Ein Ring aus Papier.
Erzählungen von Zygmunt Haupt (2003, Suhrkamp - mit einem Essay von Andrzej Stasiuk, Übertragung Esther Kinsky).
Besprechung von Anton Thuswaldner aus diePresse, Wien vom 25.10.2003:

Leichnam ohne Kopf
Fast wäre er selbst vergessen worden. Dabei ist Zygmunt Haupt ein Erinnerungsgigant, der verzweifelt gegen das Entschwinden kämpft. "Ein Ring aus Papier": eine unbedingt nötige Wiederentdeckung.

Vergesst die als Junggenies gelten den amerikanischen Autoren, die wieder einmal die deutschsprachige Leselandschaft überziehen, vergesst Jeffrey Eugenides, Jonathan Safran Foer und wie sie alle heißen. Die USA zeigen sich selbst in ihrer Literatur offensiv, von Zurückhaltung keine Spur. Sie erzählen handfeste Geschichten, alles, was sich ereignet, prescht auf ein Ende zu und rundet sich zu einer sinnfälligen Einheit. So findet die Welt Eingang in den Roman, und flugs ist ein Stück erfahrenen oder erfundenen Lebens Gemeingut geworden. Literatur der amerikanischen Art hat etwas den Leser Bezwingendes. So war das, sagt solch ein Roman, Zweifel lässt er keinen zu. Er setzt eine Wahrheit ins Recht, die mächtig und eindrucksvoll nach Aufmerksamkeit heischt. Er macht sich heran an die Leser, packt sie bei ihrer Liebe für starke Charaktere und Abenteuer, integriert sie als Kumpane der Vorgänge ins Geschehen. Der Leser ist Zeuge und durchleidet die Dramen der Helden am eigenen Leib. Der amerikanische Roman - eine Schule des Rechthabens.

Nichts von all dem finden wir bei Zygmunt Haupt, einen Einzelgänger der polnischen Literatur, dessen Wiederentdeckung dem polnischen Autor Andrzej Stasiuk zu verdanken ist. Zu sehr hatte sich Haupt von den gängigen Mustern entfernt, zu stur hatte er sich von den zeitgenössischen Strömungen absentiert, als dass man ihn zu Lebzeiten seiner Bedeutung entsprechend gewürdigt hätte. Dazu kam die räumliche Distanz, die seine Zeitgenossen der Notwendigkeit, ihn als maßgebenden polnischen Autor zu feiern, enthoben hat. So steht er jetzt da als monolithischer Block, als einzigartige Größe, über deren Verschwinden im Bauch der gefräßigen Literaturgeschichte wir uns nur wundern können.

Er kam 1907 in Poldonien, in der heutigen Ukraine gelegen, als Lehrerkind auf die Welt, was ihn in der armen ländlichen Region von den anderen Kindern unterschied. Im Zweiten Weltkrieg schloss er sich der polnischen Exilarmee in Frankreich und England an, heiratete 1944 eine Amerikanerin, mit der er nach dem Krieg nach New Orleans übersiedelte. Die Heimat sollte er nie mehr sehen. Aber sie arbeitete in seinem Gedächtnis weiter, war als Erinnerung ständig präsent und drängte, in Form von Literatur ans Licht gehoben zu werden. Und so schrieb Haupt Erzählungen, die die Erinnerung an eine entschwundene Zeit wach halten, aber - im Gegensatz zu den Amerikanern - sich nicht damit zufrieden geben, sondern die Erinnerung bei der Arbeit zeigen. So sind Haupt die Behauptungssätze fremd, weil er sich Text für Text an Szenen erinnert, für die es eine letzte, gültige Instanz nicht geben kann. So ist all diesen Erzählungen eine Vagheit und Zerbrechlichkeit eingeschrieben, und das letzte Wort über die Vergangenheit ist nie gesprochen.

"Ich jage fieberhaft und verzweifelt der Vergangenheit hinterher, um sie diesem Vergessen zu entreißen", heißt es da. Oder: "Ich erinnere mich nur daran, dass es diesen Tag gegeben hat und dass er zu Ende ging und dass ich auf den Bahnhof, zum Zug zurückging und dass ich diesen Ort nie wiedergesehen habe." Haupt erinnert sich und denkt über das Phänomen Erinnerung nach. Wenn die Vergangenheit den Menschen zu dem gemacht hat, was er letztlich ist, dann ist die Erinnerung das Medium, das das Bewusstsein erst schafft über die eigene Vergangenheit.

Zygmunt Haupt ist ein Erinnerungsgigant, der einen verzweifelten Kampf gegen das Entschwinden führt. Er weiß, dass er drauf und dran ist, ihn zu verlieren, denn unabsehbar ist, was der Nebel des Vergessens zu schlucken im Begriff ist. Und so macht sich Haupt ans Werk mit der Energie eines Menschen, der zu retten sucht, was noch irgend zu retten ist. Er kramt in den Winkeln des Gedächtnisses, um festzuhalten, was ohne seine Anstrengung unwiederbringlich verloren wäre. Verloren hat jemand nur etwas, wovon einer weiß, dass er es einmal besessen hat. Was jemand definitiv vergessen hat, regt ihn nicht mehr auf, weil es für ihn nicht mehr existiert. Ein Verlust ist nur schmerzhaft, wenn man von ihm weiß. Haupt, der in den USA ein neues Leben begonnen hatte, blieb nichts als seine Erinnerung an früher.

Land und Menschen waren ihm für immer abhanden gekommen. Das wusste er, und den Verlust suchte er zu kompensieren, indem er sich fieberhaft auf Forschungsreise in den inneren Kontinent begab, wo noch bewahrt blieb, wofür die Gegenwart keinen Platz mehr hatte. Was andere wegstecken, indem sie aufgehen in neuen Aufgaben, raubte Haupt die Ruhe, sodass er immer genauer wissen wollte, was seine frühen Jahre eigentlich ausgemacht hatte. Die frühesten Erzählungen entstanden 1944, damals war er 37 Jahre alt, also jung für einen Autor, der seine Tätigkeit ganz in den Dienst der Erinnerung stellt. Wir Leser können nicht entscheiden, wie viel sich an Fantasie in diese autobiografischen Recherchen eingeschlichen hat. Vielmehr ist zu sehen, wie Erinnerung einen Menschen formt und ummodelt, wie die entrückten Ereignisse von früher in das Haus der Gegenwart einziehen und es nach ihrem Willen ausstaffieren.

Erinnerung ist ein emotionsgeladener Stoff. Das ist gerade bei einem Autor wie Haupt zu sehen, der sich vehement weigert, von Gefühlen zu sprechen. Aber einer, der keinen anderen Stoff findet als seine eigene Biografie, steckt bis über beide Ohren in einer Geschichte, die er nur schreibend loswerden kann. Er stürzt sich Hals über Kopf in seine Erzählungen. Er nimmt eine oft unbedeutende Episode aus seinem Leben zum Anlass, sich der Erinnerung auszuliefern, und bald schreitet diese Prosa in unersättlich sammelwütiger Leidenschaft voran. Details steigen auf aus dem Dunkel, alles will benannt, alles festgeschrieben werden. Und während sich dieser Blick, der möglichst vieles registrieren will, an der Umwelt zu schaffen macht, streunend auf den Weg macht, um alles Sichtbare ins Auge zu fassen, mischt sich das Denkmaschinchen ein und beginnt sinnierend zu verarbeiten, was sich im großen Korb der gesammelten Vergangenheitsfrüchte eingefunden hat. Und so entfernt sich dieser Erzähler von der unmittelbaren Empfindung, mischt sich als Mensch der Gegenwart ins Geschehen.

Damit verhindert er, dass man sich als Leser dem Strom der Erinnerung ausliefert, das Erinnerte für bare Münze nimmt und sich zufrieden gibt mit dem nachgeholten Flair von damals. Was einmal war, ist nicht authentisch zum Leben zu erwecken. Das zeigen die Erinnerungsschübe, die durchaus Widersprüchliches hervorbringen. Wer sich stur an die Einzelheiten hält, wird feststellen, dass einiges nicht zusammenpasst. Gerade noch ist das Wetter trübe, und schon werfen die Bäume Schatten. Das ist nicht miserabel beobachtet, sondert fällt zu Lasten der Erinnerung, die Zeiten dehnt und verkürzt und, wenn es ihr gefällt, auch Zeiten ineinander fallen lässt.

Haupts Erzählungen stellen nicht Wirklichkeit im adretten Kostüm der Geschichte nach, sie erzeugen Vergangenheit neu. Die Geschichte ist ein großer Prozess der Gestaltung und Umarbeitung, nichts, worauf man sich gemächlich stützen darf, sondern etwas Hausgemachtes, fern der letzten Wahrheit. So sehen wir selten den Erzähler von damals, weil er sich lieber im Reich der Dinge verschanzt, als dass er sein Ich zur Anschauung freigibt. Es sieht aus, als wollte er sein Ich raushalten aus den Geschichten, um die Atmosphäre umso besser zur Geltung zu bringen. Das Erzähl-Ich nimmt sich selber aus dem Spiel. Der Erzähler verbirgt sich hinter den Dingen, ja, das Leben wird an die Dinge delegiert. Das Ich, seine Gefühle, Empfindungen werden weggesperrt. Das gelingt auch deshalb so gut, weil Haupt auf Pointen verzichtet. Diese Erzählungen laufen nicht auf ein Ende zu, von wo aus sich alles Frühere souverän erklären lässt. Die Grundstimmung ist Ratlosigkeit. Haupt fehlt ein philosophisches oder theoretisches Konzept, auf das er sich verlassen könnte, um sein Leben in ein brauchbares System zu zwingen. So ist er heillos angewiesen, den Wust an Material zusammenzuhalten, an eine Ideologie, Philosophie oder Religion verkauft er sie nicht.

Haupts Schreiben zielt ins Offene. Er hat keine Lehre, will nichts beweisen, bringt Erfahrungen nicht auf den Punkt. Die Texte laufen allmählich aus, sie bieten keinen Halt. Das hängt mit diesem Ich zusammen, das sich nicht aufdrängt. Gehen die Männer zur Jagd, macht es zwar mit, aber es funktioniert wie von außen gesteuert. Was geschieht, betrifft es nicht. Krieg findet statt, ohne dass man Schlachtengetümmel hört oder dass Gewalt losbricht. Haupt verzichtet auf moralische Kategorien, um über sich und andere zu schreiben. Wie ermattet von den Mühen des Lebens und Überlebens schleppt sich diese Prosa übers Papier. Sie hält einen Grundton der Ausgewogenheit. Sie erzählt nicht vom Einbruch des Ungeheuren in die normale Welt, sie setzt dann ein, wenn schon alles gelaufen ist. Die Soldaten dringen ins Dorf ein, das von den Einwohnern fluchtartig verlassen worden ist, und der Erzähler findet einen Liebesbrief, der etwas weiß von einer Zeit vor der Gewalt. Der Erzähler findet einen Leichnam ohne Kopf. Er inszeniert kein Spektakel der Grausamkeit, er flüchtet sich weg in den Fundus der westlichen Kultur, verwandelt den Schrecken in Kulturgut, macht aus dem Toten eine mythologische Figur. Auch das ist angewandte Erinnerungsarbeit.

Am Ende eines jeden Buches lässt sich zusammenfassen, was für ein Mensch der Autor ist. Er versteckt sich in seiner Literatur und teilt uns etwas mit über das Bild, das er sich von der Welt macht. Haupt ist der große Einsame, der mitten unter den Menschen lebt als einer, der vor der Menschheit emigriert ist. Er zieht sich zurück, beobachtet, denkt, assoziiert. Er weiß nicht, wo es langgeht. Das macht ihn stark in einer Zeit, wo jeder, und weiß er noch so wenig, zur Auskunft bereit ist über den Zustand der Welt. [*]

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