Elektrisches Licht/Electric Light von Seamus Healey, 2002, HanserElektrisches Licht/Electric Light.
Gedichte von Seamus Heaney (2002, 2-sprachig, Hanser - Übertragung Giovanni und Ditte Bandini).
Besprechung von
Bruno von Lutz in Neue Zürcher Zeitung vom 1.3.2003:

Die Klärung des Standpunkts
Seamus Heaney hält inne

Muss es immer ein Schritt nach vorne sein? Kann nicht auch ein Blick zurück ein Fortschritt sein, die Fundamente sichern, die Sicht klären? Bisher ist Seamus Heaney von Triumph zu Triumph geeilt: Seit seinem Debut mit «Death of a Naturalist» im Jahre 1966 wurde jeder Lyrikband, jede Essaysammlung als weiterer Meilenstein in seiner Entwicklung zur unbestrittenen, wenn auch manchmal unbequemen Stimme Irlands gerühmt, als weitere Stufe auf dem steilen Weg zum Nobelpreisolymp. - Der nun auf Englisch und Deutsch vorliegende Band «Elektrisches Licht / Electric Light» wurde von der britischen Kritik mit Vorbehalten aufgenommen, ist er inhaltlich doch einigermassen uneben, befrachtet mit einer Vielzahl von Themen, Blickwinkeln und Sprecher-Haltungen, teilweise schwierigen poetologischen Gedichten. Das muss nicht unbedingt negativ sein, eher ist es ungewöhnlich für den Heaney-erfahrenen Leser; denn es gab bisher fast durchwegs die narrative Haltung, das durchgehende Thema, die Einheit des Stils und der Zuwendung zum Stoff. Gerade wegen dieser Einheitlichkeit entwickelten die Gedichte einen unwiderstehlichen Magnetismus und rissen die Leser in einem gleichgerichteten Strom von Bildern und Metaphern mit sich.

Es scheint, als habe Heaney bewusst die Zügel angezogen und sich auf seine Grundlagen besonnen, und die liegen nun mal in seiner irischen Vergangenheit, der Erfahrung seiner Landschaft und der intensiven Lektüre ganz bestimmter Klassiker und seiner bevorzugten Dichtergenossen.

So eröffnet der Band auch mit einem Gefühl des déjà-lu in dem Gedicht «Bei Toomebridge», einem für Heaneys Jugend wichtigen Ort, über den er schon zahlreiche andere Gedichte geschrieben hat. Die Evokation der politischen und natürlichen Vergangenheit des Ortes ist Programm. Das abschliessende Bild vom «Schleim und Silberglanz des fetten Aals» als Inspirationsquelle erinnert stark an die frühen Gedichte in «Death of a Naturalist» und «Wintering Out». Das vom Wehr gestaute Wasser spiegelt Heaneys eigene Verlangsamung wider, das Innehalten im reissenden Strom seiner Dichtung:

Bei Toomebridge

Wo das flache Wasser Über das Wehr gerauscht kam aus Lough Neagh, Als hätte es einen Rand erreicht der flachen Erde . . . Wo früher der Kontrollpunkt war. Wo '98 der Rebell gehenkt wurde. Wo negative Ionen unter freiem Himmel Mir reine Poesie sind. Wie einst einmal Der Schleim und Silberglanz des fetten Aals.

Auch die Barsche des nächsten Gedichtes halten an, widerstehen dem Strom:

. . . doch sie halten entschlossen den Pass, Unter dem Wasserdach, über der Sohle, gelassen, Die Strömung schlürfend, gegen sie gekehrt, ganz Muskel und straff . . . Im Alles-fliesst und Fertig-los der Welt.

Die ersten drei Gedichte sind so typische Heaney-Gedichte, dass man unwillkürlich nach dem Neuen fragt, aber das Neue liegt im Beharren auf dem Fixpunkt der Vergangenheit, der Unverrückbarkeit der Erfahrungen. Auch die Lupinen des dritten Gedichts stehen unbeugsam. Um es mit Milton zu sagen: «They also serve who only stand and wait.»

Sie standen. Standen für etwas. Nur durch Da-sein. Abwartend. Nicht verfügbar. Aber da Gewiss. Unbeugsam, selbstgewiss.

So ist die gesamte Sammlung durchwebt von der Insistenz der Vergangenheit in der Gegenwart und der Unfassbarkeit der Gegenwart, es sei denn auf der Grundlage der Vergangenheit. In den Verbformen (ich sah - ich seh), in den häufigen Jahresangaben, den Rückblicken, den Auflösungen des Zeitpunkts («im Alles-fliesst»), den Erinnerungen an die Lektüre der Klassiker, den Nachrufen auf Dichterkollegen wie Joseph Brodsky und Ted Hughes, den dichten Zitaten und Anspielungen zeigt sich eine ungemein starke Beharrungskraft, eine Verweigerung gegenüber dem Hineingezogenwerden in den grossen, postmodernen, globalisierten Wortstrom. Hier steckt einer sein Terrain ab, nicht ein junger Wilder, sondern ein abgeklärter, mit der grossen Klassikerliteratur - Shakespeare, Homer, Vergil, Yeats, Eliot - im engsten Dialog stehender Dichter. Nicht von ungefähr sind einige der Gedichte des Bandes in dialogischer Form geschrieben. Heaney muss nichts mehr beweisen, er scheut sich nicht, die einfache Erfahrung poetisch zu geniessen, die einfache Geste zu beschreiben und auch selbst die einfache Geste zu machen.

Also hielten wir und parkten im frühlingsreinen Licht Von Connemara, eines Sonntagmorgens, Da uns eine Helle einnahm, stet und offen, Und der schiere Berg, der sich im See gespiegelt, in uns hineindrang wie ein sanfter Keil In Kernholz.

Die Übersetzung gibt das Original angemessen wieder: Angesichts der Komplexität von Heaneys Sprache und der zahlreichen Anspielungen und Zitate in diesem Band haben die Bandinis als Übersetzer gute Arbeit geleistet.

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