Ein Licht über dem Kopf von Dimiré Dinev, 2005, DeutickeEin Licht über dem Kopf.
Erzählungen von Dimitré Dinev (2005, Deuticke).
Besprechung von Balduin Winter aus den Nürnberger Nachrichten vom 4.06.2005:

Die Jagd nach Glück und göttlicher Erleuchtung
„Ein Licht über dem Kopf“: Die bemerkenswerten Erzählungen des bulgarischen Schriftstellers Dimitré Dinev

Als „die literarische Neuentdeckung“ feiert der Verlag den gebürtigen Bulgaren Dimitré Dinev, dem 2003 mit „Engelszungen“ ein beachtlicher Erstling gelang. Für sein zweites Buch, den Erzählband „Ein Licht über dem Kopf“ erhielt der seit Jahren in Wien lebende und in Deutsch schreibende Autor gleich den Förderpreis zum Chamisso-Preis. Zu Recht, denn bei diesem Autor bekommt man nicht einen blässlich-melancholischen Zeitgeist vorgesetzt, der durch die postmoderne Diskurswüste irrt, sondern Straßenkehrer, Asylanten, Popen, Wunderheiler, Sträflinge, Polizisten, Taxifahrer, Arbeitslose - kurz: Hier tummelt sich das Volk. Lebhaft, leibhaftig, mit seiner Sensibilität und Fantasie, jenseits von plattem Realismus, manchmal geradezu märchenhaft. Wobei „Märchen“ heißt, dass es stellenweise zugeht wie im prallen Leben.

Holzhacken in Sibirien

Nach Metaphysik klingt die Titel gebende Erzählung, nach göttlicher Erleuchtung. Doch die Lösung ist eine handfeste. Plamen Svetlev verdingt sich in den sibirischen Weiten der Sowjetunion zum Holzhacken und kehrt nach zwei Jahren mit einem roten Lada und einer blonden russischen Olga nach Sofia zurück, und mit Erspartem. Immerhin hat er, von sozialistischen Werten nicht sonderlich infiltriert, mehr verdient als ein bulgarischer Lehrer in zehn Jahren. Ohnehin geht das System des roten Kapitalismus flöten, und jetzt, in den helleren Zeiten des hereinbrechenden Globalkapitalismus, muss jeder zeigen, was in ihm steckt. Ein Bestattungsunternehmen erweist sich nicht als das Wahre. Denn im Leichenwagen fährt der Mensch meist nur einmal. Also steigt Plamen auf Taxi um. Das Leuchtschild auf dem Dach ist das Licht über dem Kopf, das gute Geschäfte bringt. Bis er eines Tages ausgeraubt wird. Der Weg ins Elend ist eine Autobahn. Die Familie verkommt. Plamens Karriere als Ikonenräuber ist kurz und knastig. Scheidung, Verlassenheit. Plamen studiert die Tätowierungen seiner Zellengenossen. Auf der Penisspitze eines Zuhälters findet er das Wort: Taxi. Das erinnert ihn an seine beste Zeit, das lässt er sich auch eintätowieren.

Als er Hafturlaub bekommt, taucht er unter, besorgt sich eine griechische Identität, reist als EU-Bürger reibungslos nach Wien. Der Pass- und Visahandel funktioniert professionell und profitabel, so ist die freie Marktwirtschaft. In Wien heuert er wieder beim Licht unter dem Kopf an, nimmt sich manchmal eine Frau aus dem Prater mit. Vier Jahre geht es gut so, dann bräuchte er tatsächlich die göttliche Erleuchtung…

Dinev ist vielseitig in seiner Themenauswahl, er greift auch gern die (nationalistische) osteuropäische Unart auf, manchen Mangel an Geschichte durch Mythologie zu ersetzen und erfindet flottfröhlich neue Mythen. Oder gibt romantischen Geschichten einen derart schrägen Drill, dass sich der westlich-rationale Leser an den Kopf greift. Man merkt, er ist ein an der osteuropäischen surrealen und grotesken Literatur geschulter Satiriker. Darüber hinaus ist er ein genauer Beobachter der Epochenwende, der sich hervorragend im Leben von Asylbewerbern, Illegalen und Emigranten auskennt.

Scherze und Sarkasmen

Bei manchen Erzählungen (etwa „Spas träumt“), ist es ganz offensichtlich, da berichtet jemand aus eigener Erfahrung. In manch anderen Erzählungen treibt Dinev allerhand derbe Scherze und Sarkasmen, demonstriert blühende Fantasie und Erfindungsreichtum - hier tritt er ganz hinter seine Geschichte zurück, skizziert mit leisen und unaufgeregten Tönen ein ebenso leises Migrantenschicksal, das einen nicht mehr loslässt. Hier stimmt alles. Legt man den Band dann weg und geht hinaus unter Menschen, hat man gleich den Eindruck, diesem Spas überall begegnen zu können, diesem Spas, der von einem etwas besseren Leben träumt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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