En trasig
liten ask ay trä/Ein zerbrochenes Kästchen aus Holz.
Dikter/Gedichte 1933-68 von Gunnar
Ekelöf (2004, Verlag Kleinheinrich, zweisprachig - Übertragung Klaus-Jürgen
Liedtke).
Besprechung von Sybille Cramer in der Frankfurter Rundschau, 15.9.2004:
Die Kunst des Unmöglichen
Großer Außenseiter: Dem
schwedischen Dichter Gunnar Ekelöf zum Abschluss seiner Werkausgabe
"Geboren wurde ich in
Stockholm, Schweden, im September 1907 im Zeichen der Jungfrau, an einem Sonntag
und mit Glückshaube...", beginnt Gunnar Ekelöf eine seiner wenigen
autobiographischen Auskünfte in typischer Manier. Gemeint ist nicht Faktisches.
Die Umstände seiner Geburt, seines Herkommens, seiner Kindheit überspringt er.
Tatsächlich konnte der Stockholmer Bankierssohn bis zum Börsenkrach im Jahre
1930 vom Vermögen seiner Familie leben. Aber er wuchs zwischen einer gefühlskalten,
später von ihm als "Durchgangsstation" bezeichneten Mutter und dem an
Paralyse leidenden umnachteten Vater auf. Das prägte ihn zum lebenslänglichen
Außenseiter. Als "Glückshaube" bezeichnet er die Bedeutung, die sein
Geburtsstern für sein geistig-spirituelles Leben gewann. Später wird er von
der vertrauten Vision einer Jungfrau sprechen, "wolkig unbestimmt und
dennoch von fester Kontur und Gestalt, über dem Meer im Sturm", die als
"Nichtgebärende, Sohnlose" für ihn die "quinta essentia eines
Wesens" ist, "da es jenseits unserer Sinne und Begriffe liegt. Durch
letztere ist die Welt endlich". In zwei "Erklärungen für die
Jungfrau" schreibt er seine durch sie gewonnenen Einsichten nieder. Sie
bestehen in der prinzipiellen Elternlosigkeit des Menschen und seiner Befähigung
zum Selbstmord, der Nähe und Lizenz für den Sprung ins Nichts.
Vollzogen hat er ihn nicht. Ekelöf war zeit seines Lebens auf der Suche nach
Aussöhnung mit dem Leben, nach unausgeschöpften Möglichkeiten der Überschreitung
des subjektiv eingeschränkten menschlichen Wahrnehmens und Erkennens, im
Aufbruch zu unentdeckten Zentren wahren pantheistischen, surrealen, mystischen
Reichtums, auf dem inneren Weg zu Erfahrungsbereichen und Bewusstseinsgegenden
des Traums, der Vision, Mystik, des Mythos, der Metaphysik.
Die Entbindung des dichterischen Worts aus den Ordnungen des Wirklichen und
Wissens, seine Emanzipation von dem normativen Wirklichkeitsbegriff der Zeit,
die Befreiung der poetischen Rede ist der gemeinsame Nenner seines zerklüfteten
Werks, das breit aufgefächert ist zwischen seinen neuromantischen Anfängen,
dem surrealistischen Experiment der frühen dreißiger Jahre, der von Schwitters
inspirierten Lautpoesie, dem Rückgriff auf den Symbolismus und in der zuletzt
erschienenen Akrit-Trilogie dem spätantiken Mythos und der
orientalischen Mystik. Sein 1961 in dem Poem "Die Nacht von Otocac"
abgelegtes Bekenntnis zur "Kunst des Unmöglichen" gilt für das
neuromantische und surrealistische Frühwerk ebenso wie seine späte west-östliche
Weltbildsynthese.
Seine frühen neuromantischen
Gedichte, darunter "kosmischer schlafwandler" träumen den
pantheistischen Traum vom Verschmelzen mit der "unendlichen mutter"
Natur. Den 1932 erschienenen Band Spät auf Erden bezeichnete er später
als "Selbstmordbuch", das unter dem Einfluss von Stravinskijs Sacre
du Printemps zu einer Zeit entstand, als er in Paris mit einem Revolver in
der Tasche herumlief. "Ich sage: man muß Seher sein, man muß sich zum
Seher machen", das Rimbaud-Motto
stellt er 1934 den Gedichten des Bandes Dedikation/ Widmung voran. Die späte
Akrit-Trilogie ist ein Werk der Ich-Überschreitung, das die Begriffspole
Sehen, Blindheit und Unsichtbarkeit spiralig umkreist und aus der mystischen
Identifikation von Mensch und Gott über das Verbindungsglied der Unio mystica
ein Modell gewinnt, das die göttliche Rolle auf das Subjekt überträgt. Eine
moderne Heiligung des Subjekts, die wie die Kunstreligion Stefan
Georges an die religiösen Ursprünge der Poesie anknüpft.
In seinem 1941 niedergeschriebenen kurzen Lebensabriss "Der Weg eines Außenseiters"
findet sich jene Schlüsselszene mit dem Vater, in der sich autobiographische
und poetologische Aussagen verschränken. Ekelöf schildert den
geistesverwirrten Mann als Welt- und Wirklichkeitsflüchter, der im Exil seines
Wahnsinns mit menschenfernen Stimmen in fremden Zungen redete - ein
Geistesverwandter des Dichters, lebenslangen Außenseiters und
"Landstreichers im Geiste", der als Schüler das Morgengebet
verweigert, Europa und das Christentum verabscheut, von Indien träumt und sich
in der Königlichen Bibliothek den Kopf mit arabischer Kunst, Geschichte und
Religion vollstopft. Nach dem Abitur studiert er Orientalistik in London, dann
in Uppsala, entdeckt in Paris die Surrealisten, liest früh die Oden des
mittelalterlichen Sufimystikers Ibn Al-'Arabi und vertieft sich in die
Weisheitslehren Lao-tses.
Aus Schweden ist er immer wieder
vergeblich geflüchtet, reist an die nördlichen Ränder der europäischen Welt
und nach Frankreich, Italien, Griechenland, macht 1938 eine Wallfahrtreise zum
Sterbeort der großen Finnlandschwedin Edith
Södergran, wird als Übersetzer
und Verleger (und Briefschreiber) zum Vermittler zwischen den Zentren der europäischen
Moderne und der skandinavischen Welt (zu einer Zeit, als die deutsche Poesie
verjagt worden war, sich verkroch oder die großgermanische Wiedergeburt
mitfeierte) und errichtet in den sechziger Jahren in einem großartigen Akt der
Orientalisierung der Moderne jenem Kurdenfürsten Emgión ein Denkmal, der im
11. Jahrhundert in Byzanz als Manichäer gefangen genommen und geblendet wurde.
Der letzte Band der Akrit-Trilogie ist 1967 erschienen, ein Jahr vor
Gunnar Ekelöfs Tod.
Zunächst haben die Übersetzungen von Nelly
Sachs ihn bei uns bekannt gemacht. Nun folgt in einer Riesenanstrengung des
Münsteraner Kleinheinrich Verlags und des Übersetzers Klaus-Jürgen Liedtke
(zum Teil unter Mitwirkung Manfred Peter Heins) die Werkausgabe.
[...diese und weitere Besprechungen
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