Ein Produktionsroman von Péter Esterházy, 2010, Berlin-VerlageEin Produktionsroman (Zwei Produktionsromane).
Roman von Péter Esterházy (2010, Berlin-Verlag - Übertragung
Terézia Mora).
Besprechung von Ronald Pohl aus Der Standard, Wien vom 1612.2010:

Das Irrenhaus der Fußballer und Rechenschieber
Mit einer der wichtigsten Buchveröffentlichungen 2010 gedenkt der Berlin Verlag einer Sternstunde. Er erinnert daran, wie der Ungar Péter Esterházy 1979 mit "Ein Produktionsroman" die Postmoderne miterfinden half

Als der ungarische Adelsspross Péter Esterházy in den 1970ern auf die Idee verfiel, einen "Produktionsroman" zu verfassen, war die Blüte des Sozialistischen Realismus hinter dem Eisernen Vorhang längst verwelkt. Die Gattung der "Produktionsromane" gehörte einst zum eisernen Bestand des Staatssozialismus. Ihr Verschwinden aber teilt sie am ehesten mit dem Schicksal ausgestorbener Spezies wie dem Flugdinosaurier oder dem Dodo-Vogel.

Romane über die Industrialisierung und Verwaltung rückständiger Landstriche basieren auf einer Reihe von Grundannahmen. Als vorauszusetzen gilt das kommunistische Weltbild: Menschen, die das Joch des Kapitalismus abgeworfen haben, schließen sich mehr oder weniger freiwillig zu Kooperativen zusammen.

Die fröhlichen Kollektive der Werktätigen meistern im Nu alle Gegenwartsprobleme: Sie bearbeiten unermüdlich die Natur. Sie lernen im Zuge der von der Partei gestarteten Modernisierungskampagnen, Maschinen zu beherrschen. Sie liefern die Erträge ihrer Arbeit an die Allgemeinheit ab - und sie kommen im Zuge ihrer Tätigkeiten einander auch privat immer näher.

Péter Esterházy spuckte in "Ein Produktionsroman", original 1979 in Ungarn erschienen, den staatlichen Wächtern über die Ideologie offen ins Gesicht: Nur bemerkten es diese offenbar gar nicht. Sein von Terézia Mora wunderbar atmungsaktiv ins Deutsche erstübersetzter Ziegel von Buch ist eine gehässige Zumutung.

Von "Inhalt" mag man gar nicht reden: Ein Rechentechniker namens Imre Tomcsányi, Urheber einer mysteriösen Studie, buhlt im Verein mit seinem Genossen Abteilungsleiter (namens "Gregory Peck") um die Gunst der schönen Sekretärin "Marilyn Monroe".

Als Berater des gerade zwei Zoll Körpergröße messenden Chefs fungieren zwei Hamster. Im mathematischen Produktionsinstitut ereignen sich wüste Schlachten, aber auch Arbeitsunfälle - das Büro versinkt in Papierfluten - oder Fuchsjagden. Das Motto, das über dieser bizarren Vergnügungsstätte stehen könnte, liefert Esterházy als leidgeprüfter Zeuge des Gulasch-Kommunismus gleich mit: "Wir sind Mitteleuropäer: Unser Nervenkostüm ist verschlissen, unser Klopapier hart."

Fußnoten mit Folgen

"Ein Produktionsroman" aber würde vielleicht nur eine skurrile Fußnote in Esterházys Werk abgeben, wenn er dem ersten, "richtigen" Buch nicht auch noch ein zweites als Kommentar angehängt hätte.

Dieser zweite Produktions-Roman ist nichts weniger als sensationell: Er bildet ein Gespinst aus Stilübungen und vermeintlichen Privatverlautbarungen. Er markiert den Übertritt der osteuropäischen Literatur in das Reich bis dato unbekannter Möglichkeiten: in die Postmoderne.

Das Buch hinter dem Buch - das eigentliche Buch? - liefert ein einwandfreies Porträt des unverschämten Dichters als gefräßiges Tier. Kein Wort wahr, ist man versucht zu sagen: Esterházy lässt sich von einem "Peter Eckermann" als Privatmensch begleiten (Man beachte die gleichen Initialen!). Wir sehen Esterházy inmitten seiner Lieben. Der "hohe Herr", im Brotberuf real als Rechentechniker unterwegs, pflegt den überwiegenden Teil seiner freien Zeit am Fußballplatz zu verbringen. Er selbst gefällt sich als Ballästhet und Techniker - welch wunderschöne Metapher auf das Geschäft des Schreibens.

Es gilt aber auch zu rekapitulieren: Der Name "Esterházy" bedeutet in Ungarn nicht einfach irgendetwas. Er steht für ein Geschlecht von "öffentlichen" Menschen, deren berühmteste als Staatsdiener in die Chronik der magyarischen Geschichte eingingen. Der Verstrickung von Péter Esterházys Vater in das Spitzelwesen der ungarischen KP sollte der Sohn später - viel später - ein eigenes Buch widmen.

Mit seiner Kunst der kontrollierten Abschweifung hat Péter Esterházy gleichsam im Alleingang die ästhetischen Vorschreibungen der kommunistischen Kunstwächter ad absurdum geführt. Sein Produktionsroman zweiter Ordnung ist die Neuerfindung von "Öffentlichkeit" zu einem Zeitpunkt, als sich die Untertanen des Staatssozialismus in die Nischen der Privatheit hineinverkriechen mussten. Der Autor ist immer er selbst - aber eben immer noch mehr als das, da er die banalsten Gespräche (zumeist über Fußball) mit Klarnamen versieht und sich selbst bereits zu frühen Lebzeiten ein Standbild errichtet.

"Ein Produktionsroman (Zwei Produktionsromane)", erschienen beim Berlin Verlag, handelt vom Tod der Utopien. Esterházy sagt: Es sei ein "bitteres Brot ... wenn man dazu bestimmt ist, die Disharmonie der Welt in Harmonie umzumünzen." In einer Welt aber, in der alles faul geworden ist, behält nur derjenige recht, der sie ästhetisch überbietet. Ohne Esterházy kein Sorokin, kein Andruchowytsch - kein gar nichts.

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