Ein springender Brunnen.
Roman von Martin Walser (1998, Suhrkamp)
Besprechung von Martina Lainer aus Rezensionen-online "bn":

Blicke durch ein Kaleidoskop, die eine deutsche Kindheit und Jugend von der Zwischenkriegszeit bis zum Ende des 2. Weltkrieges fokusieren. (DR)

Warum er so lange gezögert habe mit seinen Kindheits- und Jugenderinnerungen, wurde Martin Walser in einem Interview für "Die Welt" gefragt. Es sei kein Zögern gewesen, er habe "gewisse Auflagen" gespürt, die ihn daran gehindert hätten, sie in einem Roman zu verarbeiten. Wieviel Biografisches sich in diesem Roman widerspiegelt, ist aber nicht von Belang, denn der Protagonist Johann kann auch als Prototyp eines Deutschen, der im Geist und Umfeld des Nationalsozialismus groß geworden ist, gelesen werden und er erhebt sich damit über das Einzelschicksal hinaus. Walser reiht Bilder und Episoden aneinander, zeichnet Typen vom Schrulligen bis hin zum gefährlichen Ideologen. Manchmal ähneln sie Anekdoten, immer aber fangen sie aus dem Blickwinkel der Hauptfigur die Atmosphäre der 30er und der Kriegsjahre ein. Zudem bietet dieser Roman das Psychogramm eines Kindes, das zum Jugendlichen heranreift. Der Vater ist es, der den Knaben mit der deutschen Kultur bekannt macht, ihm ein Sprachgefühl vermittelt und für das Emotionale steht. Die Mutter ist die Starke, die auf die politischen Veränderungen reagieren muss. In diesem Klima entwickelt sich ein sensibler junger Mann, der sich der Faszination der Uniformen und des Krieges nicht entziehen kann, auch wenn sein älterer Bruder sein Leben lassen muss.

Viele Ereignisse fügen sich zu einem komplexen, chronologischen Handlungsstrang, wobei es Walser gelingt, beim Erzählen zu bleiben, er versagt sich Erklärungen und Bewertungen. An den Lesern/innen liegt es, sich Urteile zu bilden. Walser hat wieder einmal bewiesen, dass er heikle zeitgeschichtliche Themen in einem großen literarischen Werk lebendig werden lassen kann und so ist - sicherlich auch im Zusammenhang mit den Diskussionen, die Walser durch seine Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels losgetreten hat - dieser Roman über seine literarische Qualität ein wichtiger Beitrag zur "Vergangenheitsbewältigung" - in seinem Prolog "Vergangenheit als Gegenwart" ist nachzulesen, wie er es verstanden wissen will.

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