Ein Zimmer im Haus des Krieges von Christoph Peters, 2006, btbEin Zimmer im Haus des Krieges.
Roman von Christoph Peters (2006, btb).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 6.9.2006:

Der Herbst der Terror-Romane
Nur zwei von vielen: John Updikes "Terrorist" und Christoph Peters´ "Ein Zimmer im Haus des Krieges".

Der Bücherherbst wird eine Saison der Terroristen-Romane, Yasmina Khadras "Attentäterin" bleibt nicht allein auf weiter Flur. Aber von den berühmten Themen, die auf der Straße liegen, taugt der Terror am wenigsten für Romane. Fast alle Versuche, ihn erzählerisch zu durchdringen, sind nach hinten losgegangen oder implodiert - Paul Austers "Leviathan" ebenso wie die RAF-Romane von Rainald Goetz ("Kontrolliert") oder F.C. Delius ("Mogadischu Fensterplatz"). Und doch wüssten ja nicht nur die Geheimdienste gern, wie einer tickt, der zur menschlichen Bombe wird. Terroristen zu Romanhelden zu machen, ist allerdings riskant: Begnügt sich die Story mit der Außenansicht, kommt leicht eine erzählte Tagesschau dabei heraus; werden Terroristen von innen geschildert, bis unters Sofa ihres Seelenhaushalts, wird der Schriftsteller zum Verbrecherversteher - oder gar als Sympathisant abgestempelt.

Täter als Helden

Heinrich Böll hatte sich dem Phänomen deshalb vom Rande her genähert und in der "Verlorenen Ehre der Katharina Blum" erzählt, wie Menschen zu Terroristen gemacht werden, die gar keine sind. Trotzdem trug es ihm den Sympathisantenstempel ein.

Wenn die Literatur jenseits der Sachbuch-Schwemme den Terror des 21. Jahrhunderts zu ergründen versucht, landet sie jedoch unweigerlich bei den Tätern. Im Roman wird erzählt, wie einer wurde, was er ist, nicht erst seit Goethes "Wilhelm Meister". Sein "Werther" war allerdings ein Terrorist des Herzens, mit etlichen Nachahmungstätern. Beides aber Romane vom Hineinbilden "in die bestehenden Verhältnisse und die Vernünftigkeit derselben", wie es der preußische Staatsphilosoph Hegel mit süffisantem Lächeln beschrieb - oder vom Scheitern daran.

Wo derart klassische Romane zu Ende sind, fängt der Terrorist erst an. John Updike, der Grandseigneur der US-Literatur, schildert in seinem gleichnamigen Roman trotzdem, wie ein "Terrorist" heranwächst, den die einschlägigen Experten zum Typus "hausgemacht" zählen würden: Ahmed, dessen ägyptischer Vater seine irisch-stämmige Mutter längst verlassen hat und der in einem Immigrantenviertel von New Jersey aufwächst. Ahmed ist 18 und intelligent, er könnte bald von der High School auf die Universität wechseln. Seine katholisch erzogene Mutter, die Schwesternhelferin, die sich in der Freizeit malend selbstverwirklicht, schwärmt fasziniert von Ahmeds Gläubigkeit.

Der jedoch rutscht allmählich, fast wie normal in den Islamismus. Vernichtungsphantasien suggerieren ihm am Ende die Erlösung aus einem unübersichtlichen, gleichgültigen Leben in einer Freiheit, die kein Ziel hat. Deren Hohlheit stopft er, anders als das übrige Amerika, nicht mit Wohlstandskrempel und Seitensprüngen zu, wie Updike das so gern ausbreite. Ahmed hat den Glauben und Angst vor Frauen. Am Ende aber hat er 4000 Kilo Sprengstoff und einen Truck unterm Hintern, im Lincoln Tunnel. So wird das Buch am Ende immerhin zu Updikes erstem Thriller. Unterm Strich aber ist es eine Vollversammlung von Erklärungsversuchen und Argumenten, keine schlüssige psychologische Studie. Vor lauter Auslösern gerät die Bombe aus dem Blick, die doch darin besteht, dass sanftmütige, kluge, ordnungsliebende, moralitätssüchtige junge Männer zu Massenmördern werden.

Aus Jochen wird Abdallah

Bei dem aus Kalkar stammenden Qualitätsschreiber Christoph Peters ("Stadt Land Fluss") ist es die Liebe, die aus dem jungen Deutschen Jochen Sawatzky einen Abdallah macht; der Überdruss am drogenbedröhnten, gewissenlosen Raubtierkapitalismus radikalisiert ihn zum aufstiegswilligen Gotteskrieger mit Märtyrertod-Ambitionen, die Liebe lässt er dafür zurück. Als er dann in Ägypten mit anderen zu einem Anschlag unterwegs ist, werden sie von Sicherheitskräften überwältigt. Der deutsche Botschafter in Kairo versucht, ihn vor dem Todesurteil zu bewahren. In den Gesprächen der beiden entstehen Parallelen zwischen RAF und Dschihad aus moralischen Rigorismus und revolutionärer Heilserwartung. Sawatzky aber entlarvt den Botschafter als karrieristischen Verräter seiner früheren Ideale von ´68. Da stehen zwei heillose Alternativen einander gegenüber.

Der Punkt aber, an dem die Verzweiflung darüber mörderisch wird, scheint bei jedem Terroristen ein anderer zu sein. Wahrscheinlich ist es gar nicht mal ein Punkt. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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