Ein sterbender Mann.
Roman von Martin Walser (2015, Rowohlt).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 07.01.2016:

Martin Walsers neuer Roman „Ein sterbender Mann“
Nicht sein größter Wurf, aber ein Muss für Fans: Martin Walsers neuer Roman „Ein sterbender Mann“ ist ein literarisch-verspieltes Schelmenstück

Dichter sind auch nur Menschen, fehlbar und eitel. Der viel gelobte, wenig gelesene Dichter Carlos Kroll hat seinen besten Freund Theo Schadt verraten. Härter noch als der eigene finanzielle Ruin trifft diesen die Tat an sich – dass sie „menschenmöglich“ ist. Der beschädigte Schadt ist „Ein sterbender Mann“ (und zugleich ein liebender), seinen Niedergang begleitet Martin Walsers neuer Roman: Das Schelmenstück eines 88-Jährigen, das schon im kichernden Titel mit autobiografischen Andichtungstendenzen spielt.

Irrwitzige Zufälle türmen sich zu einem Plot, der mit Schlangengift beginnt. Aus diesem soll ein Medikament gegen Herzinfarkt gewonnen werden. Mit seinen 72 Jahren ist Schadt nicht nur „Gelegenheitsautor“ von millionenstarken Bestsellern, sondern auch Chef einer Firma, die Patente vermarktet. Der Deal aber wird zu Schadts Untergang, Kroll konnte ihn verhindern, Kroll hat ihn verhindert. Warum Kroll ihm grollte? Schadt weiß es nicht. Seither hockt er im Laden von Ehefrau Iris, die Tango-Bedarf vertreibt. Dort begegnet er der „mittelmeerisch“ aussehenden Sina: „Eine Explosion. Nur noch Licht. Grellste Helle.“ Ihre Augen verfolgen ihn, er schreibt ihr, sie antwortet, er erfährt: Sie lebt in einer „Offenen Beziehung“ (stets groß geschrieben) mit Carlos Kroll. Und ist später dabei, als Kroll sich in seinem finalen Moment schmerzverzerrt ans Herz fasst. Ein Infarkt? Nein. Gift.

Der Hochliterat und der Publikumsliebling, das ist eine rechte Jekyll-und-Hyde-Story mitten aus dem Literaturbetrieb. Schadts gesellschaftlicher Sturz erfolgt mit Anfang 70. Wenn dann auch noch eine Preisverleihung mit einem realen Sturz auf dem Podium beginnt und die Manuskriptseiten flattern und die Eitelkeiten von Literaturinterpreten karikiert werden – dann beschwört Walser Erinnerungen an die Frankfurter Paulskirchenrede 1998, seinen Zwist mit Marcel Reich-Ranicki, den Streit mit Ignatz Bubis.

Die Wahrhaftigkeit des Schreibens

Zugleich aber behauptet Walser die Wahrhaftigkeit des schöpferischen Akts. Was wird nicht alles geschrieben in diesem Roman! Briefe und Emails fliegen hin und her, schwärmen und schimpfen, klagen an und verkünden – die ganze Walser’sche Sprachmacht liegt in diesen Zeilen. Dazwischen, seitenweise: Notate, Aphorismen, Gedichte, politische Einwürfe. Er habe aufgeräumt, erzählt uns Theo Schadt, und wir dürfen vermuten, das gilt auch für seinen Schöpfer. Der Blick in den Zettelkasten wirkt oft ermüdend, seltener aber doch erhellend, wenn es um den Skandal des Alterns, der Sterblichkeit geht: „So tun, als wäre man nicht selber der, der stirbt. An sich vorbeilaufen lassen alles. Die Welt um den Schmerz betrügen, den sie einem zufügen will.“ Einmal heißt es gar: „Er hat das Leben verloren. Und den Tod nicht gefunden.“ Dabei sucht Theo Schadt, ernsthaft. Denn auf den Verrat und den Sina-Lichtblitz folgt eine Krebsdiagnose. Im unaufhaltsamen Fall zieht es Theo fort von Ehefrau Iris, der er fortan „unabschickbare“ Briefe schreibt – noch mehr Post! Neben all den Sina-Mails, den Briefen an einen „Herrn Schriftsteller“, den Nachrichten an eine gewisse Aster aus dem Suizidforum. Dort hat Schadt sich angemeldet auf der Suche nach einem selbstbestimmten Ende, am besten so handhabbar wie eine literarische Existenz: „Das wäre die Erlösung, wenn er schriebe, bis er bewusstlos zusammensänke, wenn möglich für immer.“

Ein letzter Tango in Paris

Die überraschende Vereinigung der virtuellen Aster mit der realen Sina spiegelt die Umklammerung der Autoren Schadt/Kroll und umarmt die Idee des Tangotanzes, wo die besten Paare sich drehen wie um eine einzige Achse. Am Ende sucht Sina/Aster bei Untergrund-Milongas in Algerien ihre Wurzeln, erklärt sich ihr trauriges Schicksal durch den mütterlichen Fehltritt nach einem letzten Tango in Paris. Aber auch das erfahren wir aus Briefen, und so bleibt vieles in diesem Werk seltsam entrückt. „Tango“, schreibt Sina, „ist die Parallelwelt, in der ich lieber lebe als in der wirklichen“. Und „der schönste Ersatz für etwas, das es nicht gibt“. In diesem Sinne ist „Ein sterbender Mann“ womöglich eine Aufforderung: Sich verwirbeln zu lassen im ewigen Tanz der Wörter, einem Tanz, der seinen Autor über- und fortleben lassen wird. Letztlich aber bleibt es diese Botschaft, die berührt und nachhängt – leider um vieles stärker als die Figuren und die Geschichte selbst.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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