Elternland von Aharon Appelfeld, 2007, Rowohlt1.) - 4.)

Elternland.
Roman von Aharon Appelfeld (2007, Rowohlt - Übertragung Anne Birkenhauer).
Besprechung von Ulrich Baron aus Die Welt vom 7.4.2007:

Wo es nichts gibt. Und alles
Aharon Appelfeld lässt seinen Helden das Dorf seiner ermordeten Eltern besuchen

Jacob Fein, ein stiller Mann, "besonnen und von angenehmem Wesen", beschließt eines Tages, "sein florierendes Geschäft für eine Weile zu verlassen, um in das Dorf zu reisen, in dem seine Eltern geboren waren". Da möchte man ihm doch vorsorglich jenen Rat auf den Weg geben, den einst Joseph Roth folgendermaßen formuliert hat: "Nach Dubno fährt man mit Sameschkins Fuhre; nach Moskau fährt man mit der Eisenbahn; nach Amerika fährt man nicht nur auf einem Schiff, sondern auch mit Dokumenten. Um diese zu bekommen, muss man nach Dubno."

Allein - der Tonfall, mit dem dieser Roman anhebt, täuscht über Zeit und Ort. Jacob Fein plant seine Reise nicht im Reiche des Doppeladlers, sondern in Tel Aviv - "ein Flugticket nach Warschau, eine Bahnkarte von Warschau nach Krakau, und ab Krakau wollte er ein Taxi nehmen, direkt nach Schidowze".

Niemand versteht ihn. Seine Frau, seine Töchter, Freunde, Kunden überschütten ihn mit Warnungen und Bitten. Aber Jacob ist sturköpfig.

"Wo bleibt die Vernunft?" schreit ihn seine Frau an: "Was willst du da denn den finden?"

"Alles!" schmettert Jacob ihr entgegen.

Das ist viel für ein kleines Dorf, aber hier waren die Familien seiner Eltern zu Hause. Im Zug nach Krakau kommentiert ein Mitreisender Jacobs Plan: "Es gibt dort keine Juden. Gar nichts gibt es dort." Auch der Taxifahrer, der ihn über Straßen wie aus ferner Zeit zu diesem "gottverlassenen" Flecken fährt, meint: "Ich würde nicht an einen Ort fahren, wo es nichts gibt." Selbst als Jacob ein kleines Schild mit dem Namen "Schidowze" erblickt, wiederholt er: "Gar nichts gibt es hier."

So viel Lärm um gar nichts. Das ist seltsam.

Jacob bleibt stur. Da ist ein Weg, sind Maisfelder und Wiesen voll blühender Bäume und Weiden mit braunen Kühen. Da steht das Haus mit dem roten Dach. Davor sieht man zwei Frauen, eine ältere und eine junge. Bald wird Schidowze auftauchen aus der Vergangenheit.

1932 in Czernowitz geboren, hat der Schriftsteller Aharon Appelfeld die Ermordung seiner Eltern erlebt, ist einem Lager entflohen, hat sich in die Wälder gerettet. Später, in Palästina, in Israel hat er selbst nicht, wie sein Romanheld, Eltern gehabt, gegen die und gegen deren Erinnerungen an den Holocaust er sich hätte verschließen können.

Jacob Fein aber ist ein Israeli der ersten im Lande geborenen Generation. Er hat sich der Bar-Mizwa verweigert, eine Offizierslaufbahn begonnen, aber sie dann doch zugunsten der Übernahme des elterlichen Geschäftes beendet. Mit Frau und Töchtern verbindet ihn wenig; wie die Helden Joseph Roths droht er aus der Zeit herauszufallen.

Doch da ist das Haus, unter dessen rotem Dach er Quartier, da ist die Bäuerin Magda, in deren Armen er die Liebe finden wird, die er vermisst hat. Und in Magda, die als Kind im Haus von Jacobs Großeltern gearbeitet hat, leben die Erinnerungen an die Zeit, als es in Schidowze noch Juden gab. Jacob bleibt bei ihr und taucht ein in die wiedergefundene Zeit seiner Vorfahren, doch im Dorf wachsen Misstrauen und Aggressivität gegenüber dem Fremden, der im Pflaster vor dem Rathaus Trümmer der Grabsteine seiner Ahnen entdeckt hat.

Während alte Ressentiments aufkeimen, gedenken andere Dörfler "mit Sehnsucht der Juden, die einst unter uns wohnten". Ihre Grabsteine, so versichert man, seien längst ein Teil der eigenen Geschichte, den man sich auf gar keinen Fall, also nicht für weniger als 10 000 Dollar, aus dem Herzen und Pflaster würde reißen lassen....Fortsetzung

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Elternland von Aharon Appelfeld, 2007, Rowohlt2.)

Elternland.
Roman von Aharon Appelfeld (2007, Rowohlt - Übertragung Anne Birkenhauer).
Besprechung von Fritz Popp aus Rezensionen-online *bn*, 02/2007:

Ein Israeli entdeckt seine Herkunftsfamiliengeschichte in Polen. (DR)

Jakob Feins Eltern überleben in Verstecken den Holocaust in Polen und emigrieren nach Israel. Wenig können die Traumatisierten ihm erzählen und die alten Geschichten über Verwandte und Nachbarn interessieren Jakob auch nicht sonderlich. Die Bar Mizwa verweigert er und fühlt sich ganz als liberaler Israeli. Er reüssiert als Besitzer eines Damenmodengeschäftes, das er mit seiner geschäftstüchtigen Frau führt. Erst als seine Töchter erwachsen sind und die Beziehung zu seiner Frau zunehmend abkühlt, fasst er den alle überraschenden Entschluss, das Dorf seiner Vorfahren in Polen sehen zu wollen. Damit beginnt Jakobs Aufbruch in seine eigene Geschichte: Eine bittere Auseinandersetzung mit altem und neuem Antisemitismus, aber auch eine mystische Begegnung mit der Landschaft seiner Vorfahren und zudem eine märchenhafte Liebesgeschichte mit Magda, einer Polin, die seine Eltern und viele ermordete Verwandte noch gekannt hat.

Jakobs Besuch in seinem Heimatdorf weckt auch Ängste, er könne seinen Besitz einfordern, und die Geldgier von Dorfbewohnern, die mit dem Holocaust noch Geschäfte machen möchten. Was Jakob nicht erlebt, das erträumt er sich - und das gehört zu den Schwachstellen des Buches: der Traum als überstrapaziertes Vehikel, die Geschichte voranzutreiben oder zu erklären. Sehr vereinfacht ist auch die zur sinnlichen Erdmutter aufstilisierte Magda, eher ein männliches Wunschwesen als eine reale Frau. Eine Art Märchenton - wie in chassidischen Geschichten oder in Isaac B. Singers Büchern - liegt über dem Roman, der trotz seiner angeführten Schwachstellen sehr zu empfehlen ist.

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Elternland von Aharon Appelfeld, 2007, Rowohlt3.)

Elternland.
Roman von Aharon Appelfeld (2007, Rowohlt - Übertragung Anne Birkenhauer).
Besprechung von Andreas Breitenstein in Neue Zürcher Zeitung vom 2.06.2007:

Im Bannkreis des Bösen
Der Judenhass lebt – Aharon Appelfelds Roman «Elternland» zieht bittere Bilanz

Mit dem Roman «Elternland» legt der Israeli Aharon Appelfeld einmal mehr ein Meisterwerk vor. Es ist die Geschichte eines Mannes auf der Suche nach der vernichteten ostjüdischen Welt seiner Eltern. In Polen öffnet sich ihm eine Welt – und die Pandorabüchse des ewigen Judenhasses.

Neuveröffentlichungen des israelischen Schriftstellers Aharon Appelfeld versetzen einen immer neu in Erstaunen – durch die anhaltend hohe Qualität seines Schreibens und durch das Glück, das einem die Lektüre von tief empfundenem fremdem Unglück zuteilwerden lässt. Appelfeld, 1932 in Czernowitz geboren, ist als jugendlicher Überlebender der Shoah ein herausragender Zeuge der zerstörten Kultur des osteuropäischen Judentums. Auch wenn er nach dem Krieg 1946 in Palästina eine neue Heimat fand, blieb Europas Osten der Echoraum seiner literarischen Imagination. Es ist, als ob Appelfeld den Gewinn der neuen Welt mit der Vergegenwärtigung der alten aufwiegen müsste. Eben dies: die Pflicht der Lebenden, die Kette mit den Toten nicht abreissen zu lassen, ist das Thema seines aufwühlenden, von Anne Birkenhauer stilvoll übertragenen Romans «Elternland» (2005).

MYSTISCH-VISIONÄR

Wie in früheren Büchern des Autors trägt die Suche nach der verlorenen Zeit mystisch-visionäre Züge. Kunstvoll schnürt «Elternland» den Knoten zwischen einer Gegenwart, die an der Zukunft zweifelt, und einer Vergangenheit, die nicht vergehen kann. Der Roman spielt im Israel einer nicht näher bestimmten Jetztzeit und einem «ewigen» Polen nach 1989. Jakob Feins späte Erkundungen im Land seiner überlebenden Eltern und ermordeten Grosseltern münden zunächst in Selbstbefreiung, dann aber in die Erfahrung, dass es eine solche für Juden nicht geben kann. Denn der Schoss, dem das Grauen einst mit entstieg, erweist sich als fruchtbar noch.

Jakob muss nur am Lack politisch korrekter Reue kratzen, um den ewigen Antisemitismus wiederzufinden. Die ganze Pandorabüchse des Hasses tut sich ihm in Polen auf – vom christlichen Antijudaismus (mit der Theorie von den Juden als Gottesmörder und verfluchtes Volk) über die rassisch motivierte Judenfeindschaft (die Juden als dekadente Intellektuelle oder verkommene Triebwesen) bis zum politischen (die jüdische Weltverschwörung) und ökonomischem Antisemitismus (die Juden als kapitalistischer Ausbeuter oder kommunistischer Blutsauger). Und selbst der Philosemitismus als Kult des jüdischen Anders- und Besserseins erweist sich als subtiler Antisemitismus: «[Gott] ist nicht gerne ohne seine Juden. Gott liebt sie, und wen er liebt, den züchtigt er.»

DAS GEHEIMNIS DER HERKUNFT

Jakob hätte es nicht nötig, sich solches bieten zu lassen. Als Familienvater, Geschäftsmann und Hauptmann der Armee verkörpert er den Typ Israeli, welcher der Welt voller Selbstbewusstsein entgegentritt. Der Wille, fortan wehrhaft zu sein, stand 1948 an der Wiege des neuen jüdischen Staates. Auch Jakobs Eltern unterwerfen sich diesem Ideal, indem sie den Horror, durch den die Familie in Schidowze gegangen war, von ihrem Sohn fernhalten. In ihrer Verschlossenheit, ihrem Traditionalismus und ihrer Trauer bleiben sie Jakob fremd. Hochmütig schlägt er ihr seelisches wie ihr religiöses Erbe aus. Nur das Textilgeschäft in Tel Aviv ist ihm recht, das er zusammen mit seiner tüchtig-patenten Gattin Rivka in einen florierenden Modeladen verwandelt.

Erst der Tod des Vaters löst der Mutter die Zunge. Ihre Erzählungen vom Krieg lassen in Jakob eine Ahnung von der Dimension ihres Leidens aufkommen. Albträume suchen ihn heim, Trotz beginnt sich in Demut zu verwandeln. Hatte Jakob lange Zeit Erfüllung in der Ambition des Geldverdienens gefunden, merkt er nun zwischen der ihm fremd gewordenen Frau, dass es ihm nie gelungen ist, im Dasein tiefere Wurzeln zu schlagen. Es ist das Geheimnis der elterlichen Herkunft, durch dessen Lösung sich Jakob von der Enge seiner Existenz zu befreien hofft.

Gegen den Widerstand der Seinen bricht Jakob nach Polen auf. Schon in Krakau beginnt sich seine Seele zu lösen, mit der Fremdheit kehrt die innere Ruhe ein. Seltsam vertraut sind ihm die Landschaften auf dem Weg nach Schidowze, und zu seiner Verblüffung versteht er fast jedes Wort. Immer wieder wird er an die Vergeblichkeit seiner Suche gemahnt: «Es gibt dort keine Juden. Gar nichts gibt es dort.» Doch Jakob weiss: «Ich fahre an einen Ort voller Leben.» Es ist eine Reise ins Innere, die er angetreten hat. Das Glück jedoch, das er findet, ist vergiftet. Es scheint, als ob er daran zugrunde gehen wird.

Und Jakob begreift, was die Eltern ergriff. Nicht nur findet er die Landschaft intakt, welche Vorfahren bewohnten – die Felder, die Bäume und Hecken, den Himmel und vor allem den Fluss Schrinez, der einst der Mittelpunkt jüdischen Lebens gewesen war (über seinen Wassern kreisen die Totengeister). In seiner Wirtin, einer katholischen Bäuerin, begegnet Jakob einer Frau, die als Dienstmagd die ganze Familie kannte. Erdverbunden ist Magda und eine schöne Seele, in der die alten Wörter und Melodien überwintert haben. Jakob saugt ihre emphatischen und erschütternden Erzählungen förmlich auf. Und auch Magda fühlt sich befreit, endlich über das Judenmassaker reden zu dürfen. Sie war Zeuge, wie die jüdischen Männer des Dorfes exekutiert und die Frauen und Kinder in der Synagoge verbrannt wurden. Jakobs Eltern konnten sich im Wald verstecken – dank einem polnischen Bauern, der sich sein Mitleid teuer bezahlen liess.

Geläutert und zum Leben erweckt, verfällt Jakob Magda mit Körper und Seele. Weit weg ist Tel Aviv. Der Vollkommenheit des neuen Lebens aber steht das wachsende Misstrauen der Dörfler gegenüber dem ungebetenen Gast entgegen. Die Angst geht um, er könnte Besitz zurückfordern. Antisemitische Angriffe, mit denen Jakob von Anfang an konfrontiert war, beginnen sich im Wirtshaus zu Hassattacken zu verdichten. Was Jakob bisher immer abstrakt und historisch vermittelt wurde, tritt ihm nun real und in «ungeheurer Kraft» entgegen. Wohl weiss er sich mit Argumenten und gar mit Fäusten zu wehren, doch dem Bannkreis des Bösen entrinnt er nicht.

Die Situation eskaliert, als Jakob den Wunsch äussert, Grabsteine seiner Vorfahren, die zur Pflasterung des Rathausvorplatzes benutzt wurden, nach Israel zu bringen. Was der Achtlosigkeit preisgegeben war, wird plötzlich zum historischen Kulturgut erklärt, von dem man sich nur für eine beträchtliche Summe Geldes trennen möge. Als Jakob sich nicht auf die Erpressung einlässt, wird er jüdischer Geldgier, ja der Seelenlosigkeit und Unmenschlichkeit geziehen. Die «schlichte Schönheit des blühenden Dorfes» spottet seiner moralischen Verkommenheit. Jakob zügelt seinen Zorn, lediglich im Traum schickt er Soldaten los, um die Dinge militärisch zu regeln. Als sich der Hass und die Gewalt gegen Magda zu richten beginnen und obendrein aus Israel die Nachricht von der schweren Erkrankung einer Tochter eintrifft, weiss er, dass es Zeit ist zu gehen.

POLEN ALS PARABEL

Es ist kein wirkliches, sondern ein parabelhaftes Polen, das Aharon Appelfeld als «umgepflügten Friedhof» beschreibt. Kunstvoll lässt der Autor das Reale und das Phantastische ineinanderfliessen. Die Figuren sind typisiert und stehen – nicht selten als Inkarnation von Jakobs Selbstzweifeln – für eine Idee oder ein Verhalten. Magda, welche die Psychologie des Romans wesentlich mitträgt, erweist sich als Inbegriff christlicher Anteilnahme und Demut (dies im Kontrast zur greisen Dorf-Sphinx Wanda, die den Juden bei aller Sympathie fundamentalistisch die Konversion zum Christentum nahelegt). Während zwei Deutsche geläutert rational auftreten, waten polnische Bauern und Funktionäre im Sumpf einer «Irdischkeit», wie sie ernüchternder nicht sein könnte.

Von betörender Poesie sind in «Elternland» die Natur- und Landschaftsschilderungen. Die Liebe Magdas und Jakobs gewinnt in Appelfelds ruhig dahinschreitender, parataktischer Sprache beinahe epische Kraft. Dennoch sind es die Dialoge, die den Roman im Kern prägen. Unablässig ist Jakob im Gespräch – denkend, träumend, sprechend; mit sich selbst, den toten Eltern und seiner Ehefrau, mit Magda, mit Bauern und mit Mitreisenden. Beklemmender Höhepunkt ist sein Treffen mit dem Cousin Gregor, dessen Vater einst konvertierte und sich von der Familie und dem Judentum lossagte. Während Jakob Gregor die Wahrheit seiner jüdischen Herkunft zumutet, rettet sich dieser wider die Evidenz des Physiognomischen zunächst ins Nichtverstehen, dann ins Leugnen und schliesslich in die Verfluchung: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Zumindest verunsichern lässt sich Gregor. Seine Frage «Was ist eigentlich ein Jude?» steht als Fanal über Appelfelds Roman, dessen Substanz ein ganzes Kompendium von Literatur über das Judentum aufwiegt. Gott und die Shoah, das Leiden, das Überleben und die Einsamkeit des auserwählten Volkes, seine Affinität zum Kommunismus, der Fluch des gelobten Landes Israel, die (Un-)Möglichkeit der Assimilation und des Nichtglaubens, die Spannung von Schweigen und Sprechen, von Tradition und Moderne, Mystik und Rationalität – die elementaren Fragen jüdischer Weltanschauung werden auf berückend schlichte und zugleich intellektuell vielschichtige Art und Weise verhandelt.

UTOPIE UND MELANCHOLIE

«Elternland» ist nicht zuletzt ein Israel-Roman. An seinem Helden führt Appelfeld das Dilemma der ersten Nachkriegsgeneration vor Augen, die keine Schwäche zeigen durfte und die deren Abgrund doch ständig spürte in der Scham und im Schweigen der Eltern, die sich, aus dem zerstörten Europa kommend, aus dem Nichts eine Existenz aufgebaut hatten. Der Kibbuz und das Militär werden zur Schule einer neuen jüdischen Vitalität – was, wie der Roman an der Episode einer unerwidert bleibenden Liebe Jakobs zeigt, Ressentiments zwischen Ansässigen und «Exiljuden» nicht ausschliesst.

Aharon Appelfelds Roman offenbart, wie nach der Euphorie des geglückten Aufbaus die Melancholie in der utopischen Gesellschaft sich einzunisten beginnt. Wie so viele steht Jakob Fein, den Eltern abtrünnig geworden (die Wohnung der Verstorbenen lässt er mit allen persönlichen und religiösen Gegenständen innert Stunden räumen), als säkularer Jude ohne das «Kettenhemd des Glaubens» da. Und auch wenn er geläutert und mit Haggada und Leuchter im Koffer aus der «grünen Wüste» Polens heimgekehrt ist – beten hat er nicht gelernt. «Alles oder nichts» glaubte er in Polen zu finden, darum kämpfen muss er in Israel. Es ist ein Land, das des Heils noch harrt. Von den «Momenten der Gnade», die es bisher fand, ist nicht der geringste hier, in den Büchern dieses Schriftstellers, zu finden.

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Elternland von Aharon Appelfeld, 2007, Rowohlt4.)

Elternland.
Roman von Aharon Appelfeld (2007, Rowohlt - Übertragung Anne Birkenhauer).
Besprechung von Nicole Henneberg aus Frankfurter Rundschau, 15.6.2007:

Wehrhaft bis in die Träume
"Elternland" ist schwieriges Land: Aharon Appelfeld bricht mit einem Tabu der jüdischen Überlebenden

Warum Jacob diese Reise nach Galizien überhaupt gemacht hatte, wusste er nicht. Von Tel Aviv aus war er eines Tages einfach aufgebrochen - vielleicht, um seiner ungeliebten Frau zu entgehen oder die Feindschaft seiner Töchter nicht mehr spüren zu müssen; vielleicht auch, um ein letztes Abenteuer jenseits seines ruhigen Lebens als Geschäftsmann zu erleben. Doch als er auf dem Vorplatz des Rathauses im polnischen Schidowze (ein sprechender Name: "Judenstadt" könnte man übersetzen) Bruchstücke jüdischer Grabsteine unter seinen Füßen erkennt und den Namen seines Großvaters liest, fühlt er eine ungekannte Wut in sich aufsteigen.

Aharon Appelfelds neuer Roman "Elternland" erzählt vom verständnislosen, ja verächtlichen Blick der israelischen Nachkriegskinder auf ihre Eltern, die dem Holocaust knapp entkamen - wie der Autor selbst: er war das behütete, zarte Einzelkind einer Cernowitzer assimilierten Familie und ein kluger, intuitiver Beobachter. Als Siebenjähriger wurde er mit seinem Vater deportiert, und die bedrohliche Atmosphäre jener Jahre hat er mit dem ganzen Körper aufgenommen. Bis heute nennt er diese kindlichen Empfindungen den zentralen Ort seines Schreibens: "Immer wenn es regnet, wenn es kalt wird oder stürmt, kehre ich ins Ghetto zurück, ins Lager oder in die Wälder", schrieb er einmal. Ganz in den Körper eingegangenes, sich dem Bewusstsein entziehendes Wissen hat Appelfeld auch in die Träume von Jacob gesenkt, der als Kind begeistert den Erzählungen seiner Eltern von wechselnden Kellerverstecken und dem Überleben in Erdhöhlen zuhörte. Nach seinem Eintritt in die Jugendbewegung sagt er sich von all dem los und wird zum wehrhaften Israeli. Er verkörpert damit den zweiten schmerzhaften Riss in Appelfelds Biographie: das nach dem Krieg in Israel mit rüden Erziehungsmethoden durchgesetzte Verbot, sich der ausgelöschten Welt der Vorfahren liebevoll zu erinnern. Die Schärfe, mit der Jacob im Roman den existentiellen, jüdischen Ängsten ausgesetzt ist, lässt sich als Plädoyer für die alten Fragen lesen, die immer neu zu beantworten sind - ein Fazit dieses Romans; denn gegen Traumata dieser Art ist das schlagkräftigste Militär machtlos.

"Elternland" ist einer der schönsten und, trotz seiner spröden Sätze, tröstlichsten Romane Appelfelds, weil an der Schnittstelle von Kampfgeist, Lebenssehnsucht und Schuldgefühlen eine große Liebe entsteht. Anders als im vorhergehenden Buch "Bis der Tag anbricht", in dem die Heldin mit alttestamentarischem Zorn gegen das Verhängnis ankämpft, schickt der Autor seine Figur jetzt auf dem Weg der sinnlichen Erkenntnis zurück in die komplizierte, jüdische Lebenswirklichkeit des vergangenen Jahrhunderts.

Das Glück ist erlaubt

Jacobs Eltern hatten ihm vom Morden in ihrem Dorf erzählt, aber auch von dem schönen Fluss, dem sanften Licht und den üppigen Feldern dort. Die Zuneigung zu dieser Landschaft haben sie ihm listig ins Herz gepflanzt, stellt er erschrocken und schuldbewusst vom Zugfenster aus fest; und gerät prompt ins Haus einer Bäuerin, die seine Großeltern kannte und liebte, weil sie in deren kultiviertem Haus als Mensch ernst genommen worden war wie nirgends sonst. Magda ist nicht gebildet, aber stark und sinnlich und Jacob kann es kaum fassen, wie heftig er sich in sie verliebt: in ihrem Körper fühlt alles Kostbare aufbewahrt, das von seiner Familie geblieben ist. Diese parabelhaft erzählte Liebe ist das Kernstück des Romans, und dass sie keine Zukunft hat und gegen alle Regeln verstößt, macht ihre zärtlichen Augenblicke für Jacob noch kostbarer. Es darf dieses Glück neben den ermordeten jüdischen Familien geben - darauf besteht er; es ist das Einzige, das er der elementaren Kraft der antijüdischen Reden im Dorf entgegensetzen kann. Gegen die reale Brutalität der Bauern kann er sein Selbstbewusstsein als israelischer Offizier setzen, der im Jom-Kippur-Krieg ausgezeichnet wurde; verstummen lässt ihn dagegen die zynische Demagogie im Rathaus: er sei wohl zu geizig, die Grabsteine seiner Vorfahren für viel Geld zu kaufen - eine jüdische Krämerseele eben.

Lässt sich dem jüdischen Leiden ein Sinn abgewinnen? Und was hat den Juden ihr Glauben genützt, als man sie umbrachte? Diese Schmerzfragen treiben den Roman an; und doch bleibt Jacob, wie alle überzeugenden Figuren bei Appelfeld, ein quälend zurückhaltender Beobachter, der in lakonischen Sätzen Ungeheuerliches formuliert. Am Ende weiß er, warum er gekommen ist: nicht um anzuklagen, sondern um den Fluss und die Bäume zu riechen und sich einige Tage inmitten des wenigen aufzuhalten, das von seiner Familie noch da ist. Sein größter Trost: auf dem Weg zurück nach Tel Aviv trifft er einen Mann, der gerade die selbe Reise gemacht hat wie er.

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