Einsamkeit und Sex und Mitleid von Helmut Krausser, 2009, DuMontEinsamkeit und Sex und Mitleid.
Roman von Helmut Krausser (2009, DuMont).
Besprechung von Karsten Herrmann aus dem titel-magazin vom 2.11.2009:

Nur ein Snack für zwischendurch
Mit seinen großen Romanen Fette Welt, Der große Bagorozy und UC hat sich Helmut Krausser in die erste Riege der deutschen Gegenwartsautoren geschrieben und genießt gerade bei der jüngeren Leserschaft Kultstatus. Mit Einsamkeit und Sex und Mitleid blickt er nun in das kalte Herz unserer Metropolen-Gegenwart.

Kraussers Einstieg ist gewohnt stark: Nach einem einsamen Weihnachtskneipengang trifft der Callboy Vincent in seiner Wohnung auf eine heruntergekommene Einbrecherin. Der ersten Konfrontation folgt eine behutsame Annäherung, ja, ein Hauch von Freundschaft und Zärtlichkeit. Und damit ist das Prinzip dieses Buches bezeichnet: In „Shortest Cuts“ von manchmal nicht mehr als ein oder zwei Seiten lässt Krausser am Leser ein Kaleidoskop aus ganz verschiedenen Menschen und Schicksalen vorbeiziehen, die sich annähern und abstoßen, deren Wege sich kreuzen und wieder verlieren.

Zum Beispiel Ekki, der frühpensionierte Lateinlehrer, der nicht nur eine große Einsamkeit, sondern auch ein großes Geheimnis mit sich herumträgt und der dunkelhäutigen Kneipenbedienung näherkommt. Oder die Charlottenburger Karrierefrau Julia König, die ihrem Mann den Laufpass gibt und sich am sonntäglichen Wellness-Tag alte Schmachtfetzen im Fernsehen anschaut oder sich einen Callboy für spezielle Dienste kommen lässt. Oder Dr. Stern, der mit seiner Geliebten Carla bizarre Grenzerfahrungen herausfordert und dessen Frau Sarah im „versorgten Müßiggang“ lebt und sich beim Gotcha einen letzten Kick holt.

Krausser lässt den Leser mit seinem Roman in das kalte Herz einer Gegenwart schauen, in der Glück und Liebe zu Fremdwörtern werden. Nur zu erahnen ist, welche unbeschreibliche Leere und Wüste hinter der Oberfläche seiner Figuren lauert.

Mit einem gleichsam naturalistischen und damit bewusst kunstlosen Stil versucht Krausser sich seinen Figuren und Sujets anzupassen und klingt dabei doch oft ein wenig aufgesetzt. Und auch seine schnell wechselnde und nur punktuell verbundene Szenenabfolge vermag letztlich keine größere Sogkraft zu entwickeln, sondern gleicht eher einem kurzweiligen, kaum nachhaltigen Zappen durch das Nachtprogramm. So ist Einsamkeit und Sex und Mitleid leider nicht mehr als ein schneller Snack für zwischendurch. Das Festmahl liefert Helmut Krausser hoffentlich alsbald nach.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

Leseprobe I Buchbestellung I home 1109 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © titel-magazinn/K.H.