EinWerwolf hockt im Kreidekreis... von Richard Bargeld, 2003Ein Werwolf hockt im Kreidekreis, heult leise blaue Lieder.
Gedichte von Richard Bargeld (2003, Schardt-Verlag).
Besprechung von Karin Soltani, Medienbüro In Worten, Düsseldorf, Dezember 2003 für die LYRIKwelt:

Eine Achterbahnfahrt der Gefühle erlebt man, lässt man sich auf Richard Bargels „suchtvolle Gedichte und Texte“ ein. Der Kölner Bluesmusiker, Sänger, Sprecher und Zeichner passt exakt den Punkt ab, an dem er seine Leser einsteigen lässt. Bargel nimmt mit, und zwecklos ist der Versuch, ihn wieder loszuwerden. Denn plötzlich ist er da, der eigene, ganz persönliche Werwolf, und will nicht mehr aus dem Kopf heraus.

Richard Bargel schildert in seinem Buchdebüt den Grenzgang von einem, der sich mit seiner jahrelangen Trunksucht auseinander setzt. Nach der erfolgreichen Behandlung seiner Alkoholkrankheit schreibt er im Jahr 2000 die ersten Texte zum Thema Sucht. Schonungslos beschreibt Bargel seine Erfahrungen und Gefühle, ebenso selbstironisch wie einsichtig, mal traurig, mal wütend streitend gegen den Sumpf der Sucht und mutig den einmal eingeschlagenen Weg verfolgend. Immer wieder erwächst aus den feinfühligen (Selbst-) Beobachtungen des virtuosen Musikers die Zuversicht, weiter zu gehen.

Dabei bleibt Richard Bargel dem Selbstmitleid und der Gefühlsduselei abstinent. Ohne Not zum Drama treffen seine sprachlichen Bilder ins Herz, mitten in den wunden Punkt hinein. Das Hinterlistige: Bargel lässt auch den, der sich frei von Erfahrungen mit dem Alkoholismus auf das Buch einlässt, in die Falle tappen. In die des eigenen Verhaltens, das man allzu gern als schlechte Angewohnheit zu entschärfen versucht. Schon ab dem zweiten Text „Welches Schweinderl hätten’s denn gern“, spätestens aber mit dem „Traurigen Silbenrätsel einer suchtvollen Gesellschaft“ kann keiner mehr so tun, als ginge es ihn nichts an. Arbeits-Sucht, Hab-Sucht, Selbst-Sucht, Eifer-Sucht, Ess-Sucht, Nikotin-Sucht, Putz-Sucht, Spiel-Sucht, Herrsch-Sucht – schon wiedererkannt? In dieser unendlichen Liste der Süchte ist garantiert für jeden etwas dabei. So hält Richard Bargel unserer Gesellschaft, die er in hohem Maße als suchtorientiert bezeichnet, einen Spiegel vor. Und weckt dabei eine Genuss-Sucht der angenehmsten Sorte: Mehr davon.

Leseprobe I Buchbestellung 1203 LYRIKwelt © Karin Soltani, In Worten