Ein Platz am Fenster von Myriam Keil, 2007, fza

Ein Platz am Fenster.
Gedichte von Myriam Keil (2007, fza-Verlag).
Besprechung von Frank Milautzcki aus dem titel-magazin, 2007:

... um sich zu betrinken am Himmel der stillen Tage
In diesen sehr modernen Gedichten etwas Verblichenes, von einer heute manchmal allzu lauten Originalität Verdrängtes aufgefrischt zu finden: den Beweis, dass die Poesie noch immer genau dort zu entdecken ist, wo wir alle am lebendigsten sind, in den Welten des Augenblicks, das macht dieses Buch zu etwas Besonderem.

Immer wieder ist es der Atem. Es beruhigt, dass er sie begleitet in so viele Texte hinein. Etwas Essentielles ist anwesend, unverbraucht. Es ist die Rede vom Licht, das man atmet an einem Januartag. Ein stiller und wesentlicher Dialog – im Atem erwachsen wir und takten unsere Zeit. Myriam Keil bewegt sich mit großer Zärtlichkeit durch Anschein, Geschehen und Wirkung. Zwischen dem Versuchen der Liebe und Ichfindung im städtischen Raum, über den Mittwochsmarkt hinweg und entlang von Reklamewänden, auf Busfahrten im Regen, in Kinosälen zu zweit, in U-Bahn und Fahrstuhl – immer irgendwie ein platz am fenster, so der Titel des gerade erschienenen Gedichtbands, der zu den freundlichsten Besuchern der letzten Monate auf meinem Schreibtisch gehört.
Ihre Aufmerksamkeit ist unaufgeregt und verzettelt sich nicht, sie ist da, einfach da, auf eine wundervolle Weise vorhanden ohne das große Gepäck. „wenn ich hier bin / zwischen zwei augenblicken / ist es auch die welt.“ Und sie ist herrlich pointiert: „und eine frau trägt wieder hüte“, nicht man, die Frau trägt ihren Hut so, wie man wieder Hüte trägt, weil man wieder Hüte trägt. Details, die sieht, wer das Leben sieht. Dort gibt es „fensterschwere straßen“, „geübte worte“, „augenschnüre“, also: knappe, stille und genaue Bilder, nichts künstlich herbeibemüht, sondern eben auf den Punkt beobachtet. Die Autorin nimmt sich Zeit für ihre Bilder, es gibt nur wenige davon. Das entspannt. Da geht man gerne mit, lässt sich in die Texte ziehen, genießt die kurzen Erzählungen, die diese Gedichte sind. Das ist echt und authentisch. Es gibt auch ein Du. Auch Körper, Haut, genaues Dasein, das hinüberfließt in die zerbrechliche Gegend der Liebe.

Geometrie auf Gefühlsebene

Myriam Keil gewann mit ihren Gedichten 2006 einen von zwei Preisen, die die Salzburger Literaturzeitschrift erostepost ausgelobt hatte. Das damalige Jurymitglied Fritz Huber hat dem vorliegenden Band ein sehr poetisches Vorwort mitgegeben: Myriam Keil sammelt aus dem Alltag, was an Lebendigkeit korrespondiert, „schickt dann alles durch ein Brennglas, zirkelt dort ab, wo die Unschärfe beginnt: eine Geometrie auf Gefühlsebene. Dadurch klettern ihre Gedichte ins Allgemein-Gültige, ohne zu verallgemeinern.“ Geht auch nicht, denn wer große Flächen der Welt wie Myriam Keil mit Sanftmut und Zärtlichkeit anschaut, kann das Leben nicht entwerten mit Stempeln und Etiketten – Klarheit und Liebe haben ja denselben Blick.

In den sehr modernen Gedichten etwas Verblichenes, von einer heute manchmal allzu lauten Originalität Verdrängtes aufgefrischt zu finden: den Beweis, dass die Poesie noch immer genau dort zu entdecken ist, wo wir alle am lebendigsten sind, in den Welten des Augenblicks, das macht ihr Buch für mich besonders, und ich betrachte es so, wie sie selbst das Leben betrachtet: zärtlich. Und wünsche mir, richtig verstanden zu werden: Zärtlichkeit hat nichts zu tun mit falscher Romantik, mit Naivität, mit fehlendem Wirklichkeitssinn und anderem Kokolores und ist schon gar nicht unzeitgemäß.
Myriam Keil benutzt eine Sprache, die offen ist und sorgsam anfasst, aber genau so zum Punkt kommt. Ihre Berührung ist vollständig und trotzdem fragend und kennt keine Angst. Das ist Poesie.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

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