Ein Mädchen nicht von dieser Welt.
Roman
von Aharon Appelfeld (2015, Rowohlt - Übertragung Mirjam Pressler).
Besprechung von Jürgen Verdofsky in der Frankfurter Rundschau, 22.11.2015:

Das Geheimnis des Überlebens
Aharon Appelfelds eindringlicher Roman „Ein Mädchen nicht von dieser Welt“ erzählt vom Überleben von Kindern in der Shoah.

Jedes Überleben eines Kindes in der Shoah ist ein Wunder für sich. Wieder und wieder eine andere Geschichte, aber immer dieselbe Angst. Meist Rettung in letzter Minute. Keinen Ort nennt Aharon Appelfeld in seinem Roman „Ein Mädchen nicht von dieser Welt“, die Judenhatz ist unter dem Hakenkreuz überall gleich.

Gegen Ende des Krieges, als in Osteuropa die Bewohner der letzten Ghettos in die Vernichtungslager geschickt werden, sind vor diesem Schrecken auch die Gesetze der Kindheit machtlos. Eine jüdische Mutter sieht keinen anderen Weg, als ihren Sohn Adam aus dem Ghetto zu schmuggeln und im Wald zu verstecken: „Hab keine Angst. Du kennst unseren Wald.“ Sie überlässt in höchster Not einen Neunjährigen seinem Schicksal, denn es gilt, auch die Großeltern vor der Deportation zu retten. Mehr darf Adam nicht wissen, er ahnt nur, in dieser aufgelösten Welt wird er auf sich allein gestellt sein. Der Abschied spannt alle Kräfte an. Für Adam ist der Wald nicht fremd, aber das ungeschützte Leben in der Natur bedrohlich. Bei seinem tastenden Umherschweifen trifft er auf Thomas, einen Mitschüler. Auch für ihn kennt eine Mutter keine andere Rettung als den Wald.

Eine Urszene der Flucht: Der Wald als gutes Versteck. Appelfeld weiß, wovon er spricht. 1932 in Czernowitz geboren, versteckt er sich als Kind zwei lange Jahre in Wäldern, bis er im Tross der Roten Armee Rettung findet. Wie für alle hunderttausend Juden der Bukowina bedeutet der Zweite Weltkrieg auch für ihn Ghetto, Todesmarsch, Lager. Die Eltern überleben nicht, aber ihm gelingt die Flucht. Zehnjährig. In seiner „Geschichte eines Lebens“ hat Appelfeld das vor mehr als zwanzig Jahren erzählt.

In Deckung bleiben, beobachten

Leben im Wald heißt, alle Sinne anzuspannen, in Deckung zu bleiben, lange zu beobachten, alles zu bemerken, am Rand der Zivilisation Nahrung zu finden. Das ist kein Abenteuer, sondern eine letzte ursprüngliche Form der Existenz. Die Natur bekommt eine mythische Seite des Schutzes, eine erweiterte Bedeutung, als wäre es einfacher, vom Wald abhängig zu sein, als von den Menschen. Eine Welt der Symbole, der Überdeutlichkeit.

Adam gelingen die notwendigen Dinge des Überlebens, raffinierter als von einem Neunjährigen zu erwarten wäre. Der Sohn eines Schreiners hat schon gelernt, Situationen zu deuten, im richtigen Moment zu handeln. Er ist mit dem Wald vertrauter, hat weniger Angst, zeigt sich der Gefährdung besser gewachsen als Thomas, Lehrersohn und Klassenbester, der sich angespannt bemüht, mit dem Naturburschen-Geschick von Adam Schritt zu halten. Höchste Überlebenskunst ist bereits das Versteck: Ein Nestbau in Bäumen mit großer Krone, tiefer und tiefer im Wald.

Beide Kinder finden in der Bedrängnis eine fragile Geborgenheit des täglichen Für- und Nebeneinanders. Wenn einer schlappmacht, richtet der andere ihn auf. Angst, Hunger, Kälte. Angehaltene Zeit, ein Verharren in Schreckstarre. Die Tage sickern in den Wald. Nachts zerhackter Schlaf, ein bis in die Träume reichender Schrecken. Die Shoah aus Kinderaugen, ohne Möglichkeit, das Unglück zu fassen. Zur Deportation des Ghettos, der sie nur knapp entgangen sind, fragt Thomas: „Was haben die Juden denn Böses getan, dass man sie bestraft?“ Adam antwortet so ratlos wie findig: „Die Menschen mögen die Juden nicht… Wir werden dieses Rätsel heute nicht mehr lösen. Komm, erkunden wir den Wald.“

Das Geheimnis des Überlebens wird von Seite zu Seite nicht kleiner, sondern größer. Deutliche Umrisse der Angst zeigen sich besonders nachts, wenn Flüchtlinge durch den Wald hasten. Immer dasselbe Unglück, immer ein anderes Gesicht. Mitunter Schüsse der Verfolger. Die Erschütterung ist immer wieder neu, es wird niemals leichter. Doch für die bedrängten Kinder ist nichts besser, als jemandem bei der Flucht helfen zu können. Auch sie erfahren Hilfe. Adam und Thomas begegnen Mina, einem jüdischen Mädchen, das sich bei einem Bauern versteckt. Sie ist „nicht von dieser Welt“, sprachlos, unscheinbar, zart, hilft engelsgleich mit Brot und Milch. Und ist doch selbst ein Kind in Not.

Der märchenhafte Schluss zeigt sich literarisch schlicht, aber wenn uns eine Geschichte wirklich nahe geht, merken wir es auch daran, dass wir die Geschichte nicht in Zweifel ziehen: Die befreiten Mütter beider Jungen retten die drei Kinder aus dem Wald, ein Arzt der Roten Armee leistet die unerlässliche Hilfe. Durch gut vierzig Romane trägt Aharon Appelfeld die Zeichen des Überlebens während und nach der Shoah. Ein Roman, klar und eindringlich, auch für Heranwachsende.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Frankfurter Rundschau]

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