Einzug in Cremona von Miodrag Pavlovic, 2002, SuhrkampEinzug in Cremona.
Gedichte von Miodrag Pavlovic (2002, Suhrkamp - Übertragung
Peter Urban, Nachwort Peter Handke)
Besprechung von Jan Wagner in der Frankfurter Rundschau, 12.10.2002:

Eine Henne hängt aus den Wolken
Allerhand Traumbilder: Das lyrische Werk Miodrag Pavlovics ist (wieder) zu entdecken

"Das ist der dritte Blick auf die Dinge: /auf der leprösen Grundlage des Seins beginnt die Phantasie / ihre Arbeit an der Schönheit, und verschenkt freigebig / ihre egoistischen Werke", heißt es in einem 1977 publizierten Gedicht des serbischen Lyrikers Miodrag Pavlovic. Welche beiden Blicke mögen ihm vorangehen? Einmal angenommen, dass es sich auf der untersten Stufe um einen passiven, lediglich absorbierenden, dass es sich sodann um den die Welt analysierenden Blick handelt, so ist es wohl nicht völlig verfehlt, Pavlovics dritten Blick als den poetischen zu bezeichnen - jenen, der die Welt um eine Möglichkeit ihrer selbst bereichert. War dem englischen Romantiker Shelley in seiner Defense of Poetry noch daran gelegen, den "Schleier von der verborgenen Schönheit der Welt" zu ziehen, so ist es hier das Lepröse, das offenkundige Auseinanderfallen des Weltfundaments, das zum poetischen Tun motiviert. Es nimmt daher nicht Wunder, dass Pavlovics Lyrik im Grundton weniger optimistisch als vielmehr dunkel, ja oft bedrohlich wirkt in ihrer keine Untiefen scheuenden, kraftvollen Bildlichkeit.

Es war 1952, als die lesende Öffentlichkeit des damaligen Jugloslawien erstmals die Früchte von Pavlovics drittem Blick begutachten konnte - ein Jahr bevor Vasko Popa, der andere Neuerer der modernen serbischen Lyrik, debütierte, und bereits vier Jahre nachdem Titos Staat aus der Kominform, also dem de facto von Stalin kontrollierten "Informationsbüro der kommunistischen und Arbeiterparteien", ausgeschieden war und sich damit auch weitestgehend von den Dogmen eines Sozialistischen Realismus verabschiedet hatte.

Auf 87 Gedichte, so der schlichte Titel von Pavlovics Erstling, sind bis heute rund dreißig Gedichtbände gefolgt - genug Material also für den heute teils in Belgrad, teils in Süddeutschland lebenden Autor, um einen repräsentativen Querschnitt durch das eigene Werk zusammenzustellen, der nun, wie schon eine erste, 1961 erschienene Auswahl, von Peter Urban ins Deutsche übertragen wurde. So ist ein Band entstanden, der eine ungemein packende Lyriklektüre bietet, deren Pole die jüngste Lyrik in Prosa und die Gedichte aus dem Frühwerk bilden - nicht zuletzt jenes herrliche, knapp gehaltene auf eine soeben geschlachtete Henne: "An den Füßen zusammengebunden / hängt aus den Wolken eine Henne / ohne Kopf // Blut in der Kloschüssel // Hand in Hand / spielen zwei Messer / Klavier // Die Federn im Kissen / werden vergeben / unseren nackten Hälsen".

So deutlich die formalen Veränderungen werden, die Pavlovics Gedichte im Lauf der Jahrzehnte durchgemacht haben - pendelnd zwischen schnellem Zeilensprung und dichter poetischer Prosa, zwischen Kurz- und Langgedicht -, so deutlich bleibt die Verbundenheit mit dem französischen Surrealismus, der schon in den dreißiger Jahren als "Nadrealizam", als durchaus eigenständige Variante in Belgrad in Erscheinung getreten war. "Das stärkste Bild, muss ich gestehen, ist für mich das, das von einem höchsten Grad von Willkür gekennzeichnet ist; für das man am längsten braucht, um es in die Alltagssprache zu übersetzen, sei es, dass es einen besonders hohen Grad an offenkundiger Widersprüchlichkeit aufweist, sei es, dass einer seiner Ausdrücke merkwürdig verborgen bleibt, sei es, dass es sensationell zu sein verspricht und sich dennoch leicht auflösen lässt (dass es plötzlich den Schenkel seines Zirkels zusammenklappt)", hatte André Breton in seinem ersten surrealistischen Manifest formuliert, und es sind solche Bilder, die in Pavlovics Lyrik immer wieder hervorstechen - als kompakte, im Frühwerk oft genitivische Metapher, oder als von ebenso verstörender wie betörender Traumlogik geprägte Szenerie: "Wir schlendern weiter ohne Scham / bis zu dem Klavier mitten im Feld, / du lachst, das Klavier ist größer als der Acker / und ein Adler spielt auf ihm."

Während Vasko Popa den Surrealismus mit serbischer Folklore anreicherte, greift Pavlovic immer wieder auf die griechische Mythologie, auf biblische wie geschichtliche Motive zurück und bevölkert seine Gedichte mit einer beachtlichen Anzahl historischer Gestalten; so begegnet der Leser Agamemnon, Orest, Oedipus, Pindar und anderen. Der Mythos - die mythische Episode, ihr Schauplatz - wird zur Folie, mit deren Hilfe sich über die Welt von heute sprechen lässt; neu interpretiert und verhandelt, erhellt das transponierte Material die Gegenwart - etwa wenn "Odysseus auf der Insel der Kirke" sein Geschick und das seiner Mannen zu deuten beginnt und schließlich ein Urteil in eigener Sache fällt: "Auch unseren schweinischen Zustand haben wir verdient / um es rundheraus zu sagen / mit der Liebe zu einer Hure von Frau / und der Sehnsucht nach den finsteren Formen der Macht".

Man ist bei vielen Gedichten Pavlovics versucht, einen politischen, einen gesellschaftsrelevanten Sinn herauszulesen (und wird darin gar bestärkt durch den gelegentlichen allegorischen, wenn auch keinesfalls eindimensionalen Text wie etwa "Verwaltung"), doch verweigern sich Pavlovics Gedichte der allzu einfachen Lesart und drängen am Alltäglichen vorbei zum Existenziellen, Grundlegenden, oft nur in Paradoxien Greifbaren vor. Der Mittelpunkt ist dabei stets derselbe: Es ist "der Mensch, dieser Prophet und Lotterbube".

Bei allem Pessimismus, bei aller Herbheit, die Gedichten wie etwa einer "Variation über den Schädel" zu eigen sind, gibt es immer wieder Momente von Saloppheit, ja Komik. Pavlovic meidet nicht die verspielteren Formen des Surrealen, flirtet mit dem Profanen, gelegentlich sogar mit dem Slapstick, und sagt in dem Langgedicht "Verteidigung unserer Stadt" von 1953: "Wenn ich schon die Frivolität verteidigen muss / von etwas das ich liebe, dann schon bei einem Bier". Und wenn "dieser kleinste Erlöser, / diese Maus am Horizont" mit dem Ausruf "unsere große Hoffnung!" begrüßt wird, erscheint das nur bedingt als Zynismus eines von der Geschichte Ernüchterten, denn Pavlovic überzeugt fast durchgehend als Verfasser von gleich "zwei Chroniken, / von denen ich dir ständig erzähle: / dem Archiv der Spuren im Schnee vom vergangenen Jahr / und dem Gewächshaus temperierter Kerne die morgen blühen sollen".

Hier ist einer, der in einem Memento mori das "Zwinkern des Staubs" erwidern kann und zugleich "das gelbe Blatt / das nicht vom Zweig fällt" zu feiern versteht, einer, den Peter Handke in seinem knappen Nachwort "zu den nicht bloß unverwöhnten, sondern unverwöhnbaren Dichtern" zählt. Zumindest was die Gedichte dieses schönen Auswahlbandes angeht, ist trotz eines jahrzehntelangen Schaffens in der Tat kein Nachlassen an poetischer Intensität, an feinjustiertem Skeptizismus, an aufregender Bildlichkeit und gedanklichem Ernst zu spüren in einer Lyrik, die den Leser ebenso belohnt wie fordert. "Wer unbedingt sprechen will", begründet dies der Dichter selbst, "der ziehe sich noch tiefer ins Dunkel zurück / und spreche dort alles aus, / nur solche Rede rettet sich aus dieser Zeit / und wird zum Symbol".

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]

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