Ein neuer Nachbar von Matthjas Zschokke, 2002, Ammann1.) - 2.)

Ein neuer Nachbar.
Erzählungen von Matthias Zschokke (2002, Ammann).
Besprechung von Ulrike Baureithel aus der Wochenzeitung, Zürich, 8.8.2002:

Kein Zweifel: Das ist keiner der «strotzenden Herbstfrischlinge», die uns alljährlich ins Haus gelaufen kommen und selbstbewusst unsere Lieblinge vom Vorjahr verdrängen, jene «jungen, unterhaltsamen, entzückenden Kerlchen, die uns sogar auf den Teppich pinkeln dürfen». Eher schon ist es eines jener «märzmageren Teilchen», das irgendwo vergessen in den Hinterzimmern der Buchhändler liegt oder im hintersten Regal, «ein schiefes, hinkendes Ding», das wir eines Tages aus dem abgelegenen Quartier erlösen, damit es «seinen Eigensinn und seine Kraft» für «ein paar Stunden Leseglück» entfalte.
Dieses Buch also ist im Frühjahr erschienen, und sein Autor hat ihm die bescheidene Laudatio gleich mitgegeben. Matthias Zschokkes Erzählungen und Miniaturen haben mithin etwas vom verschämt Betörenden jener Frühjahrspreziosen, die im Herbst längst vergessen sind, weil zwischen den Saisons ein langer Sommer liegt, während dessen die «Herbstfrischlinge» schon vorwitzig ihre Schnauzen lüften, um ja nicht zu spät zum Trog zu kommen. Wie auch könnten es die alltäglichen, doch besonderen Beobachtungen – wie eine Tochter ihre Mutter besucht, von der Liebe eines Mannes zu seinem gusseisernen Ofen, und was ein beschädigter Bordstein über das Leben verrät – mit sinnwuchtigen Traktaten aufnehmen; wie eine dahinschmelzende Erzählung, die von nichts weiter handelt, als dass im Nachbarhaus ein Cello erklingt, konkurrieren mit der breitbrüstigen Präsenz angeblicher Epochendichtung?
«Der neue Nachbar» – das Prosastück, das dem in der «Meridiane»-Reihe des Zürcher Ammann-Verlags erschienenen Bändchen den Namen gibt – steht nicht nur tatsächlich, sondern auch an der poetischen Schwelle zwischen hingeworfener Skizze und kunstvoll gebauter, absurder Abschweifung, die umso irritierender ist, als einzig dies Zufällige die Erzählung weiter vorantreibt. Wo Zschokke weniger spielerisch, disziplinierter ist, gelingen ihm – wie in der kurzen Erzählung «Sommer» – Stücke von ungewöhnlicher Dichte und Aussagekraft.
«An der Schwelle» steht der gebürtige Berner auch zwischen seiner Herkunft und seiner Wahlheimat Berlin, insbesondere in seinen politischen Essays, die diesen schwerblütigen Titel meist gar nicht verdienen. Ganz schwerelos schwebt der Autor durch den urbanen Raum des alten und neuen Berlin, schreibt eine historische Postkarte vom Reichstag, diesem «Hans Albers der Architektur», flaniert mit den russischen Krähen durch die Parks im Osten der Stadt oder schreibt, in umgekehrte Richtung, einen «Brief an die Genfer», der sich darüber Rechenschaft ablegt, was einer überhaupt wissen kann. Für den «Phantomkummer» seiner Schweizer Landsleute hat Zschokke Bissiges übrig; doch das schönste Porträt widmet er der «auf Zukunft spezialisierten» Stadt Berlin und ihren Bewohnern: «Man steht kurz davor, eine echte Stadt zu sein; man ist die ewige Vorstadt, ein bisschen öd, eine bisschen zu laut, gebläht vom Stolz auf etwas, das zwar nicht genau hier, aber doch immerhin in der Nähe stattfindet.»
Am schwächsten wirken die Miniaturen dort, wo sie entweder sichtlich dem schnellen Tagesgeschäft entsprungen sind oder Programmatisches zu Protokoll geben, wie beispielsweise in den etwas humorlos wirkenden Betrachtungen über «Amateure, Autodidakten, Dilettanten, Ich». Doch es gibt genügend andere «schiefe, hinkende Dinger», für die es sich lohnt, den Band auch nächstes Jahr noch aus dem Regal hervorzukramen. Und gewiss wird uns Zschokke auch wieder einmal einen «Herbstfrischling» vor die Türe legen.

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Ein neuer Nachbar von Matthjas Zschokke, 2002, Ammann 2.)

Ein neuer Nachbar.
Erzählungen von Matthias Zschokke (2002, Ammann).
Besprechung von Cornelia Staudacher in der Frankfurter Rundschau, 17.10.2002:

Fantasten, Piraten, Poeten
Matthias Zschokke erzählt von einem neuen Nachbarn

War da was? Könnte man nach vielen der 29 kleinen, anscheinend einfach hingehauchten Erzählungen, Episoden und Kolumnen fragen, die in diesem Band zusammengestellt sind. Aber man täusche sich nicht. Matthias Zschokke versteht es, Alltägliches und Banales, scheinbar Bedeutungsloses und Unspektakuläres so zu verbinden, dass hinter der vermeintlichen Ereignislosigkeit seine Hellsicht und Einsicht in die Natur menschlichen Lebens aufscheint.

Der 1954 geborene Autor, der, wie es auf seiner originell gestalteten Website heißt, "mit einem Paukenschlag" die literarische Szene bei den Solothurner Literaturtagen 1981 betrat und inzwischen mit etlichen Preisen ausgezeichnet wurde, gehört mit seinen melancholischen Ausschweifungen über des Lebens Unerträglichkeit und der Menschen Unzulänglichkeiten zu den exponierten deutschsprachigen Schriftstellern der achtziger und neunziger Jahre. Selbstverloren dümpeln sie dahin, die Fantasten, Piraten und verrückten Poeten, die Träumer, Denker oder "dicken Dichter", die das Personal seiner Erzählungen und Romane ausmachen. Ihre laszive Schwermut und eine genüsslich ausgekostete Lethargie macht es ihnen unmöglich, sich in den prosaischen Niederungen des realen Lebens einzurichten.

"So sitzt er da, der unförmige Dichter, im Käfig des Überdrusses schwitzend, und kümmert sich weder um sein Leben noch um seine Form, da sie beide im Vergleich zu denen seiner papierenen Helden immer makelhaft bleiben", heißt es in "Amateure, Autodidakten, Dilettanten , ich", einer raffiniert verschlungenen Paraphrase über Kunst und Künstler, die, wie die Hälfte der Texte, für einen anderen Zweck geschrieben worden waren, in diesem Fall zur Eröffnung einer Ausstellung im Kunstgewerbemuseum Zürich. Und doch ist es immer wieder ein Vergnügen, Zschokke auf den verschlungenen Wegen durch die Labyrinthe der Phantomschmerzen und imaginierten Seelenkümmernisse seiner Protagonisten zu folgen.

Nicht Schadenfreude, sondern Empathie und Mitgefühl führen ihm die Feder, und mit jedem seiner knappen, konzisen Sätze trifft er gleichermaßen ins Herz seiner fragilen Existenzen und in das der Leser. Ob es sich um den verdrucksten Pflichtbesuch bei der Mutter handelt oder um die Beschreibung der ebenso lauen wie matten Sommerabende an der Panke. Um Balz, einen Beamten der mittleren Laufbahn, der von solch "krachender Harmlosigkeit", solch "knuspriger Einfalt" geschlagen zu sein scheint, dass er gar nicht merkt, wie auch schon vor seinem 53. Lebensjahr, als das Schicksal mit Macht zupackt, zwar alles nach Plan, nicht aber zum Wohle seiner Seele verlief: "Ihr gefällt es nicht mehr in mir. Zu viel ist schief gelaufen." Oder um den Professor, dessen Aufgabe darin besteht, seinen Studenten zu erklären, "wie das Leben funktioniert", während er sich permanent vom "eiskalten Hauch der Sinnlosigkeit" umweht fühlt. Wie ein Ertrinkender den Strohhalm ergreift der "neue Nachbar" der Titelerzählung die Gelegenheit, endlich einen zu treffen, der ihm zuhört, und berichtet dem unbekannten Erzähler im Treppenhaus haarklein jedes Detail aus seinem Leben - Ausdruck tiefer Verzweiflung eines ganz und gar vereinsamten Menschen.

Ein anderes Mal sind es mehr oder weniger alltägliche Gegenstände, die als Auslöser für seine poetisch-philosophischen Ausschweifungen in menschliche Seelentiefen dienen: ein Cello, ein Panetone oder der geliebte gusseiserne Ofen in der Fabriketage im hohen Berliner Norden, wo Zschokke sich vor vielen Jahren seine Schreibetage eingerichtet hat.

Der Erklärung "warum ich Robert Walser mag" bedarf es da gar nicht: Die Seelen-, Geistes- und Sprachverwandtschaft Zschokkes zu Robert Walser wird mit jeder neuen Veröffentlichung immer sichtbarer. Wie er die kleinen Dinge kultiviert als Schutzpolster gegen die allzu triviale Wirklichkeit, wie er die Sätze und Gedanken sich gegenseitig ins Wort fallen lässt und so der phantasmatischen Rolle des Schreibens und der Schrift huldigt, wie er den Leser an der Verfertigung seiner Texte teilhaben lässt, beim Durchmessen jener geheimnisvollen Räume zwischen Innenwelt und Außenwelt, die Robert Walser das "Bleistiftgebiet" nannte. Zschokkes "Hinterlassenschaften" - so der Titel einer Episode, in der er über die Spuren sinniert, die sein Fahrrad auf dem täglichen Weg von seiner Wohn- zur Schreibstätte auf dem sandigen Berliner Untergrund hinterlässt - sind stille, schwerelose, zufällige Botschaften, aber "in sich so zwingend, so absichtlos wahr, wie nichts anderes in unserem ganzen Leben".

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