einschlafgeschichten von Friedrich Achleitner, 2003, Zsolnay1.) - 2.)

Einschlafgeschichten.
Geschichten von Friedrich Achleitner (2003, Zsolnay).
Besprechung von Markus Köhle, 2003:

Nein, an diesem Buch des Sprach-Baumeisters gibt es rein gar nichts auszusetzen. 69 Geschichten auf 100 Seiten. Nimmt man den Titel ernst und gönnt sich täglich eine Miniatur, so wird man drei Monate lang gut schlafen und äußerst angenehm träumen. Das kann ich garantieren, obwohl zugegeben werden muss, dass die Versuchung, das Bändchen in einem Zug (im Bett oder sonstwo) durchzulesen sehr groß ist. Denn die Geschichten flutschen wie Öl, Öl der besten Sorte. Und der Name bürgt ja auch für Qualität.

Es sei kurz ausgeholt: Friedrich Achleitner ist eine der vielschichtigsten Persönlichkeiten des österreichischen Kulturlebens. Er war Hochschulprofessor an der Akademie der bildenden Künste und der Angewandten Kunst, Achleitner ist Architekturkritiker, Literat, Poet - kurz, ein Großbaumeister der Sprache! Friedrich Achleitner wurde 1930 in Schalchen, Oberösterreich geboren, erwarb sein Architekturdiplom in der Meisterklasse Clemens Holzmeisters und war Ende der 50er Jahre neben H. C. Artmann, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener prägendes Mitglied der avantgardistischen WIENER GRUPPE.
Sowohl als Literat, als auch als Architekturpublizist, kann Friedrich Achleitner auf ein umfangreiches Werk verweisen. Beispielsweise erschien bereits 1959 "hosn rosn baa" (gemeinsam mit H. C. Artmann und Gerhard Rühm), 1996 "Die Plotteggs kommen", irgendwann dazwischen der grandiose "quadratroman" und natürlich die herausragende mehrbändige "Österreichische Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts" und nun die "einschlafgeschichten".
Es ist dies der erste reine Prosaband Achleitners überhaupt und die kurzen versammelten Geschichten sprühen regelrecht vor absurdem Humor. Immer wieder blitzt Achleitners Scharfsinn auf, doch dem Witz wird Vortritt gegeben.

Da erkundigt sich ein feiner Filzstift bei seinem Vater, einem fetten Textmarker, warum er ewig ein Kopfarbeiter sein müsse, da gehen die Druckwelle und die Dauerwelle eine Beziehung ein, um kleine Dauerdruckwellen oder Druckdauerwellen zu zeugen, da beißt die Dogge des Tierfreundes und deutschen Reichskanzlers Fürst Otto von Bismarck-Schönhausen den Dackel des Hoteliers Straubinger zu Tode und die Kurgäste sehen darin ein schlechtes Vorzeichen für die künftigen deutsch-österreichischen Beziehungen, da werden ganze Krustenbrücken von der Nasenscheidewand gelöst, da wird uriniertechnisch zwischen Pinsel- oder Beserlstrahl, Staberl, Dumperer und der Großen Brause unterschieden und da wird darauf hingewiesen, dass der Ort oftmals zum Wort wird.

Genug der Worte - lass Zahlen sprechen - 10 Finger in die Luft - Höchstnote!

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Leseprobe I Buchbestellung 0305 LYRIKwelt © Markus Köhle

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einschlafgeschichten von Friedrich Achleitner, 2003, Zsolnay2.)

Einschlafgeschichten.
Geschichten von Friedrich Achleitner (2003, Zsolnay).
Besprechung von
Paul Jandl in Neue Zürcher Zeitung vom 29.3.2003:

Der bekennende Nasenbohrer
Friedrich Achleitners «Einschlafgeschichten»

Gefährlich ist die sedierende Wirkung des Lesens und der Literatur. Wer im Dämmerzustand Friedrich Achleitners «einschlafgeschichten» zur Hand nimmt, wird das Bekenntnis auf dem Vorsatzblatt möglicherweise harmlos finden: «ich schau so gern beim machen von geschichten zu.» Doch Vorsicht ist geboten. Friedrich Achleitner stammt aus der legendären «Wiener Gruppe», und die solcherart vereinten Zertrümmerer des Anstands und der literarischen Formen haben sich bekanntlich schon in den fünfziger Jahren als hellwach erwiesen.

79 «einschlafgeschichten» hat Friedrich Achleitner jetzt geschrieben. Sie sind allesamt kurz (einige nur wenige Zeilen lang), als Anlass genügt oft ein Einfall mittlerer Güte: «ich beschloss, meine geschichte mit falls am mittwoch (. ..) zu beginnen, entdeckte aber mit entsetzen, dass ich sie mit ich beschloss begonnen hatte», heisst es unter der Überschrift «falls am mittwoch». In der «hallgeschichte» eilt eine laut hustende alte Dame «mit ihrem knallenden doppler» durch Bruneck und Innsbruck. Ob in Innsbruck oder Zürich, Pössnitz oder Bern - man ist auf dieser Welt ein Tourist. Die Erzählhaltung dieser interessierten Teilnahmslosigkeit hat Friedrich Achleitner für viele seiner Texte gewählt. Es ist die erhabene Position absurder Komik, mit der aus dem Romantikhotel Stern in Chur, dem Café Lüneburg in der Kieler Dänengasse, dem Haus Hirth in Badgastein (Thomas Mann war auch schon einmal da) oder dem Art'otel in Dresden berichtet wird.

Glücksmomente beim Wasserlassen und Merkwürdigkeiten am Frühstücksbuffet (ein High-Tech-Toaster als veritables «tischkrematorium») taugen als Stoff für ein erzählerisches Ingenium, das seine Wurzeln, die in der konkreten Poesie liegen, nicht verleugnet. «geschichten sind nicht dazu da, um geschichten zu erzählen» - das klingt nach Ernst Jandls Hauptsatz des literarischen Handwerks, wonach Literatur aus «gemachten Sachen» entsteht. Friedrich Achleitners Texte erzählen mit dieser deutlichen Vorgabe vom Missvergnügen am «stammgast», dem radikalen Ordnungssinn der Schweiz, vom «kaiserschmarrn mit versetzten geschossen» und von historischen Wahrheiten. «vorzeichen» heisst ein kurzer Text. «als die dogge des tierfreundes und deutschen reichskanzlers fürst otto von bismarck-schönhausen den dackel des hoteliers straubinger zu tode biss, sahen viele kurgäste von bad gastein darin ein schlechtes vorzeichen für die künftigen deutsch-österreichischen beziehungen. allerdings wurde gleichzeitig und glaubwürdig von augenzeugen berichtet, dass der dackel voll bewunderung für das edle deutsche tier sich mit wollust hatte zerbeissen lassen. auch das war ein vorzeichen.»

Friedrich Achleitners «einschlafgeschichten» entstehen aus ihrer strengen Form. Man kann kaum aus ihnen zitieren, man muss sie ganz zitieren. Das «rezept» für Achleitners Texte steht auf Seite 70: «man muss einen guten einstieg haben. der erste satz ist das wichtigste. dann muss es fliessend weitergehen. nicht stocken, nicht stehen bleiben, nicht nachdenken. der schluss muss unvermittelt, unangekündigt da sein. und wenn das alles optimal gelaufen ist (. ..) beginnt die arbeit.» Die «einschlafgeschichten» sind bei aller Freiheit des Einfalls streng komponiert. Sie folgen einer zielbewussten Ökonomie, der auch nicht entgeht, dass das Erzählen nur die Tautologie einer ohnehin schon tautologischen Welt ist. Es gibt nicht zu wenig Poesie auf der Welt, es gibt sie längst überall. «poesia paese» nennt Friedrich Achleitner die landläufige Literatur, die allenthalben die Fahne ihres plakativen Überschwangs hisst. In Badgastein wird das Wort «Alm» vor eine Almhütte montiert, «Fichte - picea abies» vor eine (allerdings umgesägte) Fichte und natürlich «Bahnhof» vor den Bahnhof. Auf Schildern findet sich der Sachverhalt der Wirklichkeit noch einmal, begleitet von passenden Gefühlsanleitungen. «achtung, hier beginnt die romantik!», steht am Rande eines Waldpfads in Badgastein, später dann «achtung, hier beginnt die wildromantik!». «badgastein ist ein poetischer ort», liest man in einer «einschlafgeschichte». Die «realienprosa», der «semantische realismus» - überall ist diese konkrete Poesie schon da, und Friedrich Achleitner klärt uns über diese «wahren verhältnisse» auf.

Die Mitglieder der berühmten Wiener Gruppe sind nach deren Auflösung ihre eigenen Wege gegangen. Aus dem Reservoir der früheren Ideen wuchs die Poesie H. C. Artmanns, die Musik Gerhard Rühms und die Theorie Oswald Wieners. Friedrich Achleitner hat sich in den letzten Jahrzehnten mit grossen Verdiensten der Architekturtheorie verschrieben. Jetzt kehrt er mit der hoch philosophischen Verve seiner «einschlafgeschichten» zur Literatur zurück.

Man kann Friedrich Achleitners kurze Geschichten auf der Höhe der Hermeneutik oder als tiefsinnige Unterhaltung lesen. Jedenfalls wurde schon lange nicht mehr mit so viel Witz so stichhaltig über das Schreiben nachgedacht. Wenn die Literatur Sinn erzeugen soll, dann haben Friedrich Achleitners diesbezügliche Vorbehalte in den «einschlafgeschichten» ihre Form gefunden. Dem modernen exponentiellen Wachstum der Bedeutung haftet eine Leere an, eine Gegenbewegung steigender Sinnlosigkeit, der auch Friedrich Achleitners Figuren nicht entgehen. «er schaute aus seinem körper wie aus einem fenster und er verstand sein leben lang nicht, warum er dieses gehäuse mit sich herumtragen sollte. bei allem, was mit seinem körper geschah, sah er zu wie ein hausherr, manchmal wie ein hausmeister oder wie ein maschinist, ein automechaniker. selten berührte ihn etwas, meistens beherrschte ihn eine stabile interesselosigkeit.»

In dieser herzzerreissenden Einsamkeit findet sich selten Trost, schon gar nicht im ästhetischen Überangebot. Auch wenn sie «das mathematische paradoxon der vierfachen unendlichkeit gelöst haben», werfen die kunstvoll verspiegelten Badezimmer im Dresdner Art'otel nur das ewig reizlose und im Laufe des Lebens sich tausendfach wiederholende Bild der Morgen- und Abendtoiletten zurück. Es ist eine Welt der Redundanz. Nur im Schlichten liegt manchmal noch tröstendes Einverständnis. Der «bekennende nasenbohrer» sagt: «am besten ist ein popel zwischen zeigefinger und daumen, in langsamer drehbewegung verdichtet, der die wenigen glücksmomente auslöst, wo körper und welt, geist und universum durch ein milligramm selbstproduzierter materie, geknetet in harmonie versinken.»

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