Eismond von Jan Costin Wagner, 2003, Eichborn1.) - 3.)

Eismond.
Roman von Jan Costin Wagner (2003, Eichborn).
Besprechung von sy in der Frankfurter Rundschau, 16.8.2003:

Noch ein trauriger Ermittler

Es ist kalt und nebelig, die Straßen sind eisglatt, die späten Nachmittage bereits dunkel wie die Nacht. Und der Ermittler, der drei - seltsam zärtliche - Morde aufzuklären hat, trägt den eindeutig im hohen Norden zu verortenden Namen Krimmo Joentaa.
Vertrautes Terrain für Krimileser, denn die Riege melancholischer nordischer Kommissare ist inzwischen beachtlich. Sie wird nun attraktiv verstärkt durch Kimmo, sensibel und tieftraurig, schließlich ist seine junge Frau gerade an Krebs gestorben. Erdacht hat ihn ein mit einer Finnin verheirateter Hesse, der in Langen geborene Jan Costin Wagner. Und der hat das Genre schon so gut drauf wie die namhafte Konkurrenz: Auch bei ihm gibt es grimmig-entschlossen recherchierende Polizisten mit privaten Problemen, ein in depressivem Winter-Dämmer liegendes Land und natürlich viele Nuancen des Seelenschmerzes und der Gefühlsirrungen beim Täter - und beim Kommissar. Vertrautes Terrain, wie gesagt, aber man betritt es gern.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0903 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau

***

Eismond von Jan Costin Wagner, 2003, Eichborn2.)

Eismond.
Roman von Jan Costin Wagner (2003, Eichborn).
Besprechung von Dominik Kamazadeh in Der Standard, Wien, 18.10.2003:

Die Zärtlichkeit des Todes
Jan Costin Wagners ungewöhnlicher Kriminalroman "Eismond"

Eine Tote am Beginn eines Kriminalromans ist noch nichts allzu ungewöhnliches. Allerdings handelt es sich in Eismond um kein erstes Opfer von Gewalt, sondern um Sanna, die Frau des Polizisten Kimmo Joentaa, die einer kurzen, schweren Krankheit erliegt.

Es ist ein trauriger, sehr intimer Moment am Bett eines Krankenhauses in der finnischen Stadt Turku: Ein Puls hört zu schlagen auf, und von da an ist Joentaa wie verwandelt. Der Tod Sannas ist für ihn unbegreifbar, aber die Erfahrung des Sterbens schärft sein Auffassungsvermögen für Zusammenhänge, die anderen verborgen bleiben.

Der junge Deutsche Jan Costin Wagner, der bereits mit seinem Debüt Nachtfahrt mit dem Marlowe-Preis ausgezeichnet wurde, variiert in Eismond auf ungewöhnliche Weise ein klassisches Motiv der Detektivgeschichte: Ein Täter und sein Verfolger stehen sich darin nahe, weil sie der Tod betäubt hat. Dieses metaphysische Band verbindet die Handlung des Wissens und jene der Tuns in einer gemeinsamen Welt.

Wagner geht es damit weniger um die Auflösung einer Mordserie und die Erfüllung einer Spannungsformel. Vielmehr zeichnet er die Porträts zweier Einzelgänger, fühlt sich in kargen, knappen Sätzen, die mitunter wie eine Art innerer Monolog arrangiert sind, in deren subjektiven Wahrnehmungsraum ein.

Dieses Verfahren gelingt beim trauernden Polizisten, der sich in die Arbeit stürzt, um seinen Schmerz zu vergessen, besonders gut: Fast jeder seiner unberechenbaren Schritte steht in Verbindung zu Sannas Tod, bei jeder Kleinigkeit holt ihn die Erinnerung an die Verstorbene ein - und kein anderer als der anonyme Täter vermag diesen Zustand mit ihm zu teilen. Letzteren führt Wagner schon zu einem frühen Zeitpunkt ein. Das ermöglicht ihm, die Perspektiven ständig zu verlagern: Die Darstellung des Innenleben dieses Psychotikers, eines überängstlichen Zeitgenossen, der davon träumt, seine Freiheit in einer Art Unsichtbarkeit zu finden, krankt jedoch an einer allzu metaphernreichen Sprache, die anders als der lakonische Realismus der Polizisten bald einmal ermüdet. Seine Taten sprechen ohnehin für sich: Scheinbar willkürlich sucht er sich Menschen aus, um sie im Schlaf, fast zärtlich, zu ersticken. Da ist es natürlich Joentaa, der in den Fällen als erster einen Zusammenhang erkennt. Intuitiv erfasst er die jeweiligen Situationen, den Gedankengang des Mörders.

Dass dieses Geschehen nicht zu konstruiert wirkt, liegt auch an Wagners Beschreibung des kleinstädtischen Milieus von Turku - vor allem das Arbeitsumfeld Joentaas, die schrulligen Polizistenkollegen, sein mürrischer Vorgesetzte Ketola, aber auch eine Fülle an Nebenfiguren geben dem Roman die Basis einer erfahrbaren Realität. Und natürlich passt die Kälte von Finnland hervorragend zu einer Geschichte über den Affekt des Todes.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at]

Leseprobe I Buchbestellung 1003 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau

***

Eismond von Jan Costin Wagner, 2003, Eichborn3.)

Eismond.
Roman von Jan Costin Wagner (2003, Eichborn).
Besprechung von plf in der Frankfurter Rundschau, 19.2.2004:

Angst als Lösung
Jan Costin Wagner liest aus seinem zweiten Roman "Eismond"

In Wagners Roman "Eismond" treffen zwei Obsessionen aufeinander: Polizist und Mörder verfolgen das Ziel, über den Tod anderer Menschen ihre Ängste zu besiegen. Kommissar Kimmo Joentaa ist verzweifelt über den Tod seiner Frau, doch für Trauer bleibt nur wenig Zeit; er steckt mitten in den Ermittlungen zu einem Mordfall. Der Leser ist zugleich mit der verworrenen Gedankenwelt des Mörders vertraut und weiß, dass dieser Täter mit Rationalität und Logik nicht zu fassen sein wird. Erst als Joentaa sich auf seine eigenen Ängste einlässt, kann er die richtige Fährte aufnehmen.

Wie schon in seinem Debüt "Nachtfahrt", 2002 ausgezeichnet mit dem "Marlowe für den besten deutschsprachigen Krimi", erzählt Jan Costin Wagner mit einer perfiden psychologischen Präzision von der Gedankenwelt eines Mörders; in "Eismond" wird dieses erschreckende Vergnügen aber noch gesteigert: Der Leser erkennt, dass die Denkstrukturen von Täter und Ermittler sich nur in kleinen Details voneinander unterscheiden.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0204 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau