Ein trügerischer Sommer von Sybille Bedford, 2006, SchirmerGraf

Ein trügerischer Sommer.
Roman von Sybille Bedford (2006, SchirmerGraf - Übertragung Sigrid Ruschmeier)
Besprechung von Renate Wiggershaus in der Frankfurter Rundschau, 5.4.2006:

Trügerisch, der Sommer
Once again: Sybille Bedford

Als die deutsch-britische Schriftstellerin Sybille Bedford im Februar dieses Jahres starb, hatte sie eben ihre Erinnerungen an ein "nicht unkompliziertes Leben" mit häufig wechselnden Wohnorten abgeschlossen. Aus diesem Fundus schöpften bereits viele ihrer literarischen Texte, von denen jetzt der zuerst 1968 erschienene Roman A Compass Error in einer deutschsprachigen Neuausgabe erschienen ist.

Geboren wurde Sybille Bedford 1911 in Charlottenburg. Sie war das einzige Kind Maximilian von Schönebecks, eines "leicht exzentrischen Barons", und seiner zweiten Frau, der vermögenden, einer jüdischen Familie entstammenden Engländerin Elizabeth Bernard. Nach dem Tod des Vaters lebte die Tochter mit der wiederverheirateten Mutter zunächst in Rom. Dann floh die Familie vor dem italienischen Faschismus nach Südfrankreich, wo Sybille u.a Aldous Huxley kennenlernte, der 1935 für sie eine Scheinehe arrangierte, durch die sie die englische Staatsbürgerschaft erlangte und zu Sybille Bedford wurde. Ihre Romane und Short Stories, ihre Essays und Gerichtsreportagen u.a. über den Frankfurter Auschwitz-Prozess verfasste sie in englischer Sprache.

Ein trügerischer Sommer umspannt annähernd zwei Sommermonate Ende der zwanziger Jahre. Flavia ist mit ihrer Mutter Constanza aufgrund einer Ablenkung während der Zugfahrt statt in Brüssel in Saint Jean an der Côte d'Azur gelandet. Während die Mutter mit einem Liebhaber - Michel - die Mittelmeerküste entlang reist, ist die Tochter sich selbst überlassen. Sie will sich auf ein Studium in Oxford vorbereiten und träumt davon, eines Tages eine große Schriftstellerin zu werden. Doch das gesellschaftliche Leben, das Abwechslung zu der einsamen Arbeit verschaffen soll, bringt Ablenkungen und Komplikationen, Verführungen und Verstrickungen mit sich.

Damit die Scheidung des unglücklich verheirateten Liebhabers der Mutter nicht gefährdet ist, muss der Aufenthaltsort des reisenden Paares, den nur Flavia kennt, geheim bleiben. Sie geht gelegentlich auf die drängenden Abendeinladungen einer angesehenen ortsansässigen Familie ein, ohne zu ahnen, was sich hinter dem so warmherzig vorgetragenen Interesse an ihr und ihrer Mutter verbirgt: eine Intrige, die darauf zielt, die Scheidung des Geliebten der Mutter und dessen Verheiratung mit ihr zu verhindern.

Was es mit der plötzlich auf den Parties dieser Familie auftauchenden Andrée auf sich hat, die virtuos mit den Gefühlen eines noch unerfahrenen Mädchens zu spielen versteht und sie in die Zwickmühle von Liebe und Treuebruch treibt, gehört zu jenen Elementen des Romans, die ihm manches vom Charakter eines Krimis verleihen. Bezeichnenderweise schließt er denn auch mit einer Reminiszenz der Tochter an das, was einst die Haushälterin der Familie über Anna, die Großmutter, erzählte.

Anna ertappte ihren Mann unbemerkt beim Ehebruch, hatte leise die Tür wieder geschlossen, war um das Haus herumgegangen, hatte es von der anderen Seite wieder betreten mit einem Lächeln im Gesicht. "Und Flavia fragte sich, warum" - schließt der Roman und hält damit eine Frage Flavias in der Schwebe, ob sie selber einen Verrat wissentlich oder unwissentlich begangen habe.

"Wie nahezu unmöglich es ist, die Wahrheit zu finden" - diese lebenslanger Erfahrung entsprungene Einsicht ist zentrales Thema des gesamten Bedfordschen Œuvres und zieht sich leitmotivisch auch durch den Trügerischen Sommer. "Es gehören zwei dazu, die Wahrheit zu erzählen", lässt die Autorin Flavia sagen. Einer für die eine, einer für die andere Seite? "Nein, einen, der erzählt, und einen, der zuhört." Entscheidend sind dabei Momente des Schweigens, Andeutungen, die der Imagination Raum geben und die eine oder andere Facette der Wahrheit aufscheinen lassen. Eben das ist es, was dies so elegante wie asketische Buch gleichermaßen attraktiv und geheimnisvoll macht.

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