Ein weites Feld.
Roman von Günter
Grass (1995, Steidl/dtv).
Besprechung von Ulrich
Karger, Berlin:
Am 30.12.89 feiert die
Reinkarnation Theodor Fontanes alias Theo 'Fonty' Wuttke bei McDonald's seinen 70.
Geburtstag. Entgegen seinem Willen nicht allein, sondern mit der Fiktion einer Fiktion des
"ewigen" Spitzels und Nachrichtenzuträgers namens Tallhover alias
Hoftaller. Beider Geschichten sind eng verwoben, so wie sich die Geschichten ihrer
biographischen Vorgänger unvermutet ergänzen, denn im Gegensatz zueinander stehen. Eine
solcherart verschachtelte Sicht z.B. auf die landeshistorischen Geschehnisse zeitigt denn
auch erstaunliche Parallelen zwischen damaligen und heutigen Gegebenheiten, obwohl doch
für unsereinen der Mauerfall nachgerade wie zum Trost stets als "einmalig"
und "wahnsinnig" aufgeköchelt wird. Aber was die Folgen "historischer"
Ereignisse betrifft, war Fontane seinerzeit eben kein Zola, und bei dem Anblick auf
Abbruch wartender, "leergeweiderter" Häuser in der Nähe einer riesigen
Braunkohle-Abraumhalde schreibt Fonty an seine Tochter Martha bzw. "seine
Mete": "War nie auf Misere abonniert. Konnte soviel Häßlichkeit keine Minute
länger ansehen. Nicht nur von Gott - das ginge ja noch -, von aller Schönheit verlassen,
atmete mich die Leere an..." Und es ist der penetrante, erpresserische mithin
"böse" Nach-wie-vor-Mitarbeiter des MfS Hoftaller, der Fonty zwingt, sich der
gnadenlos ungeschönten Faktenlage zu stellen, denn "Wir können auch
anders...".
"EIN WEITES FELD" von Günter Grass steckt in fünf Kapiteln ein weit mehr als
Berlin-Mark-Brandenburg großes Areal ab, dessen Geschichts- und Geschichtenablagerungen
er bis auf knapp 200 Jahre Tiefe freilegt. Das fördert eine Vielzahl überraschender
Querverweise zutage, aber gerade auch Details wie "Mietshäuser, denen der Putz
wie eine gelbgraue Uniform angepaßt war" oder "Gluckte auf ihren Knien,
die schwarzgeschuppte Tasche, deren Rundbügel flach anlagen" haken sich fest und
drosseln das Lesetempo auf ein gemächlich schlenderndes, "fontanesches"
Maß. Neben den sich selbst und ihre Vorgänger zitierenden Schlüsselfiguren belegt ein
namenlos bleibender Potsdamer Archivarius aber auch die erfrischend nüchterne Sicht der
Angehörigen Theo Wuttkes. Zwischen Schöngeisterei, politischen Sachzwängen und
prosaischer Alltagswirklichkeit hin und hergerissen, verwischen die Rollen von Autoren,
Archivaren, Spitzeln und Lesern, die somit jeder für sich ihren "Status"
als Opfer oder Täter zu finden haben. Grass fordert nichts mehr ein (auch keinen "dritten
Weg"), er legt nur noch bloß und findet damit zur altersweisen Tugend des
reinen, tiefschürfenden Erzählens. Dennoch werden viele "übelnehmen"
und vielleicht sogar ein Wort wie "Verunglimpfung" bemühen. Schon jetzt
ein gesamtdeutscher Klassiker also, der vom Leser gewiß einiges abverlangt, nur keine
Langweile. Metaphernreich und stets den Kern treffend dürfte EIN WEITES FELD noch am Ende
des nächsten Jahrhunderts die Gemüter bewegen.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.buechernachlese.de.vu]
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