Einsam lehnen am Bekannten von Felicia Zeller, 2008, Lilienfeld

Einsam lehnen am Bekannten.
Kurze Prosa von Felicia Zeller (2008,
Lilienfeldiana im Lilienfeld Verlag).
Besprechung von Tina Manske aus dem titel-magazin, 20.12.2006:

Nicht wegen keine Lust
Zeller demontiert den Alltag und verleiht ihm scheinbar im Vorübergehen eine neue Poesie – nicht durch Kitsch, sondern durch genaues Beobachten gepaart mit vehementer Fantasie und Sprachwitz.

Literatur, die in Berlin spielt, gibt es zuhauf. Literatur, die sich rund um den Neuköllner Hermannplatz abspielt, gibt es seit Uli Hannemanns Erfolgen auch immer mehr. Aber niemand schreibt so schön und so abstrus übers Niemandsland derer, die sich zwischen Hasenheide und Blauer Affe einen Reim auf Leben zu machen versuchen, ob als Künstler oder als Arbeitsloser. Neukölln ist zu einem Sammelbecken der kreativen Unterschicht geworden. Anders aber als Hannemann, der als deutscher Kaminer bei aller Komik doch nur die Erwartungen erfüllt, die man an seine pseudo-dokumentarischen Erlebnisschilderungen knüpfen kann, bricht Felicia Zeller mit so mancher Konvention und erzählt Geschichten, die „Zunixkommen 1“, „Zunixkommen 2“ oder „Wie ich einmal nicht überfahren worden bin“ heißen. Zeller demontiert den Alltag und verleiht ihm scheinbar im Vorübergehen eine neue Poesie – nicht durch Kitsch, sondern durch genaues Beobachten gepaart mit vehementer Fantasie und Sprachwitz.

Felicia Zeller ist bisher als Dramaturgin in Erscheinung getreten und hat dabei schon fleißig Sympathiepunkte gesammelt bei denen, die über den schmalen Teller der gehypten Berlin-Autorschaft hinaussehen. Jetzt legt sie beim kleinen Lilienfeld-Verlag ihr Prosa-Debüt vor, als vierter Band in der hauseigenen Reihe „Lilienfeldiana“, die sich „auf die Kunst der kürzeren Form“ konzentriert.

Mögliche Katastrophen

So lernt man in 23 kurzen Erzählungen etwas über die Neudefinition des Kampftrinkens, über das Leben nach dem Lösen von Amerikanischen Kreuzworträtseln, aber auch über das seltsame Betragen von Eltern, die nicht still sitzen können: „Zwar bemühen sie sich ... entspannt und irgendwie interessiert neben dir auf dem Sofa zu sitzen, aber egal in welcher Unterhaltung man sich befindet, stets denkt man, in jedem Moment kann es passieren, in jedem Moment passiert es, gleich springen sie auf, um eine mögliche Katastrophe zu verhindern oder irgendwas warm zu machen.“ Man könnte behaupten alles beim Alten – Prenzlberg lässt mal wieder grüßen. Das Schöne an Zellers Prosa ist jedoch, dass sie nicht auf dieser doch recht konkreten Ebene verharrt, sondern sich ins Abstruse und Surreale bewegt, wie etwa in der Geschichte von „Gabi“, einer äußerst vielseitigen Wohnungsspinne: „Am Boden kniet eine Spinne mit leuchtenden Augen. Ihre Beine sind kräftig, weil gut durchtrainiert. Es ist Gabi. Ich werfe den Sauger an. Gabi schlägt einen Haken, dann geht sie die Wand hoch. Ich mit dem Sauger hinterher. Eine Weile hängen wir bewegungslos an der Decke. Die Haare auf dem Bein der Spinne sind lang und hängen hippiemäßig nach unten.“ Keine Frage, dass diese Konstellation auch auf der Bühne einen starken Eindruck machen würde.

Das Lesen eines Buches zum beliebten Thema Prokrastination, also dem Aufschieben von Pflichten und Tätigkeiten, wird zum Beispiel kurzerhand verschoben: „Eine Weile lagerte ich es auch im Klo, in der Annahme, ich würde es dort lesen, doch stets sah ich es und dachte, na ja, eigentlich hab ich auch noch andere Bücher, dieses klebt, ich könnte ja auch noch rasch in die Bücherei gehen und mir dort noch Bücher ausleihen oder ganz was anderes machen. Das könnte ich aber vielleicht auch nachher noch.“ Anklänge an das Werk Max Goldts sind nicht zu übersehen, auch nicht in der eingeschobenen Rubrik, in der Gemälde eines fiktiven R. Dietrich (gemalt von Arno Bojak, von dem auch das Titelbild des schon aufgemachten Bandes stammt) auf erstaunliche Weise gedeutet werden.

Zusammen mit Miriam Pfaus alias Rigoletti macht Zeller darüberhinaus No-Budget-Filme, die es wert sind, gesehen zu werden. Einfach mal „Felicia Zeller“ oder „Rigoletti“ bei YouTube eingeben und sich verwundert die Augen reiben, was mit einer popeligen Super8-Kamera möglich ist, wenn man Ideen hat. Und dann weiterlesen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

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