Ein Prinz aus dem Hause David von Asfa-Wossen Asserate, 2007, Scherz1.) - 2.)

Ein Prinz aus dem Hause David. Und warum er in Deutschland blieb
Roman von Asfa-Wossen Asserate (2007, Scherz Verlag).
Besprechung von Katharina Rutschky in der Frankfurter Rundschau, 29.3.2007:

Wie eine Unschuld vom Lande
"Ein Prinz aus dem Hause David" in Deutschland: Die Memoiren von Asfa-Wossen Asserate verklären eine privilegierte Kindheit

Eigentlich ist Asfa-Wossen Asserate mit 58 Jahren noch ein bisschen zu jung, um seine Memoiren zu schreiben. Man tut ihm wohl nicht Unrecht, wenn man vermutet, dass der Erfolg seiner Manieren (2003) ihn zum Frühstart bewogen hat. Der bis dahin völlig unbekannte und als Autor schon gar nicht hervorgetretene Aristokrat war vom Erfolg beim Publikum sicher genauso überrascht wie sein Frankfurter Freund und Helfer Martin Mosebach. 140 000 verkaufte Exemplare, 150 Veranstaltungen in ganz Deutschland bewiesen das Bedürfnis vieler Leute nach einer konservativen Opposition mit menschlichem Antlitz.

Wer könnte sie besser vertreten, als ein Prinz ohne Land und zugereister Exot, der schon 1968 als Tübinger Student gegen die Achtundsechziger Position bezog? Und neben dem Stuyvesant-Geschmack der oberen Zehntausend auch noch über einen Zitatenschatz verfügt, der Bildung und Kultiviertheit suggeriert, aber nur von einem alten Trick Gebrauch macht: dem Rückgriff auf das Prunkzitat. Wer hat schon einen Gomez Davila, der in meinem Brockhaus nicht mal vorkommt, so parat wie Churchill oder Chesterton, von denen er wenigstens weiß? Zitate imponieren und schüchtern Bildungsgläubige ein - verhelfen zu einer Autorität, die der Autor selber nicht hat und sich auch nicht erobern kann oder will.

Wie in Manieren, so wird nach deren Erfolgsrezept auch in diesen Memoiren verfahren. Dem frommen Asserate ist es vielleicht gar nicht aufgefallen, wie anmaßend, ja blasphemisch mancher schon den Titel seines Buches auffassen könnte: Ein Prinz aus dem Hause David. Ein Haus, aus dem auch Jesus stammen soll, Sohn eines Zimmermanns - wohingegen Asserate ein Prinz ist, allerdings einer, der aus seiner aristokratischen Herkunft im demokratischen Deutschland nur so nonchalant Nutzen zieht.

Im Thunderbird über die Avenuen

Die untergegangene äthiopische Kaiserfamilie, der er entstammt, und das Reich, dem sie vorstand, sollen 3000 Jahre alt sein. Zur Kinderzeit von Asserate gab es noch Bedienstete, welche die 225 angeblichen Vorläufer von Haile Selassie ebenso anbeten konnten wie die Genealogie der hohen Familie, die neben David und Jesus auch Salomon und die Königin von Saba einschloss. Stimmt vielleicht nicht, meint Asserate, um dann, durch ein Zitat von Chesterton autorisiert, die höhere Wahrheit der Legende vor der kritischen Historie aufzurufen. Was wäre England ohne die Artussage, was Frankreich ohne die Erinnerung an den heiligen Remigius? Ich muss allerdings passen, wenn der Name Remigius so einfach vorausgesetzt wird.

Man kann solche Assoziationen und Urteile für Ausgeburten einer snobistischen Reaktion gegen das genauso unleidliche Gutmenschentum halten und sie außerdem einem Mann nachsehen, dessen Vater beim Umsturz in Äthiopien 1974 ermordet und dessen Mutter und Geschwister viele Jahre in der Gefangenschaft des neuen sozialistischen Regimes verbringen mussten. Anders als in der äthiopischen upper class sonst üblich, pflegte Asserates Familie jene moderne Nähe und Intimität, die den Schmerz des Sohnes um den Tod des Vaters und die Sorgen um die nächsten Anverwandten ebenso verständlich machen wie seine Zutraulichkeit und den Optimismus, mit dem er sein Leben in Deutschland begann und bis heute weiter führt.

Die Nachsicht mit dem netten, aber letztlich uninteressanten Autor endet, wo er allzu arglos Kindheit und Jugend mit Geschichte und Politik vermischt. Kinder und Jugendliche sind ja nur in Ausnahmefällen imstande, die Privilegien ihrer Klassenlage, geschweige denn die historische Lage zu reflektieren. Wer könnte es dem Erstgeborenen des kaiserlichen Statthalters verübeln, dass er mit dem Thunderbird, den ihm der Papa zum 18. Geburtstag schenkte, fast solo über die Avenuen von Asmara, der Hauptstadt von Eritrea sauste? Die Avenuen verdankt Asmara der italienischen Kolonialmacht, die von 1898 bis 1941 neben Straßen auch eine Vielzahl von Art-deco-Architektur hinterließ und Kinos baute. Als Asserate in der Hauptstadt von Eritrea seinen Führerschein machte, hatten die USA dort außerdem einen Truppenstützpunkt errichtet, zu dessen Läden und Swimmingpools die Angehörigen des Gouverneurs selbstverständlich Zugang hatten.

Man kann sich leicht in einen Teenager hineindenken, der hier keine Skrupel kannte, sondern - von Lebenslust und Neugier erfüllt - mitnahm, was er kriegen konnte. Anders denkt man über einen Asserate, der nach dem Thunderbird in Eritrea nie wieder ein Auto fuhr. Die Leser von Manieren hätten ihn gefragt, warum er nichts zum Benimm der Autofahrer gesagt habe. Sie hätten keins, lautet die Antwort, und Ratschläge seien deshalb überflüssig. Das Wunder des Straßenverkehrs, von Soziologen immer wieder erörtert und als Beispiel für die Zivilisierung der Menschheit herangezogen, am Prinzen ist es vorübergerauscht.

Erbe des Kolonialismus

Ganz dumm ist die Rechtfertigung des äthiopischen Kaisertums, das seine außenpolitischen Sternstunden mit Haile Selassie immer wieder hatte, innenpolitisch aber in vielen Jahren nichts zuwege brachte. Was half die Ausrufung der Blockfreiheit zu Zeiten des Kalten Krieges und die Gründung einer afrikanischen Union, wenn Haile Selassie so wenig wie Asserates Vater Konzepte hatte, Äthiopien selber zu modernisieren und ihm damit die Irrtümer des sowjetischen Sozialismus zu ersparen? Asserate vernebelt das Versagen des internationalen Promis Haile Selassie, aber auch das seines Vaters, durch die Vermischung einer Familien- mit einer Staatsgeschichte.

Asserate behauptet, schon durch die Belehrungen einer Kinderfrau über die Fehler von Diktatur und Kommunismus aufgeklärt worden zu sein. Man hat seine Zweifel, weil Äthiopien als Wiege der Menschheit - mit der ältesten Schriftkultur und einer Christianisierung vor allen anderen - von Asserate zwar beschworen wird, Tatsachen vom Prinzen aber nicht beachtet werden. Der Äthiopier seiner Zeit war ja nicht nur unterentwickelt, arm und hungrig, sondern zu 90 Prozent noch Analphabet, und erst das Megistu-Regime (seit 1974) projektierte eine allgemeine Schulpflicht für 1980...

Kurzum: Das äthiopische Kaiserreich von Haile Selassie beerbte, wie andere afrikanische Länder, den Kolonialismus. Ohne auf einheimische Sitten und Machtansprüche zu verzichten, schickte man die Erben nach Cambridge und förderte eine Oberklasse, die moderne Ansprüche an ihr eigenes Leben mit den altruistischen Aufgaben für eine nationale Entwicklungspolitik verbinden sollte.

Wie schief das alles gehen konnte, dafür liefern Asserates Memoiren eindrückliche, wenn auch unfreiwillige Belege. Asserate verklärt eine privilegierte Kindheit und Jugend, die nicht zuletzt vom kirchlichen und kaiserlichen Zeremonialwesen bestimmt war. Eine Messe dauerte vier Stunden! Trotz des apologetischen Tons kann man aus den ersten 200 Seiten, auf denen mehr erzählt und weniger gemeint wird als in der zweiten Hälfte, einiges lernen. Nicht dass der Autor hier Absichten oder gar Einsichten hätte! Lesen muss man die Botschaften zum Beispiel über Eliten in Entwicklungsländern sozusagen unterm Strich. Asserates Familie war nach England orientiert - den mincepie für Weihnachten bezog man von Harrods -, seine erträumte Revolution gegen das Regime des verknöcherten Haile Selassie war die englische "Glorious Revolution".

Den Reaktionären Pfeffer geben

Das Ende des äthiopischen Kaiserreichs beförderte 1974 ein Fernsehfilm der BBC über eine Hungersnot, den man am Ende mit den Aufnahmen kaiserlicher Feste und Bankette zusammengeschnitten hatte. Dass die "umliegende Bevölkerung" sich nun nicht mehr ordnungsgemäß am dritten Tag nach einer Festlichkeit der "Führungsschicht" beköstigen ließ, sondern zusammen mit der Kirche, dem Militär und sogar der Leibgarde des "Königs der Könige" rebellierte - Asserate, der seine Kindheit als Mitglied der oberen Kreise in der großen Zeit des äthiopischen Kaisertums verbracht hatte, kann uns die Zwangsläufigkeit der Ereignisse als Betroffener, quasi als Unschuld vom Lande nicht erklären.

Erinnerungen, so sagt man, leiden oft unter den Verschönerungen und Verleugnungen des Subjekts. Asserate lässt keine Gelegenheit aus, dem zeitgeistigen Reaktionär Pfeffer zu geben. Die Formulierung, dass in einem künstlichen Land mit so vielen Sprachen, Traditionen und Religionen "die Kaffeezeremonie Teil der äthiopischen Seele" sei, mag man noch als Sentimentalität abtun. Dass den Menschen nur "Trachten und Uniformen kleiden" (Gomez Davila), daran schluckt man schon schwerer. Die Behauptung, dass die Aufständischen 1974 in Äthiopien ihre falschen linken Überzeugungen an der FU Berlin, der London School of Economics, in Berkeley und nicht an der Lomonossov-Universität von Moskau gewonnen haben, hätte man gern bewiesen gesehen. So wie die Motzereien gegen Ryszard Kapuscinski und sein Buch über das Herrschaftssystem von Haile Selassie, die nach Auskunft der Memoiren überhaupt am Anfang der beiden Bücher Asserates standen. Enzensberger, der Kapuscinski gerade verlegt hatte, soll den Prinzen ermuntert haben, seinen Widerspruch in Buchform zu bringen.

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Ein Prinz aus dem Hause David von Asfa-Wossen Asserate, 2007, Scherz2.)

Ein Prinz aus dem Hause David. Und warum er in Deutschland blieb
Roman von Asfa-Wossen Asserate (2007, Scherz Verlag).
Besprechung von Nevfel Cumart aus den Nürnberger Nachrichten vom 20.06.2007:

Ein Prinz im unfreiwilligen Exil
Die Erinnerungen Asfa-Wossen Asserates und seine Hommage an Deutschland

Der Bestseller-Autor Prinz Asfa-Wossen Asserate («Manieren») liest heute, 20 Uhr, im Nürnberger Literaturhaus (Luitpoldstraße 6) aus seiner Autobiografie.

«Wer das Exil nicht kennt, begreift nicht, wie grell es unsere Schmerzen färbt, und wie es Nacht und Gift in unsere Gedanken gießt.» Dieser Satz von Heinrich Heine sollte für Asfa-Wossen Asserate über Nacht zu einem denkwürdigen Zitat werden. Dabei sah es lange Zeit anders aus. Das Wort Exil kannte Asserate bis zu seinem 26. Lebensjahr allenfalls aus Büchern.

Als Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie und ältester Sohn des Vizekönigs von Eritrea erlebt Asserate eine glückliche Kindheit im Glanz des dreitausend Jahre alten äthiopischen Kaiserhauses. Er wächst auf in der Residenz seines Vaters, besucht als erster Äthiopier die Deutsche Schule in Addis Abeba und wird später zum Studium nach Deutschland geschickt. Doch dann, im November 1974, als er dabei ist, in Frankfurt im Fach Äthiopistik zu promovieren, erhält sein Leben eine unerwartete Wende.

Eine blutige Revolution unter der Führung des Offiziers Mengistu Haile Mariam findet in Äthiopien statt. Asserates Vater wird von den Revolutionären ermordet, seine Mutter und fünf seiner sechs Geschwister werden ins Gefängnis geworfen. Aus dem geliebten Gastland wird ein unfreiwilliges Exil, aus dem Studenten wird als «politisch Verfolgter» ein Asylant – die Rückkehr nach Äthiopien ist unmöglich. Während der nächsten 15 Jahre steckt er seine gesamte Energie in den Kampf um die Freilassung seiner Familie und die Befreiung seines Landes vom mörderischen Terror der kommunistischen Militärdiktatur unter Mengistu, die erst 1991 ein Ende fand.

Über diesen Kampf als Lebensaufgabe und noch einiges mehr hat Asfa-Wossen Asserate (59) nun ein Buch geschrieben. Herausgekommen ist nicht nur ein sehr persönliches Buch, sondern auch eine Liebeserklärung an Deutschland und insbesondere an Frankfurt am Main.

Einen zusätzlichen Reiz des Buches macht seine Betrachtung des deutschen Lebens aus. Als ehemals Fremder hat Asserate seinen ganz eigenen Blick auf die deutschen Eigenarten. Was er an den Deutschen mag, warum er sich manchmal über sie wundert und was ihn an den Deutschen stört, führt er im diplomatischen aber ehrlichen Ton aus.

Wer meint, viel zu wenig über die negativen Aspekte dieser Zeit in Äthiopien zu erfahren, hat sicher recht: Über die Politik des Kaisers Haile Selassie und auch über die des eigenen Vaters, immerhin war er als Vorsitzender des Kaiserlichen Kronrats der zweitmächtigste Mann im Staat, erfährt man wenig. Nur: Asfa-Wossen Asserate hat nie die Absicht gehabt, eine «historische Studie» über Äthiopien zu schreiben. Er erzählt in seinem Buch mit einem «subjektiven Blick» in erster Linie über sein Leben und das Schicksal seiner Familie. Und das wiederum macht er sehr eindrücklich.

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