Ein Regenschirm für diesen Tag von Wilhelm Genazino, 2001, Hanser-VerlagEin Regenschirm für diesen Tag.
Roman von Wilhelm Genazino (2001, Hanser).
Besprechung von Anita Pollak aus Kurier-online, Wien vom 28.9.2001:

Müßiggang ist aller Tugend Anfang

Altmodisch aus der Zeit gefallen ist dieser Mann, ein altersloser Mittvierziger, ein Flaneur und Müßiggänger, der durch die Straßen einer deutschen Großstadt streunt und dabei – im wahrsten Wortsinn – seinem Beruf nachgeht. Er testet Schuhe, „Budapester“ und ähnliche Luxusmodelle, eine geradezu geniale Idee, um aus der Not eine Tugend zu machen.

Die Not nach konventionellen Begriffen arbeitslos zu sein, die Tugend dieses in eine allerdings nur mäßig einträgliche Arbeit umzuwandeln, für die der Begriff „Job“ absolut unpassend wäre. Es ist eine ruhig spazierende, beobachtende Tätigkeit, deren Ergebnisse zum Teil in Gutachten über die getragenen Schuhe, zum Teil in erleuchtende Reflexionen über die Grundmerkwürdigkeit des Lebens einfließen.

Das eigene Leben im Besonderen, denn ganz offenkundig befindet sich der Ich-Erzähler in einer so genannten Krise. Seine Freundin hat ihn wegen seines totalen Mangels an beruflichem Ehrgeiz verlassen, ihm als Abfindung aber die Verfügung über ihr Konto überlassen. Das Gefühl an der Kippe, am Abgrund entlang zu spazieren, verlässt ihn nie. Er registriert an sich Symptome einer ausbrechenden Verrücktheit und weiß nicht genau, ob er sich diese wünschen soll. Verrückt ist auch sein Blick auf die Welt der Normalen, ihre Sorgen, ihr Tun, wie das Staunen eines Wanderers, der das Treiben in einem Ameisenhaufen betrachtet.

Seltsamerweise fliegt dem schwer an seinem Nichtstun arbeitenden einiges zu. Als Gesprächstherapeut ist er eher unfreiwillig gefragt, als Mitarbeiter eines lokalen Blattes soll er„ Luftiges“ abliefern und selbst die Trauerarbeit an der gebrochenen Beziehung wird durch eine alte Jugendfreundin gestört.

Ich kann die Sätze nicht mehr sagen und nicht mehr hören, die im Verlauf einer Liebesaffäre ausgesprochen werden müssen.

Unpeinlich

Frauenbrüste drängen sich trotzdem immer wieder auf. Aber wie überhaupt alles wird auch die offenkundige Busenfixierung des Helden mit Diskretion abgehandelt. Selbst eine eindeutig sexuelle Begegnung mit eindeutigen Problemen entbehrt jeder Peinlichkeit. Gar nicht peinlich oder platt auch das unspektakulär-glückliche Ende. Er ist davongekommen, gerettet, hat sich vom Abgrund zurückgeholt. Ich habe keine Lust mehr, mein Leben zu belauern.

Altmodisch gekonnt porträtiert Genazino diese skurrile Existenz. Leise ironisch, ohne Larmoyanz, ohne Angst, altmodische Gefühle wie Melancholie zu beschreiben, ohne Angst vor der Langsamkeit, vor der Langeweile. Mit Action, mit Tempo hat dieser brillante Erzähler nichts am Schuh. Dass sich dieses stille Buch viel verkauft, gehört zu den kleinen Wundern des lauten Marktes.

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