufällige Absturz in die Katastrophe.

Keine Botschaft

Das Thema lag nahe für Philip Roth – der Korea-Krieg war eine der wenigen Großereignisse der amerikanischen Geschichte im 20. Jahrhundert, das er noch nicht behandelt hatte. Kritiker haben das Buch als Allegorie gewertet, als ein Statement über und gegen den Irak-Krieg. Doch das weist Philip Roth weit von sich. Nein, er schreibe über das, worüber er schreibe. Eine Botschaft, eine politische gar, habe er nicht. Er erzähle eine Geschichte, von der er, bevor er sich an ein Buch setzt, gar nicht wisse, in welche Richtung sie sich entwickelt. Eine Geschichte also, der er folge, weil sie ihn selbst mitreiße.

Und so kommt es, dass er abtaucht in eine Art Arbeitsrausch. Eine Seite pro Tag will er schaffen. Das ist das Mindestprogramm. Meist werden es mehr. Komplett abgeschottet hat er sich, wenn er an einem neuen Roman arbeitet. Er sitzt mitten in Manhattan, aber hinter schalldichten Fenstern. Dabei, so Philip Roth, ist sein Pensum viel geringer geworden – und er gelassener. Er gönnt sich Freizeit, das war vor ein paar Jahren anders, als er noch nicht in New York lebte, sondern auf dem Land und ohne Ablenkung schrieb. Jetzt aber verbringt er jeden Morgen eine Stunde im Fitness-Club, geht mehrmals die Woche aus und schaut – auch eine Arte Sucht – exzessiv Baseball im Fernsehen.

Welch Produktivität!

Eigentlich würde er sich gerne zur Ruhe setzen, wie jeder normale Werktätige, hat er neulich dem SZ-Magazin anvertraut. Nur dann, da sei er sich ziemlich sicher, wäre sein Leben schlagartig zu Ende. Nein, die Arbeit erhalte ihm das Dasein. Punktum. Es ist keine Koketterie. Über das Schreiben vergewissert er sich seiner Umgebung. Schreiben sei für ihn Therapie. Und dann zitiert er einen Satz von Saul Bellow: Für jeden Schriftsteller sei es unmöglich, in der Mitte eines Romans zu sterben. Wohl auch deshalb stürzt sich Philip Roth, kaum dass er ein Buch fertig gestellt hat, ins nächste. Sein 30. Roman soll im Herbst in den USA erscheinen, der 31. ist fast fertig. Welch eine Produktivität!

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Empörung von Philip Roth, 2009, Hanser3.)

Empörung.
Roman von Philip Roth (2009, Hanser - Übertragung Werner Schmitz).
Besprechung von Peter Michalzik aus der Frankfurter Rundschau, 04.02.2009:

Schmerzhaftes Buch von Philip Roth
"Sie können mich mal!"

200 Seiten hat der neue Roman von Philip Roth in seiner deutschen Übersetzung, der jetzt unter dem Titel "Empörung" erschienen ist, 200 schlanke Seiten nur. Trotzdem steht dieses Buch so wuchtig da wie ein starker Stamm und ist so heftig wie ein fallender Fels.

Zwei Kräfte sind es, die deutlich wie noch nie in Roths Buch miteinander im Widerstreit liegen. Zwei Kräfte, die man benennen kann, die dadurch aber doch viel von der überwältigenden Eindruck verlieren, die sie in diesem Roman haben. Sigmund Freud hat sie benannt, als er die Worte Libido und Todestrieb fand. Roth benennt sie nicht, er evoziert sie, dadurch aber stehen sie viel präsenter im Raum und treffen den Leser, dieses äußerlich so ruhige Wesen, mit dieser ungeheuren Wucht.

200 Seiten sind es, auf denen das Leben von Marcus Messner erzählt wird - und zwar von ihm selbst. Die Erzählung beginnt mit seinem Eintritt ins College im September 1950 und endet zwei Jahre später. Zwei Jahre, 200 Seiten, das ist kurz, aber da ist alles drin.

Die eine Kraft verkörpert Marcus Messner selbst, ein junger Mann, der den bigotten Gottesdienst am College nicht erträgt und der die falsche Töne in der Fürsorge durch den Dekan des Colleges ebenso wenig ertragen kann. Eine regelrechte Qual aber scheint für Messner die übertriebene Ängstlichkeit seines Vaters zu sein. Da wird das Buch dunkel, die Empörung über Gottesdienst und Dekan ist weitaus expliziter als das Leiden am Vater.

Marcus Messner ist ein junger Mann, der die markige Eindeutigkeit des kurzen Satzes "Sie können mich mal!" gewundenen Worten vorzieht. Auf der anderen Seite kann Marcus Messner, Markie nennen ihn seine Eltern, nichts dagegen tun, dass Olivia Hutton seine Obsession wird, obwohl er genau weiß, dass er sich besser von ihr fernhalten würde.

Sie hat ihm, wir befinden uns wie gesagt in den fünfziger Jahren, bei ihrem ersten Rendezvous unglaublicherweise einen geblasen. Und sie hat Narben an den Handgelenken, die sie sich in eindeutiger Absicht selbst zugefügt hat. Sex - und was ist Sex bei Roth, wenn nicht die Lebendigkeit des Lebens selbst - Sex bringt auch diese Geschichte ins Rollen und treibt sie dann vorwärts.

Die andere Kraft aber, die durch dieses Buch tobt und es antreibt, ist finster, tödlich, bedrohlich, in diesem Fall ist es der Korea-Krieg. Diese bedrohliche Düsternis ist man aus Roths Romanen so nicht gewohnt. Schon immer ist Roth ein Meister darin, zeitgeschichtliche Hintergründe zu einem selbstverständlichen Teil seiner Geschichten werden zu lassen. Unvergessen zum Beispiel der Anfang von "Der menschliche Makel", wo Uni-Angestellte über Bill Clinton und Monica Lewinsky geredet haben und dabei mehr über Amerikas Sexualmoral verraten haben, als kluge Studien, Analysen oder Kommentare je werden zu Tage fördern können. Eine der Rollen von Philip Roth ist, zumindest seit "Sabbaths Theater", die des Chronisten Amerikas. Hier aber, in "Empörung", ist der zeitgeschichtliche Hintergrund noch mehr als ein perfekt integrierter Teil der Erzählung, er ist jene dunkle Macht, die ganz im Zeichen des Todes steht, und die auch auf Markies Leben viel Einfluss nehmen wird.

Beide Kräfte, das, was zum Tod und das, was zum Leben zieht, kämpfen in diesem Buch verbittert gegeneinander. Der Krieg bleibt dabei fern und bedrohlich, Markie dagegen ist präsent und vital. Der Krieg erscheint mit jener Gelassenheit, die der wirklich Mächtige ausstrahlt, Markie dagegen ist voll jener Erregung, die ihn als einen Novizen des Lebens auszeichnet. Man ahnt - und weiß es zu einem relativ frühen Zeitpunkt dann auch -, wer hier als Sieger vom Platz gehen wird.

Dieser Punkt, wo man alles erfährt, wo sich alles entscheidet, lässt sich genau angeben. Er steht im Buch auf Seite 52: "Und selbst als Toten, der ich bin, und zwar wer weiß wie lange schon, beschäftigt mich immer noch die Rekonstruktion der Sitten, die damals auf diesem Campus herrschten..." Dieser Satz trifft den Leser mit der bereits angesprochenen Wucht, er ist das Konzentrat des Buches. Warum allerdings Übersetzer Werner Schmitz und der Hanser Verlag hier, bei diesem entscheidenden Satz, eine Konstruktion wählen, bei der man den Sinn vergisst, weil man über die Grammatik stolpert, ist schwer zu verschmerzen. "...als Toten, der ich bin..."? Umso mehr als die Übersetzung Roths Sprache mit ihrer kraftvollen Eleganz auch im Deutschen blühen lässt.

Markie ist der einzige Sohn eines Ehepaars aus New Jersey. Die beiden sind koschere Metzger. Blut, das Blut der Tiere, ist ein wesentlicher Teil von Markies Kindheit und Jugend. Seine Mutter ist eine herzenswarme, starke Frau, sein Vater ein tüchtiger Mann, aber er wird verrückt vor übersteigerter Sorge um seinen einzigen und über alles geliebten Sohn, der - als er zu studieren beginnt - den Gefahren des Lebens nun allein ausgesetzt ist. Dabei scheint Markie ganz in des Vaters Sinn zu funktionieren, er schreibt eine gute Note nach der anderen, er ist gewissenhaft, unauffällig und trägt an den Wochenenden durch Arbeit in einem Diner zu seinem Lebensunterhalt bei.

Vielleicht tut Markie das alles, weil er hofft, so nicht eingezogen zu werden, vielleicht hat er aber auch ganz andere Gründe, die er selbst noch nicht richtig weiß. Markie ist jung, und wir werden es nie erfahren. Wieder eine Frage, die das Buch im Dunkel lässt, so dass die Bedrohung umso deutlicher wird. Weil die "Sitten auf dem Campus" so bigott sind, wie sie sind, und weil er das nicht erträgt, wird er keine Möglichkeit haben, sich zu entwickeln und zu erproben.

Höhepunkt des Buches ist die Auseinandersetzung mit dem Dekan, ein langes Gespräch, wunderbar antithetisch und doch lebendig aufgebaut, eine Auseinandersetzung voller Spannung, in dem es ohne einen wirklichen Anlass um den großen Konflikt geht. Der Dekan kritisiert Markies Lebensweise, seine Zurückgezogenheit, weil er die Unangepasstheit, die sich hinter seinen hervorragenden Noten versteckt, genau spürt. Beide kämpfen hartnäckig und versiert um jeden Meter Boden, bis hin zu einer langen Passage, in der Markie wörtlich und beeindruckend Bertrand Russell und seinen Vortrag "Warum ich kein Christ bin" zitiert.

Überhaupt ist Roth Buch meisterhaft aufgebaut, immer bewegt es sich präzise am Thema entlang, nie schweift Roth ab, nie entwickelt sich die Geschichte in eine Richtung, die ihr etwas von ihrem exemplarischen Charakter nehmen würde, nie aber wirkt sie so, als sei sie auf diese exemplarische Qualität hin konstruiert, immer wirkt sie gelassen und frei erzählt.

Hat man "Empörung" gelesen, muss man fast unweigerlich auf die Idee kommen, dass Empörung - neben Sex - schon immer Roth' großes Thema gewesen ist, und dass beide - Sex und Empörung - Schwestern im Geist sind, die im Namen der Freiheit die Köpfe zusammenstecken. Zu beiden gehört ein kämpferischer, aufmüpfiger, juveniler Geist. Manchmal erscheint Amerika, das Reich der Freiheit, wie ein Gefängnis, wenn sie die Regie übernehmen.

Nach seinen letzten Büchern, "Everyman" und mehr noch nach "Exit Ghost", konnte man der Ansicht sein, der 1933 geborene Roth würde langsam etwas von seiner enormen schriftstellerischen Spannkraft einbüßen. "Empörung" erweist das Gegenteil. John Updike ist tot, viele andere sind tot, nun ist Philip Roth der Autor, der - vielleicht noch neben Don DeLillo - den amerikanischen Roman und seine große Epoche repräsentiert. Ian McEwan hat direkt nach Updikes Tod darauf hingewiesen.

Roths Bücher transportieren den Geschmack ihrer Zeit und Welt. Auch Markie, der mit 19 Jahren stirbt, kommt wie viele andere Helden von Roth aus New Jersey. Wann er geboren ist, kann sich jeder selbst ausrechnen. Roths Bücher strotzen vor Intelligenz, sie sind voll narrativer Ironie, sie haben Drive. Das alles ist in den 200 Seiten von "Empörung" noch einmal in bewundernswerter Weise enthalten.

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Empörung von Philip Roth, 2009, Hanser4.)

Empörung.
Roman von Philip Roth (2009, Hanser - Übertragung Werner Schmitz).
Besprechung von Bernd Berke in Westfälische Rundschau, 11.02.2009:

"Empörung": Student redet sich um Kopf und Kragen

Das ist das Wunderbare an Literatur: Dass sie einen in alle Zeiten und Rollen eintauchen lässt. Wollte man nicht immer schon mal wissen, was ein US-Student 1951 (zur Zeit des Koreakrieges) so getrieben und wie er sich dabei gefühlt hat?

Der Student heißt Marcus Messner, ist Sohn eines jüdisches (koscheren) Metzgers in New Jersey und weiß auch anschaulich von diesem blutigen Metier zu berichten, weil er seinem Vater einige Zeit im Geschäft geholfen hat.

Nun aber besucht Marcus das College – und wird seines Erzeugers nicht mehr froh. Denn der macht sich auf einmal derart viele Sorgen um seinen Sohn, dass er ihm nachspioniert und ihn am liebsten vor aller bedrohlichen Welt wegsperren würde. Bisher konnte man vernünftig mit dem Manne reden, doch nun? Es ist fürchterlich. Auch die Mutter leidet.

Marcus zieht die Konsequenz und schreibt sich an einem anderen, weit vom Elternhaus entfernten College ein. Dort erlebt er nun diverse Reifeprüfungen des Lebens – keineswegs nur geistige.

Die schöne Olivia beendet den Triebstau

Da ist vor allem die bezaubernde Olivia Hutton, die es ihm gleich beim ersten Date oral besorgt – und das in den jenen prüden Zeiten, die sonst meist nur den sexuellen Triebstau kennen. Wow! Er kann's kaum glauben, dass ihm so viel Gutes widerfährt.

Doch aus der unverhofften Fleischeslust erwachsen Sorgen. Olivia erweist sich als Problemfrau sondergleichen. Mit ihren nicht einmal 20 Jahren ist sie schon Alkoholikerin und hat einen Selbstmordversuch hinter sich. Außerdem sind Marcus' Zimmergenossen auf dem Campus unerträgliche Stinkstiefel, so dass er ständig umzieht – bis es dem Dean (etwa: Dekan) zu bunt wird. Er bittet Marcus zur hochnotpeinlichen Aussprache übers Sozialverhalten (Vorwurf: ständige Flucht vor unangenehmer Realität). Dabei redet sich der eloquente, eigensinnige Student aus lauter Freiheitsdurst in eine Empörung hinein, ja er redet sich wohl schier um Kopf und Kragen . . .

Wenn man das alles mit fliegendem Atem liest, möchte man meinen, es mit dem Buch eines ganz jungen Autors zu tun zu haben, der aus unmittelbar praller Erfahrung berichtet. Frisch und frech klingt alles hier. Philips Roth ist 1933 geboren, er kannte also die Zeit um 1951 als ganz junger Mann. Und sie ist ihm offenbar sprühend lebendig geblieben. Staunenswert.

Marcus und vieler seiner Altersgenossen fühlen sich allseits gefesselt – von starren gesellschaftlichen Konventionen, religiösen und familiären Rücksichten usw. Da droht sich etwas gewaltsam zu entladen. Doch die Revolten der 60er Jahre sind noch weit entfernt. Jungspunde, die nicht spuren und über die Stränge schlagen, werden um 1951 kurzerhand in den schrecklichen Kriegseinsatz nach Korea geschickt. Dieses mögliche Verhängnis schwebt jedenfalls als vage, aber düstere Verheißung über dem gesamten Geschehen dieses Romans und färbt insgeheim jede Handlung ein.

Philip Roth lässt den Leser nicht nur schwelgen und bangen, sondern gibt dem Buch gegen Schluss eine ungeahnte Wende, die alles Vorherige in ein anderes Licht stellt. Viel mehr wollen wie hier nicht verraten, sonst würde der Kunstgriff des Romanciers an Wirkung einbüßen. Nur so viel: Schmerz linderndes Morphium ist im Spiel. Doch es gibt Schmerzen, die letztlich nicht zu lindern sind . . .

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Empörung von Philip Roth, 2009, Hanser5.)

Empörung.
Roman von Philip Roth (2009, Hanser - Übertragung Werner Schmitz).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 03.03.2009:

Jugend als Kampf und Massaker


Wohltuend ironisch und doch plausibel bis ins Detail hat Philip Roth beschrieben, dass das Alter kein Kampf, sondern ein Massaker ist, wie es in seinem Roman „Jedermann" heißt. Umso erfrischender, dass Roth nun einen jungen Burschen durch sein neues Buch schickt, das eher den dramatischen Spannungsbogen einer Novelle als den eines Romans hat: Marcus Messner, Sohn eines koscheren Metzgers aus Newark, New Jersey, ist gerade aufs College gekommen, als nordkoreanische Divisionen über den 38. Breitengrad vordringen. Als Messner dann an ein College im beschaulichen Winesburg, Ohio, wechselt, geht der Koreakrieg schon ins zweite Jahr.

Das Fallbeil Einberufung

Unablässig hängt über ihm das Fallbeil der Einberufung, sobald er das College verlässt. Und doch steigt in diesem literarischen Bruder von J. D. Salingers Holden Caulfield das hoch, was dem Buch den Titel gab: Empörung. Messner, der mit einiger Sicherheit das College als Jahrgangsbester absolvieren würde, wenn er sich irgendwie und mit Kompromissen durchschlagen würde, zieht aber den aufrechten Gang vor. Als jüdischer Atheist sieht er sich doppelter Diskriminierung ausgesetzt, vom erzwungenen Gottesdienstbesuch bis zur Isolation für einen, der nicht einmal der jüdischen Außenseiter-Verbindung beitreten will.

Es geht allerdings auch anders: In Olivia Hutton, der Arzttochter, die schon Entziehungskuren hinter sich hat und Narben über ihren Pulsadern und Messner mit dem ersten Blow-Job überrascht, wendet sich die Empörung zur Wut gegen sich selbst. Messners Mitschüler fressen die Unterdrückung von Geist und Trieben ebenfalls in sich hinein – bis sie sich eines Tages in einem gewaltigen Aufstand der Hemmungslosigkeit entladen: Mitten in einem gewaltigen Schneefall stürmen die Jungs die Mädchentrakte, verwüsten sie mit Höschenmassakern und Exzessen, die landesweit Schlagzeilen machen.

Dass sich Messner da raushält, nützt ihm ebenso wenig wie der Rat eines Mitschülers, gegen Geld jemand anderen zum Gottesdienst zu schicken: Ausgerechnet dieser Kompromiss, ausgerechnet dieser eine Versuch, den Konflikten mit der Obrigkeit aus dem Weg zu gehen, wird zum Verhängnis...

Ausgerechnet mit diesem Roman, der scheinbar fünf Jahrzehnte zu spät kommt, zeigt Roth seine Meisterschaft als Erzähler: Auf wenigen Seiten entsteht ein Sittengemälde, ein Mentalitätenpanorama der USA in den frühen 50er Jahren – und das kommt mit so viel Tempo daher, dass es am Ende doch in der Gegenwart landet, in der immer neuen Entscheidung: Stehen bleiben oder einknicken, nachgeben oder sich treu bleiben. (NRZ)

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