Ein möglicher Ort.
Roman von Stephan Kaluza (2015, FVA).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ, vom 19.11.2015:

Das trügerische Idyll in Düsseldorf
Ein Gespräch mit Autor und Künstler Stephan Kaluza über Sehnsuchtsorte, Abgründe und seinen Roman „Ein möglicher Ort“. Kann enttäuschte Liebe irre machen?

Ein baumbestandener Hang in der Mitte, links ein Hain, rechts eine Weide, natürlich malerisch. In der Ferne sind Bergspitzen auszumachen. „Atemberaubend“ nennt Yann diese Landschaft und verleiht ihr noch etwas mehr Sättigung und Tiefe, bis sie an „ein Gemälde der Romantik“ erinnert. Ein Idyll, wie es im Buch steht. Tatsächlich: Yann ist Protagonist im Roman „Ein möglicher Ort“, seine Passion ist die ursprüngliche Schönheit der Natur – frei von Menschen.

Was ist ein Idyll? Was ist das, ein Idyll? Und was sagt uns die Sehnsucht nach dem Idyll über uns selbst? Romanautor Stephan Kaluza hat die Doppelbödigkeit der Idylle in seinen künstlerischen Arbeiten bereits beeindruckend vermessen. Dekonstruierte etwa – buchstäblich im Vorbeigehen – die Rheinromantik mit einer Bildserie, die den Rhein von der Quelle bis zur Mündung Meter für Meter vermaß. Oder legte weit drastischer noch unter dem Titel „Felder“ eine Fotoserie vor, die ehemalige Schlachtfelder zeigt – wehende Wiesen, heimelige Wälder, die nichts von dem Blut verraten, mit dem sie einst gedüngt wurden.

Auch im Roman ist das Idyll trügerisch. Zwar tilgt Yann die Spuren menschlichen Lebens nur aus seinen Bildern, doch verfestigt sich sein Eindruck, auch in der Realität Morde begangen zu haben. Zum Beispiel an der Frau, die ihn einst liebte – jetzt aber leider nicht mehr, und kann enttäuschte Liebe nicht irre machen? Als Yann den Auftrag erhält, in Brasilien die seltene Rotschwanzamazone zu fotografieren, führt ihn seine Reise in den Urwald und zugleich tiefer in seine eigenen Wahnvorstellungen, die selbst vor der anziehenden Reisebegleiterin Julie nicht Halt machen. Oder ist Yann nur eine Figur im Romanspiel des brasilianischen Schriftstellers Salvatore? Dass dieser Roman mehrere Lesarten hat, spiegelt schon das Cover, das das Hologramm eines Urwalds zeigt und einen Papagei, der über den Wipfeln schwebt. Übrigens, verrät Kaluza, ist auch dies ein am Computer zusammengesetztes Bild.

Exakt 17 Zentimeter hohes Gras

„Das Idyll kann man bauen“, sagt Kaluza in seinem Düsseldorfer Atelier, und unwillkürlich schaut man sich um, welches Hirschgeweih, welcher goldene Kronleuchter aus dem Sammelsurium der Dinge wohl für den Bau geeignet wären? Aber nein: „Das Idyll sähe so aus: Das Gras ist exakt 17 Zentimeter hoch, es gibt einen Tannenwald und Berge, aber auch einen Strand mit Palmen – und natürlich keine gefährlichen Tiere.“ Die Sehnsucht nach der idyllischen Landschaft kam ja erst auf, „seitdem der Mensch in Städten lebt“. Statt an den griechischen Sehnsuchtsort Arkadien reisen wir zwar heute gedanklich eher in die Tropen, das Prinzip aber ist dasselbe. Nur dass es heute keine „unberührte“ Natur mehr gibt. Einst staunten Europäer noch über die Schrift des Landsknechts Hans Staden, der 1557 nach seiner Brasilienreise die „Wahrhaftige Historia und Beschreibung eyner Landschaft der Wilden Nacketen“ veröffentlichte. Heute findet sich in Brasiliens Urwald – in jenem Urwald, der in Kaluzas Roman wuchert – noch auf den einsamsten Lichtungen ein alter verrosteter Kanister.

Trotzdem, und das ist durchaus erstaunlich, suchen wir das Idyll noch immer außerhalb, an einem anderen (eben: möglichen) Ort: „Wir haben eine Sehnsucht in uns, ein anderer zu sein“, sagt der 51-Jährige. „Aber dafür scheint es notwendig, dass auch der Ort ein anderer, besserer ist.“ Oder auch: ein vergangener Ort – „als Verklärung eines Zustandes, den man einmal hatte. Den man aber damals gar nicht als Idyll erlebt hat.“ Wie etwa die Kindheit oder auch die vergangene Beziehung. Oder – unser Leben, hier und jetzt: Für die Flüchtlinge, die ihr Leben auf dem Mittelmeer riskieren, ist Europa ein Sehnsuchtsort, ein Utopia im besten Morus’schen Sinne. Ein Ort, an dem man sein Leben in Frieden führen kann.

Auf einer grünen Wiese würde Kaluza verrückt werden

Hier kommt die zweite Variante des Idylls ins Spiel, das nicht allein auf Naturschönheit aus ist, sondern der modernen Vorstellung von Selbstverwirklichung folgt. So kann sich auch der Künstler und Schriftsteller Stephan Kaluza kaum vorstellen, in einer der traumschönen Landschaften seines Protagonisten Yann „auf einer netten Wiese zu liegen, nichts zu tun zu haben – ich würde verrückt werden“. Eher schon würde er an Yanns Schreibtisch Platz nehmen: „Mir geht es gut, wenn ich arbeiten kann.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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