Ein Winter unter Hirschen von Ralf Rothmann, 2001, Suhrkamp1.) - 3.)

Ein Winter unter Hirschen.
Erzählungen von Ralf Rothmann (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ vom 13.8.2001:

Leben am Rande des Wahnsinns
Ralf Rothmanns Erzählungen

Ralf Rothmann hat ein neues Buch geschrieben, und manches darin ist schöner als alles, was er bisher vorgelegt hat. Erzählungen - eigentlich Kurzgeschichten, in bester amerikanischer Tradition: Schlaglichter auf das Leben. Sie enden so abrupt, wie sie beginnen, und lassen dem Leser manche Lücke, die seine Fantasie ausfüllen kann, darf, muss. Rothmann ist sprachgewaltig, bilderstark spürt er den magischen Momenten des Alltags nach. Durch viele Geschichten geistert ein Zug von Wahnsinn; Zusammenhänge knüpfen sich absurd, gute und böse Träume verschwimmen mit der Wirklichkeit. Da ist der Noch-Ehemann, der bei der Noch-Ehefrau exakt die Hälfte der Möbel abholt, und die Atmosphäre ist so banal, so eisig, dass selbst der Hund friert. Oder der Sechzehnjährige, der von den Ex-Kumpels seines Vaters aus Rache am Alten zum Saufen gezwungen und anschließend in die Bordellstraße geschleppt wird: Da trifft er seinen Vater. Die beiden Krankenschwestern, die immer an die falschen Männer geraten. Der verschuldete Drucker und seine Frau, die in ihren Albtraumwelten gefangen sind und einander trotzdem trösten können. Das unerwartete Liebesleben der alten Nachbarn. Und die Titelgeschichte, Ein Winter unter Hirschen: Die alternde Frau, die mit ihrer Tochter bei einem Jagdhelfer untergekommen ist, und den Tod der schönen Tiere als Sinnbild für Sex, Macht und Ausgeliefertsein erlebt. Um Ausgeliefertsein geht es in diesen Erzählungen - um Sterben und Liebe oder Sehnsucht und darum, dass am Ende einer dasteht mit einem losen Ende Leben in der Hand. Sogar die etwas merkwürdige, dem Neuen Testament nachempfundene Geschichte von der Totenerweckung (Bibelkennern als Des Jairus' Töchterlein geläufig) hat Charme. So geheimnisvoll, so stimmungsvoll ist dieser Text, dass man ihn einfach wirken lassen kann. Und mit seiner aparten Deutung hat er sogar einen eigenen Sinn. Rothmann hat mit Stier und Wäldernacht wunderbare Romane geschrieben. Diese Erzählungen sind etwas Besonderes: Sie sind verstehende Blicke ins Leben. Nicht weniger.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0901 LYRIKwelt © Westdeutsche Allgemeine

***

Ein Winter unter Hirschen von Ralf Rothmann, 2001, Suhrkamp2.)

Ein Winter unter Hirschen.
Erzählungen von Ralf Rothmann (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Franz Haas in Neue Zürcher Zeitung vom 4.10.2001:

Liebe, Tod und Feierabend
Ralph Rothmanns Erzählungen «Ein Winter unter Hirschen»

Ein Roman ist eine Geschichte, in der alles viel zu lang ist, meinte Ernst Jandl. Ralph Rothmanns neue Erzählungen sind Geschichten, in denen alles so kurz wie möglich ist. Jeder Ökonom müsste seine Freude daran haben. Das Verhältnis von Aufwand und Resultat ist bestechend, verblüffend, wie viel erzählt werden kann auf so wenigen Seiten. Seine Mittel sind nicht revolutionär, es ist die gute alte Rollenprosa, die er an Beispielen aus allen Altersstufen und Gemütstypen durchexerziert. Die Reden und Gesten dieser Personen scheinen beliebig und ungestüm hingeworfen, doch sind sie vom Autor haarfein arrangiert....Fortsetzung

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 1001 LYRIKwelt © NZZ

***

Ein Winter unter Hirschen von Ralf Rothmann, 2001, Suhrkamp3.)

Ein Winter unter Hirschen.
Erzählungen von Ralf Rothmann (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Daniel Teufel aus der Frankfurter Rundschau vom 21.2.2002:

Welt der Tiefkühlgefühle
Ralf Rothmann erzählt von seltsamen Begebenheiten

Ein Novum in Ralf Rothmanns Laufbahn als Schriftsteller durchaus, bevorzugte er doch bisher längere epische Formen. Dennoch, der Erzählband Ein Winter unter Hirschen ist ein unverwechselbares Produkt - ein unbeirrt amodisches, zurückhaltendes, zugleich auf messerscharfen Beobachtungen beruhendes Buch. Seine wesentlichen Themen sind die zentralen Themen des Rothmannschen Ouevres: erschütternde (Initiations-)Erfahrungen, der Konflikt zwischen individueller Freiheit und sozialer Norm, die Unfähigkeit, Gefühle mitzuteilen. Das Ganze kommt still und leise daher. Die Figuren haben nichts Außergewöhnliches an sich. Sie entstammen dem kleinbürgerlichen, häufig auch dem proletarischen Milieu, man kennt nur ihre Vornamen.

Ein todkranker ehemaliger Stahlarbeiter etwa, ein Jugendlicher, der betrunken im Puff landet, eine Frau, die vom Gesang eines arabischen Straßenmusikanten magisch angezogen wird, das ist das Personal, das die Rothmannsche Welt bevölkert. Und diese Welt ist instabil, kalt, ein Ort unerfüllter Wünsche, nicht ausgesprochener Ängste, verschütteter Träume und brüchiger Beziehungen. Der Satz Cesare Paveses, es sei "das Geheimnis des Lebens, so zu tun, als hätten wir das, was uns am schmerzlichsten fehlt", beschreibt treffend die wichtigste Benimmregel in diesem Universum. Die Figuren geizen mit Worten, und was sie sagen, verdeckt oft das, was sie in Wahrheit hätten sagen müssen oder wollen. Ein unzugänglicher Code scheint unter den Worten - oder unter dem Schweigen - zu liegen und ihnen einen verborgenen Sinn zu verleihen. Rothmann arbeitet meisterlich mit den Mitteln der Aussparung.

Wenn Worte zu versagen beginnen, treten Gesten und Handlungen, auch Gegenstände an ihre Stelle. Sie rufen Emotionen hervor, die sonst versteckt geblieben wären. Über den Jungen, der zum Bordell mitgenommen wird, erfahren wir zu Beginn der Erzählung, seine Mutter habe vor einigen Jahren die Familie verlassen. Morgens erhält der Junge eine Karte mit einer ihm bekannten Handschrift, die er sofort zerreißt, deren Schnipsel er jedoch einsteckt. Der ganze Vorgang bleibt vom Erzähler unkommentiert. Tief in der Nacht, nach dem Bordellbesuch, bemüht sich der Junge verzweifelt und vergeblich, die Fetzen zusammenzusetzen. Mehr erfahren wir über die Karte nicht, nicht einmal, ob sie von der Mutter stammt. Der Junge kann den Inhalt der Karte ebensowenig entziffern wie der Leser die genauen Beweggründe seiner Reaktionen auf sie. Die Welt ist in Fragmente zerfallen. In anderen Geschichten lösen das Heulen eines Hundes ("Oktober"), eine Fußballszene im Fernsehen ("Erleuchtung durch Fußball") oder ein Slangausdruck ("Hast du Mäuse?") ebenfalls Erschütterungen aus, die das Leben der Figuren zumindest momenthaft verändern. Der Erzähler deutet sie nur an, so liegt es am Leser, ihren Umfang und ihre Konsequenzen zu ermessen.

Diese Momente, in denen die sprach- und scheinbar fühllosen Menschen aus ihrer Lethargie gerissen werden, verweisen auf die Möglichkeit, in eine neue Richtung aufzubrechen, und sei es nur für Sekunden. Das dem Buch vorangestellte Motto von Cesare Pavese beschreibt den zwiespältigen Augenblick der Krise recht dramatisch: "Eine furchtbare Kraft ist in uns, die Freiheit. Man kann die Unschuld berühren. Man ist zum Leiden bereit." Die Dreifaltigkeit von Freiheit, Unschuld und Leiden freilich erzeugt ernste, unlösbare Probleme: In einer Gesellschaft der Tiefkühlgefühle und des täglichen Existenzkampfes kann es sich keiner lange leisten, verletzlich zu sein, und wenn Freiheit nur um den Preis von Verwundungen zu haben ist, scheut man schnell vor ihr zurück. Rothmann hält in beeindruckenden Bildern den transitorischen Moment fest, wenn Freiheit aufscheint - und als ungenutzte Chance wieder erlischt. Ihre Flüchtigkeit erzeugt die Sehnsucht nach der Dauer des epiphanischen Augenblicks, nach einem - nennen wir es ruhig so - Wunder, das die gewohnte Ordnung der Dinge umstürzt. Nicht zufällig hat Rothmann eine eigenartige, quasi-religiöse Legende an zentraler Stelle im Buch platziert. Diese Geschichte ("Von Mond zu Mond") bildet die Matrix, mit der auch viele andere Erzählungen dieses Bandes sich lesen lassen. Ein Hirte wohnt einem Wunder Jesu bei, der ein totes Mädchen zum Leben erweckt. Aber dem Hirten kommen Zweifel. War es wirklich so? Welche seltsamen Worte hat Christus dem Mädchen ins Ohr geflüstert? Und warum musste der Hund des Hirten sterben? Das Wunder steht im Schatten des Zweifels. Vielleicht war alles vergeblich. Oder Täuschung.

Analog dazu sind auch die seltsamen Begebenheiten der anderen Episoden Anspielungen auf eine Transzendenz, die letztlich innerweltlich und an den Alltag gebunden bleibt. Der Einbruch des ganz Anderen in den bundesrepublikanischen Gefühlshaushalt kann sogar den Rand der Lächerlichkeit streifen. Die Geschichte "Der Sänger" porträtiert eine Frau, die während einer Parisreise mit ihrem Mann allein durch die Gassen schlendert. Die Musik zweier arabischer Straßenmusikanten zieht sie magisch in den Bann und eröffnet ihr den epiphanischen Moment der Freiheit: "Sie wußte es. Daß sie einfach hinaustreten konnte aus diesem Rieseln auf der Haut, aus allem, was sie war und nicht mehr sein wollte, daß sie nur einen Schritt auf den Mann zugehen und ihm die Hand reichen mußte durch den fließenden Sand. Jetzt, hier, für immer." Kein Klischee wird ausgelassen. Die kühl-rationale Europäerin in Paris, die von südländischer Leidenschaft aufgetaut wird. Starre Form versus fließender Sand. Die Raserei des zerlumpten Musikanten, der "zu den Ohnmächtigen gehörte. Und auch gar nicht anders wollte." Die Ethnographie des Werbefernsehens lässt grüßen. Am Ende versiegt die Musik, die Frau kehrt zu ihrem Mann ins Hotel zurück und versichert ihm, er - und damit auch sie - habe nur geträumt. Es gehört Mut dazu, eine solche Projektionsleistung nicht satirisch darzustellen, ohne in den Kitsch abzugleiten. Rothmann meistert es. Und dafür gibt es zwei Gründe.

Erstens nimmt er seine Figuren ernst. Er hält mittels seiner scharf beobachtenden Erzähler Distanz zu ihnen und doch spürt man Empathie in jedem Wort. Seine Herzlichkeit auf Entfernung ermöglicht feine Ironie, und vermeidet den klinischen Blick, für den es nur mehr noch Objekte gibt. Der zweite Grund ist Rothmanns Sprache: Bildhaft-poetisch und derb-realistisch, ebenso witzig wie melancholisch. Sie hat Bodenhaftung, schaut den Leuten hervorragend aufs Maul, und überrascht doch mit immer neuen Wendungen. Sie besteht aus klar gefügten Hauptsätzen, aber ist nur scheinbar einfach. Ihr Sound unverwechselbar und in jedem Wort spürt man die Anteilnahme an einer Welt, die des Wunders der Kommunikation bedarf, und immer vom Schweigen bedroht ist.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung 0202 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau