Ein verwirklichter Traum.
Erzählungen von Juan Carlos Onetti (2001, Wagenbach - Übertragung Wilhelm Muster, Gerhard Poppenberg und Jürgen Dormagen).
Besprechung von Maike Albath in der Frankfurter Rundschau, 28.8.2001:

Alles rostet, schimmelt, fault
Wie in einem phantastischen Alptraum: Zehn Erzählungen von Juan Carlos Onetti

Das Ich ist eine Falle. Ein tiefer dunkler Schacht, aus dem man niemals hinaus findet, ein langer Gang mit endlosen Verzweigungen. Hinter jeder Biegung lauert der Wahnsinn. Wie ein Gerichtsurteil wird einem sein Schicksal aufgezwungen, ohne dass man etwas dagegen tun könnte. "Das Leben war immer schwierig gewesen und schön, nicht zu ersetzen, und der Fürst Orsini hatte die 500 Pesos nicht", heißt es über einen abgehalfterten Boxtrainer, der mit seinem Schützling die Provinz bereist und bei gefakten Wettkämpfen die Leute übers Ohr haut, um ein Auskommen zu haben. Aber eines Tages droht alles aufzufliegen, und seine ganze Existenz löst sich in Luft auf. Als Zufluchtsstätten bietet der uruguayische Schriftsteller Juan Carlos Onetti seinen gebeutelten Gestalten höchstens schmierige Hotelzimmer oder billige Cafés. Seine Helden sind Suchende, die sich in undurchschaubare Zusammenhänge verwickeln und jede Macht über sich selbst verlieren. So als besäßen sie keinerlei Entscheidungsbefugnis, als ginge sie ihr eigenes Leben gar nichts mehr an. Wie in einem Alptraum.

Ein verwirklichter Traum heißt ein neuer Band des 1994 in Madrid verstorbenen Uruguayers, womit sogleich die heimatlichen Sphären seiner Figuren benannt sind. Zehn seiner besten Geschichten versammelt der Wagenbach-Verlag in einem schmalen Buch und liefert damit einen Querschnitt durch Onettis Schaffen, eine Art Visitenkarte des erst spät zu Ruhm gekommenen Schriftstellers, der für die südamerikanische Literatur so wichtig ist. Denn ohne ihn und seine Abkehr von traditionellen Erzählformen wäre die nueva novela von Vargas Llosa, Carlos Fuentes und Julio Cortázar nicht denkbar. Der fiktionale Horizont des Uruguayers scheint in den Erzählungen von Anfang an auf: Santa Maria kommt vor, Onettis erfundene Stadt am Rio de la Plata, Handlungsort seiner großen Romane Das kurze Leben (1950) Die Werft (1961) und Der Leichensammler (1964), außerdem gibt es verwaiste Theaterbühnen, zerbröckelnde Häuser in düsteren Gassen, zwielichtige Kneipen. Alles rostet, schimmelt und fault. Und der Zerfall steckt auch die Menschen an.

Zum Beispiel in "Willkommen, Bob". Ein Mann berichtet von seiner Jugendliebe Inés und kreist dabei fortwährend um den Bruder des Mädchens, einen Jazzkenners und zukünftigen Architekten, jünger und attraktiver als der Verliebte. Er nennt sich Bob, hat blaue Augen und behandelt den Mann mit herablassender Ironie. Je stärker sich der Erzähler eine Heirat mit der angebeteten Inés wünscht, desto ferner rückt jede Chance für eine Verbindung. Bob will keine Hochzeit, weil der andere zu alt sei, ein erledigter Mann mit einer schmutzigen Sinnlichkeit, der so etwas Reines wie seine Schwester nicht verdiene. Aber die Geschichte wird aus der Retrospektive erzählt, verhaltener Hass spricht aus den gewundenen Satzperioden, tiefe Befriedigung und das Gefühl von Rache schwingen mit, denn aus Bob ist Roberto geworden: ein verwahrloster Tunichtgut ohne Träume, der endlich in der "schrecklichen, stinkenden Welt der Erwachsenen" angekommen ist. "Als wir einander vorgestellt werden", heißt es, "begriff ich, dass die Vergangenheit zeitlos ist und das Gestern sich an den Tag vor zehn Jahren anschließt". Der einst Abgewiesene triumphiert, weil er den Lauf der Welt kennt.

Umgekehrt kann sich die Protagonistin der Titelgeschichte einen Traum erfüllen, zahlt dafür aber mit dem Leben. In "Der verwirklichte Traum" wird einem herunter gekommenen Theaterimpresario, der mit einem einzigen Schauspieler in der Provinz fest sitzt, von einer unbekannten Dame eine Aufführung angeboten. Es handelt sich um eine einzige Szene, eine Traumsequenz, bei der sie selbst auch mitwirken will. Ein Paar sitzt vor einem Haus, der Mann überquert die Straße, entgeht knapp einem Auto, bekommt auf der gegenüberliegenden Seite einen Krug Bier von einer Frau überreicht, und geht wieder zurück. Aus Geldmangel nimmt der Impresario den bizarren Auftrag an, organisiert die notwendigen Requisiten und gibt dem Schauspieler Bescheid. Als sich die Truppe auf der ärmlichen Bühne zusammenfindet, begreift der Theaterleiter, dass sie die Seele der Frau in Szene setzen. Das Stück wird gespielt, und am Ende ist die Auftraggeberin tot.

Das Unheimliche greift mit seinen Krakenarmen um sich, und jede Erzählung verbreitet eine ungeheuerliche Stimmung. Durchbrochen wird die Ausweglosigkeit des Lebens höchstens in Träumen, und Erlösung bringt nur der Tod. In "Die Zwillingsschwestern" gabelt der Korrektor einer Tageszeitung nachts ein Mädchen auf, das von einem Freund in der Vorstadt erzählt, sein Geld aber mit Prostitution verdient. Weil der Mann den Gedanken an den elenden Existenzkampf der jungen Frau nicht erträgt, bedeckt er im Morgengrauen "ihr den Mund, das Gesicht, die Vergangenheit und das Niemals mit dem dicksten Kissen, das ich handhaben konnte". Trotz der Düsternis verfällt man diesem Ton, wünscht den Figuren keine Schonung, sondern hat teil am Voyeurismus des Erzählers. Eine eigentümliche Reibung ergibt sich zwischen dem fatalistischen Grundton der Erzählungen und Onettis Sprache. Sie ist von großer Schönheit, in langen Perioden umkreist er die Obsessionen seiner Figuren. Der Proust-Verehrer liebt eine verschachtelte Syntax, aber seine Sätze sind ungleich schärfer als die des Franzosen, bitterer, adjektivgesättigt. Als passionierter Krimileser schürt Onetti auch erzähltechnisch die Spannung: Oft beginnt er seine Geschichten von hinten, lässt eine Nebenfigur berichten, um dann die Perspektive wieder umzudrehen. Der Leser begreift erst hinterher, dass er die Sache falsch einzuschätzen droht. Genau wie Onettis Helden wird man in die Betrügereien der korrupten südamerikanischen Stadt hineingezogen. Ein schaler Trost ist nur die Phantasie.

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