Ein wütender Weiser, Drach-Biografie (2002, Residenz - Hrsg. von Eva Schobel).Ein wütender Weiser.
Biografie über Albert Drach (2002, Residenz - hrsg. von Eva Schobel).
Besprechung Wolfgang Straub aus Rezensionen-online *LuK*:

Anekdoten eines Schelms
Eva Schobels Drach-Biografie

Biografen sind Anwälte ihrer Autoren. Diese Sentenz scheint bei einem Schriftsteller, der seinen Lebensunterhalt lebenslang als Anwalt bestritt, besonders passend zu sein. Eva Schobel ist eine Anwältin ihres Autors. Und sie ist eine gute Anwältin, mit sichtlich großem Engagement und Verve in der Verhandlungssache "Albert Drachs Leben" die Agenden des Mandanten vertretend. Allerdings ist die Beweislage, wie Schobel zu Beginn ihrer Biografie eingesteht, keine gute, besonders die Jahre von Drachs Emigration wiesen "gravierende Lücken" auf. So ruft sie Drach selbst in den Zeugenstand, also seine autobiografischen Schriften und "mehr als 150 Stunden Tonbandaufzeichnungen" von Gesprächen mit dem Autor. Und das bleibt in dieser Verhandlung, bei der als Höchststrafe der Verriss droht, die Streitsache: die Methode der Annäherung an das Schriftstellerleben.

Einen gesamten Lebensweg erstmals zu umreißen, ist Pionierarbeit. Vielleicht hat es jemand wie Reiner Stach mit seiner vielgepriesenen Kafka-Biografie leichter, der sich (auf 673 Seiten) in "nur" fünf Jahre eines Schriftstellerlebens verbeißen und auf eine Vielzahl an Forschungen zurückgreifen kann. Schobel verordnet sich für ihr Pionierunternehmen denn auch eine augenfällige Struktur: eine Einteilung in drei Kapitel, drei durch 1938 und 1945 determinierte Lebensabschnitte. Im Prolog setzt sie dieser für Drach und "seinesgleichen" (ein Lieblingswort Schobels) alles andere als freiwilligen Lebenseinteilung das Drach-Bild der jüngeren Rezeption voran (der Provokateur, der Bärbeißige), die allzu späte Wiederentdeckung seines Werks verschiebt die Autorin - eine konsequente Idee - in den Epilog, die späten Würden, etwa die Zuerkennung des Büchner-Preises für den 85-Jährigen, werden so zur Draufgabe, zum Nachtrag (natürlich auch zur Genugtuung, Schobel schreibt gar vom Rachegefühl bei Drach).

Manche Schriftsteller-Biografie ist von Dokumenten und Daten überlastet, ein Vorwurf, den man Schobels Werk nicht machen kann (liest man zum Beispiel von der elterlichen Hochzeit, wäre eine kleine Jahreszahl durchaus nicht störend). Im Gegenteil. Schobel lässt etwa nur sehr wenig Korrespondenz einfließen, man erfährt kaum etwas über Drachs Beziehung oder Einschätzung von schreibenden Kollegen. Vielleicht war der Nachlass, der der Autorin zur Verfügung stand, diesbezüglich wenig ergiebig. Schobel vertraut vielmehr auf die Quellen aus Drachs Mund und Feder bzw. Schreibmaschine. So beginnt sie die Herkunftsgeschichte der Drachs mit zwei Familienanekdoten, die zum einen schlicht sehr unterhaltsam sind, zum anderen lässt sich damit, was Schobel bestens gelingt, der erzählerische Schelm in Drach sehr schön explizieren. Das Anekdotische wuchert nur manchmal zu sehr ins Faktische hinein, ist zu wenig strikt vom Biografischen getrennt, etwa wenn die Familienlegende von den letzten Worten des Drach"schen Großvaters wörtlich, nicht als Legende ausgewiesen, wiedergegeben wird.

Selbstverständlich weiß die Autorin um die "gefährliche Nähe" von Dichtung und Wahrheit und thematisiert dies immer wieder, oft in Einfügungen wie "man mag diese Erinnerung wie manche andere für eher anekdotisch halten" oder "seiner Selbstdarstellung zufolge". Eine schärfere Grenzziehung wäre dennoch manchmal wünschenswert gewesen. Das Anekdotische scheint allerdings bei wenigen Autoren so konstituierend zu sein wie bei Drach: Als Urgrund des Schreibens bezeichnet Drach das kindliche Erlebnis der Bergung einer Wasserleiche aus dem Lunzer See und dem damit verbundenen Wunsch nach Unsterblichkeit; als Mitgrund für die erste Veröffentlichung 1919 gibt er einen elterlichen Beischlaf an, den er unabsichtlich gestört habe, woraufhin er vom Vater verprügelt worden sei - dieser habe ihn dann aus schlechtem Gewissen bei der Publikation finanziell unterstützt.

Zwei der schelmischen Anekdoten Drachs geht Schobel besonders genau nach. Da ist zum einen der behauptete Einfluss der direkt ans Publikum gerichteten Songs in seinem "Passionsspiel" auf Bertolt Brechts "Mahagonny" (Drach sei davon, so Schobel, "felsenfest überzeugt" gewesen) - vermittelt über die gemeinsame Freundin Hedda Zinner. Zum anderen versucht Schobel eine der größten Enttäuschungen Drachs, die in seinen Augen durch Intrigen verhinderte Zuerkennung des Kleist-Preises durch Hans Henny Jahnn, zu ergründen. Es ist spannend, der Autorin bei diesen Überprüfungen "zuzusehen", bei der "Kleist-Preis-Affäre" holt sie allerdings gar zu weit aus. Ähnliches gilt auch bei der Einordnung der Werke Drachs. Prägnante Analysen mit dem Fluchtpunkt der Biografie wechseln mit Passagen, in denen Schobel lange Inhaltsangaben liefert und, wie in einer literaturwissenschaftlichen Abhandlung, andere Interpretationsansätze diskutiert und gegen diese argumentiert.

In dem wohl am schwierigsten zu rekonstruierenden Lebensabschnitt Drachs, der in Südfrankreich verbrachten Emigrationszeit, muss sich Schobel größtenteils auf Texte wie die "Unsentimentale Reise" verlassen, abschnittweise identifiziert sie "arbeitshypothetisch das fiktive mit dem realen Ich", es gelingt ihr aber, geschickt aus dem literarischen Material Realien herauszufiltern. Dabei relativiert sie etwa auch die gerne kolportierten "donjuanistischen Erfolgsgeschichten" und spricht vom diesbezüglich vorherrschenden Scheitern. Die Autorin zeichnet in diesen Passagen konzis die Wege Drachs nach, von den Internierungslagern über Fluchten aufs Land und in Unterschlupfe in Nizza, der Deportation durch eine Kette von Zufällen und seine Chuzpe entkommend, bis hin zum Dasein als "Gespenst", als Untoter gegen Kriegsende.

Dieses spannende Nachspüren dürfte sich mit dem schwammigen Kriterium der "guten Lesbarkeit" treffen, das in vielen Rezensionen für das Buch ins Treffen geführt wurde. Schließlich hatte die Biografie starke Fürsprecher, nahm sie doch im Dezember den ersten Platz auf der SWF-Bestenliste ein. Der Lesbarkeit abträglich sind allerdings die vielen Fehler des Buches. Ein Verlagslektorat hätte einige Kürzungen vornehmen und die mitunter holprigen Übergänge abschleifen können, den vielen orthografischen Fehlern, den falsch geschriebenen Geburts- und Sterbedaten hätte ein Korrektorat beikommen können. Vielleicht wurde einfach die Zeit zu knapp, weil das Buch zum 100. Geburtstag des Autors im Dezember fertig werden sollte. Vielleicht müssen wir uns aber auch in Zeiten zunehmender Verlagszusammenlegungen verstärkt auf bemerkbare Einsparungen im Lektorat gefasst machen.

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