Ein Tag im Jahr von Christa Wolf, 2003, Luchterhand1.) - 2.)

Ein Tag im Jahr.
Tagebuch von Christa Wolf (2003, Luchterhand).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 26.09.2003:

Ein Tag. Immer
Nichts wird mehr so sein wie es mal war: Christa Wolf und der 27. September ergeben zusammen ein ganzes Buch, in dem 40 Jahre lang "Ein Tag im Jahr" ist.

Alle Geburtstagskinder, Hochzeiter und Heutemitdemrauchenaufhörer werden das nicht so sehen können, aber es stimmt wohl doch: Der 27. September ist ein Allerweltstag. Ja, heute ist Welttourismustag, und so könnte man sich an den Flugingenieur James H. Doolittle erinnern, der heute vor zehn Jahren starb. Und daran, dass vor einem Jahr Osttimor als 191. Mitglied der Uno aufgenommen wurde. Aber wozu ?

Biermann und die Pflaumenkonfitüre

Die Portionierung der Erinnerung in Jubiläumshäppchen aus dem Jahrestagebau ist längst gang und gäbe - und von Geschichtsbewusstsein so weit entfernt wie ein barockes Festbankett vom Tresen bei McDonalds. Der unvergleichliche Uwe Johnson schrieb noch mit Jahrestagen Geschichte, im gleichnamigen Riesenroman: Vietnam und New York, Bankangestellte und Weltpolitik, Wilhelminismus und Kalter Krieg, Flugzeugbau, Mecklenburg und Kleinkinderfragen, alles hat Ursachen, alles hängt miteinander zusammen, an jedem der 365 Tage eines Jahres.

Christa Wolf indes hat den 27. September zu ihrem Jahrestag gemacht: Seit 1960 hat sie ihn Jahr um Jahr in Tagebuch-Manier festgehalten. Anfangs noch einem Aufruf der Moskauer "Iswestja" und einer Idee von Maxim Gorkij folgend: Schriftsteller in aller Welt sollten ihren 27. September festhalten - auf dass sich aus vielen Texten ein Monumentalmosaik ergeben möge: "Ein Tag der Welt". Den Tag aufzuschreiben wurde Christa Wolf zur Gewohnheit. 1961 notierte sie (obwohl es ihr "eigentlich peinlich" war), dass sie "eine Zusammenstellung von Dokumenten aus Goethes Leben" gelesen hatte und daraufhin dachte: "Man muss aufschreiben, nicht ,schön schreiben wollen. Stichworte. Tatsachen. Keine Seelenergüsse."

Es sind dann aber doch ganze Sätze geworden. Und wir erfahren, dass sich genau wie bei anderen Eltern auch bei Christa Wolf das Herz ein kleinbisschen zusammenzieht, wenn das Kind morgens zur Schule entschwindet; dass es mittags bei ihr in Halle manchmal Königsberger Klopse gab oder Reste vom Vortag. Wir lesen von Zweifeln und Skrupeln, mit denen sie 1977 an der Erzählung "Kein Ort. Nirgends" arbeitet - und gleichzeitig grübelt sie über die Ausweisung von Wolf Biermann, die schon fast ein Jahr her ist. 1979 füllt das Ehepaar Wolf Pflaumenkonfitüre in Gläser, 1985 ist "C.W." dann in Köln, bei der Gedenkfeier für den im Sommer gestorbenen Heinrich Böll, und im Jahr drauf in Zürich, wo ihre "Kassandra" auf die Bühne kommt.

Kinder, Küche, Kulturpolitik

Das Durcheinander von Kindern, Küche und Kulturpolitik bleibt willkürlich. Die Hoffnung, der Längsschnitt durch die Zeit könnte ein Dauer-Brennglas der deutschen Geschichte erzeugen, erfüllt "Ein Tag im Jahr. 1960-2000" nicht. Warum, weiß das Buch selbst: "Am ehesten hält sich das Gerüst des Tages, das aus härterem Stoff ist als die Füllmasse, das eigentliche Leben, das jeden Tag ein bisschen anders ist." Und doch bleibt mehr als der Respekt vor jahrzehntelanger Schreibdisziplin. Das Buch ist eine kleine Alltags-Wundertüte der DDR. Und einzelne Jahrestage wachsen sich zu Texten aus, für die es zwischen Roman, Essay und Tagebuch keinen Begriff gibt, die aber auf dramatische Weise Geschichte erzählen. 1989 noch ziehen die Wolfs mit dem Ehepaar Otl und Inge Aicher einen äußerst klugen Ost-West-Vergleich - und am nächsten 27. September ist Christa Wolf kurz davor, ihr Jahrestag-Projekt abzubrechen. Um sich dann aber doch an ein letztes, tief beeindruckendes Treffen mit Max Frisch zu erinnern und den - begründeten - Ahnungen zu trotzen, dass sie gerade in den West-Medien zur unerwünschten Person wird.

Das ist eine Geschichte, wie nur Christa Wolf sie erzählen kann. Sie hat ihre Bücher, von "Juninachmittag" über "Störfall", "Sommerstück" und "Leibhaftig", im Laufe der Jahre immer mehr aus Autobiografie bestehen lassen. Der Endpunkt dieser Entwicklung ist fast erreicht. Vielleicht wäre es Zeit für eine Wende. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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Ein Tag im Jahr von Christa Wolf, 2003, Luchterhand2.)

Ein Tag im Jahr.
Tagebuch von Christa Wolf (2003, Luchterhand).
Besprechung von Hans-Joachim Neubauer in Rheinischer Merkur vom 9.10.2003:

Christa Wolfs Kalender
Wie die Zeit vergeht

Vierzig Jahre lang machte Christa Wolf den 27. September zum Stichtag. Sie notierte Erlebnisse, Gespräche, Begegnungen, die Themen, die sie bewegten. Nun sind diese Aufzeichnungen als Buch erschienen – eine Chronik der DDR und zugleich das nicht öffentliche, aber auch nicht intime Journal der Bürgerin Christa W. „Ein Tag im Jahr“ geht zurück auf eine Aktion der Moskauer Zeitung Iswestija, die 1960 die „Schriftsteller der Welt“ aufrief, einen Tag zu beschreiben.

„Ich setzte mich also hin und beschrieb meinen 27. September 1960“, schreibt Wolf in der Vorbemerkung zu ihrem Buch. Und genau so machte sie weiter, Jahr für Jahr, aus der Pflicht heraus, gegen den „unaufhaltsamen Verlust von Dasein“ anzuschreiben. Was macht ihre Jahrestage aus? Der meist nur „G.“ benannte Ehemann und die Töchter besetzen das Private. Dagegen steht der wachsende Ruhm der Autorin. Wolf ist öffentlich und privat, Mutter, Frau, Gewissen der Nation. Ihr Leben ist reich, widersprüchlich, aber sehr ernst.

Wolf beschreibt die Not, zwischen Öffentlichem und Privatem zu stehen. Sie schreibt nicht über die literarische Arbeit. Im Takt der Jahre verändert sich die DDR, man sieht ihr Spießertum, ihre Enge, erlebt ihren Geist. Und die Zeit vergeht, und dieses Vergehen macht das Lesen zu einem Erlebnis der Wehmut. Auch darin liegt eine große Wahrheit – und ein sehr großer Ernst.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur.de]

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