Ein vermeintlicher Herr von Feng Li, 2009, OstasienEin vermeintlicher Herr.
Roman von Feng Li (
2009, Ostasien-Verlag/Reihe Phönixfeder - Übertragung Ulrich Kautz).
Besprechung von Ludger Lütkehaus in Neue Zürcher Zeitung vom 23.09.2011:

Die Erotik der Glatze
Feng Lis subtil-komischer Roman «Ein vermeintlicher Herr»

Man kann die Geschichte, die Feng Li, die 1963 in der nordostchinesischen Provinz geborene Autorin des Romans «Ein vermeintlicher Herr», mit subtilem Witz erzählt, auch als Geschichte von zwei Frisuren wiedergeben, von Männerfrisuren. Hu Dong, vom stellvertretenden Kreisvorsteher für die Kultur- und Bildungsarbeit aufgestiegen zum Leiter des pompösen «Integrierten Forschungsinstituts für Kultur und Kunst der Stadt xy», trägt eine von der Seite her über seine Glatze gekämmte Haarsträhne, wie es von ihrem Haarausfall tief betroffene Männer gerne tun. Mehr Schein als Sein also. Und die Frisur ist jederzeit verrutschungsgefährdet.

Lenin hilft

Welch ein Blamagenpotenzial! Ihren Trägern eilt zwar der Ruf voraus, dass bei ihnen die sexuelle Libido besonders ausgeprägt sei. Aber Hu Dong, der vermeintliche Mann im mittleren Mannesalter, der lieber stoisch seine ihrerseits stoischen Aquariumfische beobachtet, als ins Leben einzugreifen, hat sich zumindest in seiner dem Ende nahenden Ehe allezeit impotent erwiesen. Auch hier mehr Schein als Sein also. Dabei weiss er: «Von einem alten Dichter stammt der Spruch, ein Zuwachs der Bevölkerung käme nur auf zweierlei Art zustande: Man stellt sich vor den Spiegel, oder man schläft miteinander. Beides habe ich schon lange nicht mehr getan.»

Beruflich indessen ist er als Kulturfunktionär in einer kontaktfördernden Position. Denn er ist für die Vergabe der Institutswohnungen zuständig. Und in dieser Eigenschaft, nicht etwa in seiner Kulturrolle, die so gut wie bedeutungslos ist, hat er mit den unterschiedlichsten Frauen Kontakt. Im Zuge seines ausserehelich wieder aufkeimenden Liebeslebens lässt er sich die Haare schneiden, und zwar ausgerechnet so, wie Lenin sie trug: «Der sogenannte Lenin-Schnitt ist nichts anderes als der wohlbekannte Schnitt des aufgehenden Mondes, und der wiederum bezeichnet eine Frisur, bei der die kahle Schädelmitte rundherum von einem Haarkranz wie von einem Schutzzaun umgeben ist. Kurzum, ich liess jene lange Strähne abschneiden, so dass meine Glatze in voller Pracht erstrahlte. Was einst düster und matt war, war jetzt hell und klar.»

Hell und klar denn auch das neue Liebesleben. Die überlebte Ehe geht – endlich, aber nun in einer keineswegs lieblosen Form mehr – auseinander; hier mag auch etwas von der Scheidungsgeschichte der Autorin, die mit dem bekannten Avantgarde-Autor Ma Yuan verheiratet war, in den Roman eingegangen sein. Unter den wohnungssuchenden Frauen, von denen eine durch den nun nicht mehr impotenten Kulturinstitutsleiter geschwängert wird, findet Hu Dong schliesslich die einzig Richtige, anfangs äusserst Spröde. Beide pflegen am Ende gemeinsam ihren ländlichen Liebesgarten. Und wenn sie nicht geschieden sind, so lieben sie sich noch heute.

Eine Liebesgeschichte mit Happy End also. Feng Li, die sich in die Haarpsychologie des «vermeintlichen Herrn» genauso wie in ihre Geschlechtsgenossinnen einfühlt, ohne dass man dabei irgendetwas an den Haaren herbeigezogen empfinden müsste, erzählt sie mit feiner Ironie. Etliche Szenen lassen auch etwas von der an Astrid Lindgrens «Pippi Langstrumpf» orientierten Komik der Kinderbuchautorin Feng Li spüren. Das für das überbevölkerte China zentrale Thema der Wohnungsvergabe gibt den nur halb ernsthaften, eher mit leichter Hand traktierten Hintergrund ab.

Mangelnder Spannungsbogen

Was der Roman sein will – Liebesroman, Geschlechtergroteske, Satire auf das von den Funktionären beherrschte «kulturelle Leben» mit seinem Kauder- als «Kaderwelsch» –, ist nicht immer eindeutig. Aber das braucht das kurzweilige Buch auch nicht. Die als Geschichte zwischen Lektor und Autor in den Roman einfliessenden poetologischen Reflexionen sind stets selbstironisch gebrochen. Vielleicht vermisst man vor lauter hübschen Vignetten, Medaillons des gegenwärtigen chinesischen Lebens den Spannungsbogen. Dieses Defizit, wenn es eines ist, wird aber kompensiert durch die Fähigkeit der Autorin, individuelle, konturenscharfe Charaktere zumal bei den Frauen zu schaffen. Der «vermeintliche Herr» zeichnet sich eher durch Skurrilität aus, bleibt aber liebenswert.

Feng Lis Leben als Literaturwissenschafterin, Journalistin und Mitarbeiterin an einem Forschungsinstitut für Kunst- und Theatertheorie hat sie von ihrer chinesischen Heimat über Tibet auch für einen einjährigen Aufenthalt als Stipendiatin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Deutschland geführt. Bei der kommenden Frankfurter Buchmesse wird man die gut Deutsch sprechende Autorin als Vertreterin des Gastlandes China in Frankfurt hören können. Je mehr man sich in die chinesische Gegenwartsliteratur einliest, desto mehr ist ein Eindruck unabweisbar: In wenigen Literaturen der Welt wohl geht es so witzig wie in ihr zu.

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