1.) - 2.)

Ein schönes Attentat.
Roman von Assaf Gavron (2008, Luchterhand - Übertragung Barbara Linner).
Besprechung von Klaus Hübner aus der NRZ vom 2.04.2008:

Das Krokodil der Attentate
Assaf Gavrons Roman gibt dem Palästina-Israel-Konflikt ein Schicksalsgesicht.

Es liegt in Fahmi Sahbis Familie: bereits sein Großvater war Terrorist, der 1948 jüdische Fahrzeugkolonnen auf dem Weg nach Jerusalem attakierte. Eitan Einoch, ein junger Israeli, arbeitet bei "Jede Sekunde zählt", eine Firma, die das Leben schneller macht und verschwendete Zeit vermeiden hilft. Jede Sekunde zählt auch bei einem Selbstmordanschlag - Eitan Einoch überlebt gleich drei davon. Was ihn zu einer fernsehtauglichen Berühmtheit macht. Assaf Gavron erzählt nicht einfach eine Geschichte aus der explosiven Nahostregion, wo jüdischer Alltag nicht selten in einen palästinensischen Feiertag endet. Denn die Intifada mit ihren Selbstmordkommandos bestimmt das öffentliche Leben, und wer morgens noch entspannt zur Arbeit ging, kann nachmittags bereits unter einem weißen Tuch liegen.

Gesprächstherapien und Liebesgeschichten

Glückspilz Eitan Einoch wird "Krokodil" genannt, denn das bedeutet lautmalerisch dieser Name. Gavron verknüpft die Lebensabschnittsgeschichten von Fahmi und Eitan zu einem zunächst unentwirrbaren Knäuel aus terroristischen Anschlägen, rekonvaleszenten Gesprächstherapien, Liebesgeschichten und -enttäuschungen. Ihm gelingt auf fiktionaler Ebene eine überzeugende Annäherung an die Paten und die Ministranten des Terrors, dessen Opfer Giora Gueta, Cumi Glaser und Schuli als Momentaufnahmefiguren der leidvoll-tragischen Palästina- und Israelhistorie ein menschliches Antlitz gegenüber den namenlosen Toten in den Medien bekommen.

Auffahrt ins Paradies

Die Intifada ist kein Schulausflug ins benachbarte Kleinstädtchen. Wer als palästinensischer Jungmann aus den Bergdörfern bei Ramallah oder Nablus, rund um Tel Aviv oder Jerusalem, in die Städte kommt, der trägt seinen Gürtel oft nicht nur, um damit die Hose zu halten. Häufig ist Sprengstoff daran befestigt, der einen Bus oder ein Café in Schutt und Asche legt. Denn auf dem Weg zu den zweiundsiebzig Jungfrauen stehen diverse Hindernisse und Tote, im Weg, pflastern Blut und Tränen die Auffahrt ins Paradies.

Assaf Gavron, Übersetzer, Autor und Sänger der israelischen Band "The Mouth and Foot" schickt Eitan Einoch auf die Suche nach dem Drahtzieher der Anschläge. Je näher er den Leser ins gefährliche Umfeld der Intifada schickt, je näher dringt Einoch ins Leben des Palästinensers Fahmi ein. Dabei erzählt er nicht Pro-Israel oder Anti-Palästina, sondern schreibt über verfeindete Menschen, die in einem Winkel des Denkens etwas gemeinsames haben: den Wunsch nach einer eigenen Nation voller Frieden und Ruhe. (NRZ)

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2.)

Ein schönes Attentat.
Roman von Assaf Gavron (2008, Luchterhand - Übertragung Barbara Linner).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau, 21.6.2008:

Überlebensgefühl einer Epoche

Der junge Mann mit den dunklen Haaren und der grauen Wollmütze kommt den anderen Passagieren des Busses sofort verdächtig vor. Zumindest der alten Dame, die schnell wieder aussteigen will. Doch Eitan beruhigt sie und fragt sich, warum nur alle so paranoid sind in diesem Staat. An seinem Arbeitsplatz verlässt Eitan den Bus; als er sich im Aufzug nach oben befindet, hört man eine laute Explosion - der dunkle junge Mann war ein Selbstmordattentäter, und Eitan hat den Anschlag durch bloßen Zufall überlebt.

Mit dieser Szene eröffnet der 1968 geborene Schriftsteller Assaf Gavron, in seiner Heimat Israel ein Bestsellerautor, seinen neuen Roman "Ein schönes Attentat" (auf Deutsch bei Luchterhand). Gemeinsam mit der Journalistin Esther Shapira las er daraus in der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt vor. Eitan, der in einer Hightech-Firma in Tel Aviv an Methoden zur Zeitersparnis arbeitet, wird noch im Bus von einem jungen Mann mit düsterer Vorahnung gebeten, im Falle von dessen Tod die Freundin in Jerusalem aufzusuchen. Also macht Eitan sich auf den Weg, überlebt ein zweites und später gar noch ein drittes Attentat und wird schnell zur medientauglichen Symbolfigur, zum gefeierten, weil unsterblichen Volkshelden. Währenddessen gerät sein gewohntes Leben zusehends aus den Fugen.

Der andere Blickwinkel

Doch Gavron erzählt noch aus einer zweiten Perspektive, aus der des jungen Palästinensers Fahmi, der den Auftrag erhält, diesen strahlenden Helden aus dem Weg zu räumen. Gerade dieser andere Blickwinkel, sagte Gavron im späteren Gespräch, sei ihm besonders wichtig gewesen. Bereits vor 20 Jahren, in seiner Zeit als Soldat, habe er die Lebensbedingungen der Palästinenser kennen gelernt. Für sein Buch habe er intensiv recherchiert, er habe zeigen wollen, dass die Menschen, die sich dort bekriegten, auf engstem Raum zusammenlebten. Und dass jeder junge Mensch, egal auf welcher Seite er aufwachse, mit ähnlichen Problemen zurechtkommen müsse: "Dieser Konflikt", so Gavron, "ist nicht irgendwo da draußen, sondern ganz nah bei uns."

Sein Buch hat in Israel heftige Reaktionen ausgelöst, nicht zuletzt wegen des schwarzen Humors, von dem der Roman getragen ist. Der deutsche Titel "Ein schönes Attentat" gefällt dem Autor selbst sehr gut, weil er die Provokation in sich trägt. Schließlich, so Gavron, habe er von einer Epoche erzählen wollen, in dem der Sarkasmus zu einem Lebens-, ja vielleicht sogar zu einem Überlebensgefühl geworden sei.

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