Elefantengedächtnis.
Roman von António
Lobo Antunes (2004, Luchterhand, Übertragung Maralde Meyer-Minnemann).
Besprechung von Friedhelm Rathjen
in der Frankfurter Rundschau, 26.1.2005:
Ockerfarben für einen wütenden Psychiater
Dem Debütroman "Elefantengedächtnis" des meisterhaften António Lobo
Antunes fehlt der monologische Überschuss
Die Geschichte ist simpel. Wir erleben einen Tag
im verkorksten Leben eines Psychiaters. Morgens geht er im Krankenhaus lustlos
seiner Arbeit nach, unterdrückt mit Mühe "die zerstörerischen Triebe
seiner Seebebenwutanfälle" und fragt sich: "Wann hat die Scheiße
angefangen?" Er hält es an diesem Tag noch weniger aus als an den meisten,
ruft schließlich einen Freund an und verabredet sich mit ihm zu einem
Mittagessen, bei dem er keinen Bissen herunterkriegt. Er meint, er sei
"ganz unten angekommen", verspürt nichts als eine große Leere, die
ihm auch sein Freund nicht austreiben kann.
Die Leere rührt maßgeblich daher, dass der Psychiater (seinen Namen erfahren
wir nicht, er heißt immer anonym "der Arzt") aus einem Grund, den er
selbst nicht kennt, seine Frau verlassen und dadurch "Bodenhaftung und
Richtung verloren" hat. Er trauert zumal seinen Kindern nach, die er
nachmittags heimlich beobachtet, wie sie aus der Schule kommen. Außerdem hat er
einen Termin beim Zahnarzt und einen anderen bei einem Therapeuten.
Unser unheldischer Held nimmt beide Termine wahr, wenn auch nicht sonderlich pünktlich,
fährt mit seinem klapperigen Auto durch Lissabon, denkt an eine überfahrene Möwe,
die er in der Vorwoche gesehen hat, und bildet sich ein: "Diese Möwe bin
ich, und der vor dem Ich flieht, bin ich auch." Mit den Säufern einer Bar
kann und will er nichts anfangen, er steht im Begriff, "in die kleine möbellose
Wohnung zurückzukehren, in der ihn niemand erwartete", folgt dann doch
noch einem Augenblicksimpuls und fährt ins Kasino, wo er glücklos im Spiel
bleibt und glücklos mutmaßlich auch in der Liebe. Die Frau, die er dort aufreißt
- oder besser: sie ihn -, ist alt, "verbraucht" und vulgär. Am Ende
des Tages und des Romans schläft sie in seinem Zimmer; er aber ist wach und
beginnt zu monologisieren: "Es ist fünf Uhr morgens, und ich schwöre dir,
dass du mir nicht fehlst."
Wütend, aber nicht plump
Als Elefantengedächtnis, der erste Roman,
den António Lobo Antunes veröffentlichte, 1979 in Portugal erschien, war das
eine Sensation. Hier kotzte sich einer aus, in wüsten und wütenden, freilich
stilistisch alles andere als plumpen Worten, hier zog einer über seine eigene
Herkunft und die portugiesische Gesellschaft und, so schien es, über Portugal
insgesamt auf eine Weise her wie niemand zuvor. Der Held ist zwar ein
egoistischer, penetrant tatenloser und selbstmitleidiger Feigling, aber er hat
keine Mühe, die Verantwortung für seine Defekte "dem System" in die
Schuhe zu schieben.
Dass er ausgerechnet in einem Irrenhaus arbeitet, ist eine Großmetapher jener
Welt, an der er leidet. Das Leben findet er "obsolet und zerbrechlich (. .
.) wie Nippes", sich selbst hält er für den "größten Höhlenforscher
der Depression", und er spürt, er hat "aus seinem Leben eine
Zwangsjacke gemacht".
"In einem Irrenhaus, wo sind da die Irren?" Unser Arzt scheint zu
glauben, jeder sei für das verantwortlich, woran er arbeitet, der Irrenarzt
also für den Irrsinn und die Sozialarbeiterinnen, "die selbst dringend
Hilfe benötigten", für das allgemeine Elend. Was dieses Spiegelprinzip für
den Psychiater und Dauerleider selbst bedeutet, ist unschwer auszumachen. Er
suhlt sich geradezu in der "haltlosen Angst vollkommener Einsamkeit"
und rührt in seinem Schädel einen wüsten Sprachwirbel ziel- und
richtungsloser Metaphern an: "auf der Bühne der Gehirnwindungen folgten
schwindelerregende, wirre Bilder aufeinander", und die versucht er in
Sprache umzusetzen, denn unser Psychiaterheld ist ein heimlicher Dichter, für
den "das Herumhantieren mit Worten eine Art heimliche Schande" ist,
"eine ewig aufgeschobene Obsession". Gegen die Welt, mit der er nicht
zurechtkommt, setzt er sich zur Wehr, mit Versen von Dylan Thomas oder Liedern
von Paul Simon im Kopf. Er wünscht sich, "in die Bilder Cimabues zu
springen und sich in den verblichenen Ockertönen (...) aufzulösen".
Realität, die sich in überbordenden Bilderstrudeln auflöst, so könnte man
den typischen Lobo-Antunes-Stil beschreiben. Dieser in seinen späteren Romanen
perfektionierte Stil ist in dem nun wieder aufgelegten Erstling durchaus schon
vorhanden: Die Sätze sind lang und ausladend, viele zerdehnen sich durch
Partizipialkonstruktionen und schaffen eine Art Gleichzeitigkeitsprosa, wie sie
außer António Lobo Antunes niemand schreibt. In Elefantengedächtnis schlägt
die sprachliche Wucht freilich noch weitgehend ins Leere, und zwar nicht nur in
jene innere Leere des Helden, der an einer "ewigen Schwierigkeit"
leidet, "Worte hervorzubringen, die trocken und genau sind wie
Steine".
Eine Art Leerlauf entsteht durch das Erzählen in der dritten Person. Da
eigentlich nichts zu erzählen ist außer dem, was der Held erlebt und empfindet
und denkt, ist der Erzähler überflüssig und wirkt wie eine Zwangsjacke.
Mehrmals begehrt das Ich des Helden gegen diese Zwangsjacke auf, mehrmals drängt
er plötzlich als "ich" in den Erzählraum vor, was stets durch ein
"sagte sich der Arzt" oder "dachte der Psychiater" kaschiert
wird. Einmal scheint die Befreiung greifbar nahe, scheint das Er zum Ich zu
werden: "Scheiße Scheiße Scheiße Scheiße Scheiße, sagte er in seinem
Inneren, weil ich in mir keine anderen Worte als diese fand, eine Art schwacher
Protest gegen die kompakte Traurigkeit, die mich erfüllte." Erst ganz zum
Schluss lässt Lobo Antunes das Ich endlich frei, und der einsame Held darf
monologisieren, wobei er die abwesende Frau anredet, die er liebt und verlassen
hat: "Ehrenwort, ich denke nicht an dich. (. . .) Du magst das idiotisch
finden, aber ich brauche etwas, das mir hilft zu existieren."
Was die Prosa von António Lobo Antunes braucht, um zu existieren, ist genau diese ungehemmte Monologsituation. Erst auf den letzten zwei Seiten von Elefantengedächtnis schafft er den Sprung in sein eigentliches Werk, alles vorherige ist ein fauler Kompromiss, der Versuch, auf eine Art zu schreiben, die (noch) nicht die seine ist. Sein zweiter, beinahe gleichzeitig entstandener und wenige Monate nach Elefantengedächtnis veröffentlichter Roman Der Judaskuss ist folgerichtig ein einziger ungefilterter innerer Monolog und damit der eigentliche Fanfarenstoß dieses unvergleichlichen Autors. Elefantengedächtnis ist der Anlauf, den Lobo Antunes nimmt, um in seine eigene Romanwelt zu springen, und da wir diese Welt schon kennen, ist es höchst aufschlussreich, diesen Anlauf zu studieren. Als Roman eigenen Rechts aber ist Elefantengedächtnis gescheitert.
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