Emigranto von Inge Deutschkron, 2001, Transit-VerlagEmigranto.Vom Überleben in fremden Sprachen.
Buch von Inge Deutschkron (2001, Transit-Verlag).
Besprechung von Elke Schubert aus der Frankfurter Rundschau, 2.7.2001:

In keiner Sprache mehr heimisch
Inge Deutschkron über das "Emigranto"

In der musikalisch-literarischen Revue Lost in the Stars and Stripes, welche die Schwierigkeiten jüdischer Emigranten im Exilland USA ironisch thematisiert und viel zu selten auf die Bühne kommt, gibt es eine ebenso aufschlussreiche wie witzige Szene: Ein deutsches Ehepaar wird von der amerikanischen Einwanderungsbehörde nach Alter, Beruf, Geburtsort und eben auch "sex", dem Geschlecht, befragt. Beide stutzen, schauen sich etwas verlegen an und bejahen dann durch eifriges Kopfnicken. In dieser kleinen Szene sind die immensen Probleme und Missverständnisse eingefangen, mit denen Emigranten in fremden Ländern und Sprachen konfrontiert waren. Wer die Landessprache nicht beherrscht, steht immer als Idiot da, egal zu welchen Geistesflügen sein Kopf sonst fähig ist. Kann er diese nicht vermitteln, verwechselt er Begriffe und Satzkonstruktionen, wird ihn niemand ernst nehmen und schnell das Interesse an einem Gespräch verlieren.

Angesichts der Debatten über deutsche Leitkultur und dem Anspruch, nach dem Einwanderer die deutsche Sprache beherrschen müssen, um hier aufgenommen zu werden, lohnt ein Blick in Inge Deutschkrons schmales Bändchen über Flüchtlinge des "Dritten Reiches". Präzise und humorvoll berichtet sie von dem unfreiwilligen Abenteuer, sich in einer unbekannten Welt und der zu erlernenden Sprache zurechtzufinden. Das liest sich über weite Strecken sehr amüsant, vor allem wenn es um die typischen Fehler und Verwechslungen geht; doch dahinter verbirgt sich eine Verzweiflung, die deutsche Emigranten nicht nur in den angelsächsischen Ländern umgetrieben haben muss.

Ohne die Kenntnisse einer Sprache ging gar nichts, auch wenn die Betreffenden in Deutschland als Ärzte, Professoren und Journalisten gearbeitet hatten. Waren sie also zunächst überglücklich, trotz restriktiver Aufnahmebedingungen einen Platz im Gastland gefunden zu haben, so stellte sich in kürzester Zeit heraus, dass es "für einen denkenden Menschen kaum etwas Schlimmeres" gibt, "als wenn er seiner Sprache beraubt wird" (Martin Gumpert). "Emigranto" wurde scherzhaft jener Sprachmix genannt, dessen sich die Flüchtlinge in den Ländern bedienten, die noch bereit waren, sie aufzunehmen. Besonders das Englische scheint dazu verführt zu haben, weiterhin die deutsche Syntax und Redewendungen zu benutzen, die einfach Wort für Wort in die neue Sprache übertragen wurden. Dass es dabei zu massenhaften peinlichen, aber auch komischen Situationen kommen musste, war unausweichlich.

Die aktuellen Diskussionen hatten Deutschkrons auf die Idee gebracht, sich wieder ihrer Kladde mit Aussprüchen und typischen Fehlern deutscher Emigranten zu widmen, die seit Jahrzehnten von Umzug zu Umzug mitgenommen wurde. Zwar hatte Deutschkron die Nazizeit im Berliner Versteck überlebt, doch war sie nach dem Krieg zunächst nach England und dann Tel Aviv übergesiedelt und damit selbst gezwungen gewesen, sich eine fremde Sprache anzueignen. An zahlreichen Beispielen zeigt sie auf, dass der Verlust der Sprache ein Verlust von nahezu allem bedeutet, was Leben ausmacht. Das reicht von der Anerkennung über den Beruf bis zum sozialen Umfeld. Freunde sind eben nur schwer zu finden, wenn man über die üblichen Höflichkeitsfloskeln und alles, was zum Einkaufen wichtig ist, nicht hinauskommt.

Auch in den Emigrantenfamilien veränderten sich die tradierten Vorstellungen, der natürliche Respekt von Kindern gegenüber Erwachsenen. Während die Jungen nämlich die Sprache schneller und effektiver erlernten, taten sich ihre Eltern schwerer und hatten Mühe, so etwas wie Autorität aufrechtzuerhalten. Viele Kinder schämten sich, den Freunden die Eltern mit deren holprigem Englisch vorzustellen. Somit verschoben sich für den erwachsenen Emigranten die Koordinaten vollständig. Nichts war von seiner Biografie geblieben, nichts von den Gewissheiten, die ein Leben ausmachen. Nur die deutsche Sprache wurde konserviert, im Austausch mit anderen Emigranten und in den an Landsmannschaften erinnernden Heimatvereinen in Israel. Aber dieses Deutsch konnte sich nicht mehr entwickeln, konnte nicht am Alltag wachsen und mutet deshalb steril und altertümlich an.

So hat Deutschkron eine psychologische Topographie des Emigrantendaseins entwickelt und vor allem deutlich gemacht, dass der Anspruch, Einwanderer sollten erst einmal die Landessprache beherrschen, zwar wünschenswert erscheinen mag, dass dessen Umsetzung aber unglaublich schwer und vor allem mit Folgen verbunden ist, die man nicht unterschätzen sollte. Viele Emigranten des "Dritten Reiches" sind in ihren Gastländern geblieben, weil sie sich ein Leben im Land der Täter nicht mehr vorstellen konnten. So waren sie - von einigen Ausnahmen abgesehen - in keiner Sprache mehr heimisch. Und jenen, die heutzutage von "Wohlstandsflüchtlingen" reden, sei neben einem Kurs in fremder Sprache Emigranto empfohlen. Bei Spracherwerb und Lektüre würden sie nämlich ziemlich schnell feststellen, dass der Entschluss zur Einwanderung in ein fremdes Land nicht aus Lust und Laune gefasst wird, sondern fast immer aus der Not.

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