Ein perfekter Freund von Martin Suter, 2001, Diogenes1.) - 2.)

Ein perfekter Freund.
Roman von Martin Suter (2001, Diogenes).
Besprechung von loi in der Frankfurter Rundschau, 9.2.2002:

Gelöschte Zeit

Der Journalist Fabio Rossi lebt schön. Er hat eine Frau, die er liebt, und eine, mit der er wohnt und schläft. Er hat Geld, Geschmack und einen aufgeweckten Verstand - blöd nur, dass er die zurückliegenden 50 Tage seines Lebens nicht erinnern kann, weil ihn jemand niederschlug. Als wäre das nicht beunruhigend genug, hat sich Fabio offenbar ausgerechnet während dieser 50 Tage stark verändert. Er muss für sich also nicht nur klären: Wer hat ihn verletzt? Welche "große Sache" hat er recherchiert? Wieso sind Norina und er kein Team mehr? Wer hat sich gegen ihn verschworen? Warum sind er und sein Freund Lucas verkracht? Sondern auch: Wer ist der Fabio Rossi, den er vergessen hat? "Ich taste mich wie ein Blinder durch die Finsternis meines Gedächtnisses", sagt er einmal. Dass so was spannend ist, werden auch alle die verstehen, die nicht neulich schon im Kino bei Memento und Mulholland Drive zusammen mit den Hauptfiguren deren Vergangenheit rekonstruierten. In Martin Suters Ein perfekter Freund hungern die Leser nach Informationen wie Fabio. Jedes neue Häppchen wird stilvoll serviert: keine Schnörkel, keine langatmigen Beschreibungen, viele, aber keine überflüssigen Details. Handlung ist Trumpf, Suter das Ass.

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Ein perfekter Freund von Martin Suter, 2001, Diogenes2.)

Ein perfekter Freund.
Roman von Martin Suter (2001, Diogenes).
Besprechung von Sabine Dultz in der Münchner Merkur, 9.4.2002:

Verschwundenes Leben
Kritischer Psychokrimi von Martin Suter

Nein, ein Zeitungsroman ist das nicht, auch wenn seine Hauptfiguren zwei eidgenössische Journalisten sind. Martin Suter (54), der Schweizer Romancier, der aus dem Journalismus kommt, hat mit seinem neuen Werk, "Ein perfekter Freund", in erster Linie einen gesellschaftskritischen Roman mit starkem Krimi-Einschlag geschrieben.

Ein Buch, in das der Autor auf sehr unterhaltsame Weise so ziemlich alles hineingepackt hat, was in dem Wohlstandspanorama der Generation um die 30 heute so relevant sein könnte - Konkurrenz und Karriere, Liebe, Laptop und allerlei kleine lüsterne Laster. Das aber ist letztlich nur schmückendes Beiwerk, mit dem Martin Suter die Grundfragen seiner Romanhandlung umrankt.

Erstens: Warum nahm sich der Lebensmittelchemiker und -forscher Dr. Andreas Barth das Leben, indem er vor den Triebwagen des Lokführers Hans Gubler sprang? Dieser Frage vorausgegangen war die Absicht Fabio Rossis, eine Reportage darüber zu schreiben, warum sich gerade jene Brücke in einer bestimmten, nicht einsehbaren Kurve so vielen Lebensmüden zum Selbstmord geeignet erscheint; und was in den jeweiligen Lokführern vorgeht, vor deren Augen so ein Todessprung passiert.

Und zweitens: Was geschah mit dem Journalisten Fabio Rossi, der, nachdem er offenbar zusammengeschlagen wurde, im Krankenhaus erwacht und sich an die letzten 50 Tage seines Lebens nicht mehr erinnern kann? Wer ist die junge Frau an seinem Bett, die behauptet, mit ihm liiert zu sein? Warum hat ihn Norina, das Mädchen, mit dem er seines Wissens zusammengelebt hat, verlassen? Und welche Rolle spielt bei all dem der intime Freund und Journalistenkollege Lucas Jäger?

Es ist ein fein gesponnenenes Netz, in das sich Fabio gefangen sieht. Dies zu entwirren, die Fäden an ihren Ursprung zurückzuverfolgen und sich daraus zu befreien, wird nun zu seiner dringlichsten, zu einer ganz und gar existenziellen Aufgabe.

Dabei wird er mit erstaunlichen Tatsachen konfrontiert. Zum Beispiel, dass er seinen Job bei dem "Sonntag-Morgen" aufgegeben hat. Er kann sich daran zwar nicht erinnern, aber die Kündigung trägt seine Unterschrift. Eine weitere Überraschung: dass sämtliche Daten von der Festplatte seines Notebooks gelöscht oder manipuliert sind. Die allmähliche Rekonstruktion dieses verschwundenen Lebens kommt einem tiefenpsychologischen Puzzle und Selbsterkennungsprozess gleich.

Suter hält den Leser auf dem gleichen Kenntnisstand seines Helden und sorgt inhaltlich damit für anhaltende Spannung. Und für Aufklärung dazu. Denn zusammen mit Fabio kommen wir nach und nach dem Hintergrund für den Selbstmord des Dr. Barth auf die Spur: Sein Todesurteil war sein wissenschaftlicher Erfolg in der Prionen-Forschung, der den Gangstern an der Spitze eines berühmten Schokoriegel-Herstellers teuer zu stehen gekommen wäre. Dass schließlich die arme Witwe kein ganz so armes Leben in süditalienischem Luxus führt, bestätigt jeden bösen Verdacht.

Für Fabio Rossi klärt sich das Dunkel um ihn herum langsam auf. Nur er selbst bleibt sich und dem Leser bis zum Schluss ein Rätsel, dessen Lösung schließlich dann noch einmal mächtig überrascht. Eine perfekte Unterhaltung.

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