Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot von Sibylle Berg, ReclamEin paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot.
Roman von Sibylle Berg (1997, Reclam).
Besprechung von Katrin Schumacher aus Der Standard, Wien vom 16.5.1997:

WARZEN, EINMACHGLÄSER, ROMANE

Manchmal bespricht man Bücher und weiß genau: sie müssen einfach verschwinden. Mit Warzen soll das schon funktioniert haben – Romane geben sich erfahrungsgemäß hartnäckiger. Vor allem der gegenwärtigen Literaturszene Deutschland ist mehr abzusprechen als angenehm – wie tröstlich machen sich da doch die knapp zweihundert Seiten Debütroman der Sibylle Berg aus. In Einmachgläsern scheint sie ihre letzten Jahre Lebenserfahrung verstaut zu haben, fein säuberlich etikettiert zum aufmachen und Finger reinstecken. Kostprobe? „Glückwunsch, sagt Vera. Das Wort steht in der leeren Küche. Fröstelt. Schaut sich die Küchenzeile an, das Wort, verkriecht sich unter der Spüle. Stirbt daraufhin. Keiner ist da, um Vera zu gratulieren“. Situationen wie englische Orangenmarmelade mit Stückchen, und das war erst der Anfang. „Vera trinkt Kaffee“ überschreibt sich das erste Kapitel, das so lang ist wie jedes Kapitel im Buch: gerade mal zwei Seiten. Person für Person wird ein Glas angebrochen, und mit jedem Kapitel wird die Zahl der Hauptdarsteller größer. Perspektiven wechseln, irgendwann wiederholen sich die Geschmäcker und die Namen über weiteren zwei Seiten. Langsam wird dem Leser klar, daß die Zutaten in verschiedenen Einmachgläsern die gleichen sein müssen, daß einige Personen sogar schon mal zu zweit eingekocht wurden.

Vera ist frustrierte dreißig und mit Helge verheiratet. Helge ist frustrierter Barpianist und sexuell mit Barpianistenlauscherinnen ausgelastet. Nora ist noch ganz jung, magersüchtig, liebessüchtig. Tom wird aus Frust norasüchtig, und das wird zum Problem. Taucht doch Bettina auf der Bildfläche auf, die harmoniesüchtig nach dem einzigen Richtigen sucht – „Ich weiß alles. Und warte trotzdem“. Das Richtige ist mit Treffsicherheit alle zwei Monate der Falsche, Folge: Frust.

Alles klasse

„Ich hänge in Bars rum, in Cafés, wie alle in meinem Alter in einer großen Stadt. Die 80er sind durch, und manchmal denke ich, so schlecht waren die auch nicht. Alle hatten schwarze Sachen an, und in der Werbung zu sein, war kein Dreck. Wir konnten wenigstens das Geld anbeten, in den 80ern. Und uns sagen, Single sein ist klasse, weil es der Karriere dient, und die dient dem Geldverdienen, und das ist einfach klasse. Jetzt ist Geldverdienen out und Karriere auch, aber leichter ist nichts. Solange Beziehungen noch Beziehungen heißen, wird auf dem Gebiet auch keine Verbesserung zu erreichen sein“. Bettina wartet, wie alle anderen in dem Roman, auf Liebe, Veränderung, auf Leben. Langeweile ist das schlimmste, was immer wieder passiert, und keiner ist davon ausgenommen. Kein Wunder, daß die Autorin schließlich ein Einmachglas nach dem anderen an die Wand wirft und zerplatzen läßt. Was Rezensenten mit Büchern nicht schaffen können, macht sie in beispielhafter Weise vor: Auf ihren knapp zweihundert Seiten bespricht Frau Berg ihre Helden, und – Hexe, die sie ist – einer nach dem anderen verschwindet wahrhaftig. Bewundernswert ist ihr literarischer Tötungsstil: neun Leichen und eine Zynikerin stehen am Ende eines unverblümt und geschriebenen Episodenromans.

„Mein Lesebuch ist eben für Fortgeschrittene“, behauptet Sibylle Berg. Und genauso kryptisch wie ihre Selbstaussagen gibt sie ihre Person. Sie sagt, sie ist Tierpräparatorin, wir wissen: sie ist Journalistin. ZEIT-Autorin und Wahl-Hamburgerin außerdem, und so ist ihr Debütroman auch ein Stück Schlüssel zur Jahrtausendwendestimmung in der Hansestadt. Warum man ihr Buch eigentlich kaufen soll, wollten Leser der Frauenzeitschrift Allegra wissen, deren Hausschreiberin Sibylle Berg unter anderem ist. Ganz einfach: „Damit ich reich werde. Dann kann ich mir schnelle Autos und hübsche Männer kaufen“. Was sie mit den Männern wolle? „Ausstopfen“. Was soll man dazu sagen? Hauptsache, Sibylle Berg erzählt in ihrem nächsten Buch davon.

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