Emmy Ball-Hennings.Leben im Vielleicht.
Eine Biographie von Bärbel Reetz (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Ernest Wichner aus der Frankfurter Rundschau, 22.11.2001:

"Ich bin so vielfach"
Eine Biografie der Dichterin Emmy Ball-Hennings

"Ich bin da. Pardon.", schrieb Emmy Hennings am 19. Mai 1917 an Tristan Tzara. Und wie sie da war! Sie war 32 Jahre alt und hatte seit ihrer Geburt (am 17. Januar 1885 in Flensburg) schon so viel erlebt, dass es für mehrere Leben gereicht hätte: Dienstmädchen und Waschfrau war sie gewesen, hatte geheiratet und sich scheiden lassen, hatte Theater gespielt, war beim Tingeltangel Diseuse, hatte einen Gedichtband publiziert, in der Münchner und Berliner Bohème gelebt, hatte sich prostituiert, war mehrfach verhaftet worden und hatte zweimal im Gefängnis gesessen. Ein Jahr zuvor hatte sie zusammen mit Hugo Ball, der sie 1914 in München im Gefängnis besucht hatte, in Zürich das "Cabaret Voltaire" gegründet; nun betrieben Ball und Trinstan Tzara die "Galerie Dada" im Hause des Züricher Schokoladenfabrikanten Sprüngli, in der Werke von Lyonel Feininger, Max Ernst, Alfred Kubin, Oskar Kokoschka und Paul Klee gezeigt und abends die Lesungen und Rezitationen fortgesetzt wurden, mit denen man so spektakulär im "Cabaret Voltaire" begonnen hatte. Emmy Hennings, betrachtet sich nun auch beruflich als Teil der Avantgarde-Künstler, doch ist auch dies nur eine der vielen Selbsttäuschungen in ihrem Leben, denn sie tritt auf, wenn die bürgerlichen Gäste unruhig werden und endlich einmal unterhalten werden wollen. Dann singt sie Lieder aus ihrem Cabaret- und Tingeltangel-Repertoire und bewahrt die avantgardistischen Poeten vor den handgreiflichen Unmutsbezeugungen des biederen Publikums.

Bärbel Reetz nennt ihre umfangreiche Biografie, die nun, kaum zwei Jahre nach der großen, von Bernhard Echte unter dem Titel "ich bin so vielfach" erarbeiteten Ausstellung über Emmy Ball-Hennings erscheint, Emmy Ball-Hennings. Leben im Vielleicht. Mit dem Materialienbuch jener Ausstellung und dieser Biografie sollte es endlich gelingen, eine leidenschaftlich dezentrierte, um ihren Ort und ihre Würde kämpfende Frauengestalt solchermaßen ins Blickfeld der literarisch interessierten Öffentlichkeit zu rücken, dass sie nicht wieder von den scheinbar bedeutenderen Männern, die sie streiften, denen sie Mutter, Geliebte, Hetäre, Muse und Schwester war, marginalisiert werden kann.

1920 heiratete sie Hugo Ball, der vom Herbst 1917 an in Bern lebte und dort für die neu gegründete Freie Zeitung schrieb, ein Propagandablatt der Entente, das in der Schweiz in hoher Auflage erschien und in Deutschland verboten war. Auch Walter Benjamin, der sich in jenen Jahren in Bern aufhielt, und Ernst Bloch, den am häufigsten gedruckten Autor dieses Blattes, lernte Emmy Ball-Hennings dort kennen. Doch als sie selbst einen politischen Aufruf verfasst hatte und meinte, "aber Hindenburg, den krieg ich auch noch weich", wies Ball sie zurecht: "Du bist ja ein Kind! Willst Herrn von Hindenburg bekehren zur Menschenliebe? (. . .) Liebling, Du sollst von den Dingen schreiben, die Du erfahren hast, und nicht von denen, die Du nicht kennst."

Dies war zwar nicht sonderlich freundlich formuliert, dafür jedoch um so treffender. Denn von den ersten elf Gedichten, die schon 1913 in der Reihe "Der jüngste Tag" erschienen waren, über die autobiografische Prosa Gefängnis (1919) und den Tagebuchroman Das Brandmal (1920) bis hin zu den auf diversen Reisen entstandenen Feuilletons, die 1926 im Band Der Gang zur Liebe erschienen, und dem postum erschienenen Band Ruf und Echo, zeichnet sich Emmy Ball-Hennings' Schreiben durch eine große Nähe zum Erlebten aus. Ihr Interesse gilt dabei weniger den ästhetischen Zwängen des Genres, in dem sie sich schreibend zu spiegeln sucht, als vielmehr den Möglichkeiten, sich schreibend immer wieder neu zu entwerfen, Selbstdeutungen, Rollen und Masken zu finden und auszuprobieren. Dies mag als spezifisch weibliches Schreiben mit einem literaturfremden Bonus oder Malus versehen, wer will; die Autorin dieser Biografie tut es jedenfalls nicht. Sie lässt aus Briefen, literarischen Zeugnissen von Freunden und Weggefährten und ausgiebigen Zitaten aus den Büchern von Emmy Ball-Hennings prismatische Bilder ihrer Protagonistin entstehen, die die prinzipielle Unvoreingenommenheit und Offenheit der Biografie zeigen.

Als erstaunlich, als verblüffend geradezu nimmt man die verhalten vorgetragenen Vermutungen über die schier asexuelle Ehe zwischen Emmy Ball-Hennings und dem vom Dadaisten zum Gottsucher "geläuterten" Hugo Ball zur Kenntnis. Diese Beziehung mag jenseits der literarisch anregenden und Emmy in gewisser Weise auch stabilisierenden Wirkung auch einen Vulkan an unausgelebten und verdrängten Gefühlen zugeschüttet und mit einer Religiösität übertüncht haben, deren Firnis in Emmys Darstellungen zwar immer schillerte, aber gleichzeitig auch abblätterte und Gefühlig-Rührseliges sichtbar werden ließ. Um hierüber mehr zu erfahren, sollte jenes "Zweite Tagebuch" von Hugo Ball endlich der Forschung zugänglich gemacht werden, das von 1921 an die Jahre mit Emmy Ball-Hennings zum Gegenstand hat, das auch Hugo Balls Freundschaft mit Ernst Bloch und "deren abruptes Ende" (Bärbel Reetz) sowie seine Rückkehr zur katholischen Kirche möglicherweise besser verstehen ließe.

Bärbel Reetz jedenfalls hat man eine materialreiche, klug und diskret formulierte Biografie der Emmy Ball-Hennings und ihres bis zum Sektierertum verschrobenen Ehemannes zu verdanken, der man neugierige Leser wünscht. Schließlich ist auch unsere Gegenwart geprägt von Frauen und Männern, die sich ihre Selbstbilder erfinden oder inszenieren. Hier kann erfahren werden, was dies früher einmal hieß und welchen Preis es gekostet hat.

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