Ein Philosophenstreit über die Erziehung und andere Gegenstände.
Aus Denis Diderot Widerlegung des Helvétius (2004, Friedenauer Presse - gezogen von Hans Magnus Enzensberger).
Besprechung von upj in Neue Zürcher Zeitung vom 31.12.2004:

Helvétius, sittenlos

Es mag paradox genug sein, dass die Bedeutung eines Menschen erst nach seinem Erlöschen, im «Nachruf», ins Licht gerückt wird. Sowieso ist der «Nachruf» eine Textsorte, über die sich noch einige postmortal-vitalistische Überlegungen anstellen liessen. Am 15. Januar 1772 beispielsweise wird in die Grimmsche Correspondance littéraire ein nicht einmal allzu kurzer Nachruf eingerückt, dessen Autor gerne unerkannt bleibt, auch wenn er den eben Verstorbenen - den Philosophen Claude Adrien Helvétius - mit subtilen Worten verewigt. An den Folgen einer «nach innen geschlagenen Gicht» sei der hochverehrte Helvétius gestorben, die Welt habe einen vorzeitigen Verlust erfahren. «Wenn es den Ausdruck art de vivre nicht gäbe, man müsste ihn seinetwegen erfinden. Er war ihr Inbegriff.» Gerecht sei Helvétius gewesen, nachsichtig, ohne üble Launen und Grillen, dabei ein geselliger geistiger Gefährte und ein beachtlicher Philosoph. Als Steuer-Generalpächter habe er es zwar nicht vermeiden können, ein recht grosses Vermögen anzuhäufen, doch sei diese pekuniäre Sonderstellung durch Edelmut und Grosszügigkeit kompensiert worden. Hier bricht der Ton; der Nachrufschreiber vergisst alle Contenance. Im Grunde sei dieser Helvétius doch ein ganz übler Schürzenjäger gewesen, unfähig zu feineren Empfindungen und überhaupt ein sittenloser Sexualmechaniker. Nachzulesen ist diese - wohl von Diderot verfasste - Grabrede mit zwei anderen Texten in einer von Hans Magnus Enzensberger besorgten kleinen und feinen Edition in der Friedenauer Presse.

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