Ein Leben in Widersprüchen, Biografie über Luise Rinser, 2011, S. FischerEin Leben in Widersprüchen.
Biografie über Luise Rinser (
2011, S. Fischer, von José Sánchez de Murillo).
Besprechung von Britta Schultejans im Münchner Merkur, 18.4.2011:

Neue Biographie: "Luise Rinser hat uns alle angelogen"
Luise Rinser galt als Vorzeige-Deutsche und Kämpferin gegen die Nazis. Eine neue Biografie zeichnet ein anderes Bild der Autorin:

„Beim Schreiben wurde sie für mich zu einer wichtigen Gestalt der deutschen Geschichte, zu einer der vielen zerrissenen Gestalten, welche die Nazi-Katastrophe hinterlassen hat“, sagt José Sánchez de Murillo über Luise Rinser (1911-2002). In seiner Biografie über die Autorin stellt er fest, dass Rinser über ihre Rolle im NS-Regime gelogen hatte.

Kurz bevor Luise Rinser (1911-2002) mit 90 Jahren in der Nähe von München starb, beschrieb sie ihre Arbeit so: „Tiefer bohren, ich hab’s gemacht.“ Sie habe den Dingen immer auf den Grund gehen wollen. Das hat nun auch ihr enger Freund José Sánchez de Murillo getan und die Biografie der Erfolgs-Autorin, deren Geburtstag sich am 30. April zum 100. Mal jährt, geschrieben. Die Ergebnisse seiner Arbeit sind alles andere als erfreulich. Denn Luise Rinser war nicht die Frau, für die so viele sie gehalten haben und die sie selbst wohl gern gewesen wäre. „Faktisch gesehen hat sie gelogen - uns alle angelogen“, sagt Sánchez de Murillo und bringt damit den Mythos Luise Rinser ins Wanken.

Jahrzehntelang galt die Bayerin als moralisches Gewissen der Bundesrepublik - und als aufrechte Frau im Kampf gegen den Nationalsozialismus. Die Wahrheit über eine der wichtigsten Vertreterinnen der deutschen Nachkriegsliteratur aber scheint eine andere zu sein, schreibt Sánchez de Murillo, der Rinser 1995 in Italien kennenlernte und für die Biografie eng mit ihrem Sohn Christoph zusammengearbeitet hat (siehe Kasten). Sie - die selbst später immer wieder die Aufarbeitung der Nazi-Zeit einforderte - denunzierte unter dem Regime sogar ihren jüdischen Schulleiter, um ihre Karriere als Lehrerin voranzutreiben. Rinser war zudem Ausbilderin beim Bund Deutscher Mädel (BDM) und verdiente - im Gegensatz zu ihren Angaben - als Drehbuchschreiberin der UFA gutes Geld. Auch wenn ihre spätere Inhaftierung und der Umgang der Nazis mit Kunst und Kultur ihr wohl irgendwann die Augen öffneten und Sánchez de Murillo keinen Zweifel daran hat, dass sie sich nach 1945 in eine glühende Demokratin verwandelte - eine Widerstandskämpferin war sie vorher nicht: „Luise Rinser war in der Nazi-Zeit ebenso verstrickt wie viele andere. Sie war am Anfang begeistert - wie viele andere auch.“ In seinem Buch nennt er sie „engagierte Nazi-Pädagogin“. „Das gängige Rinser-Bild, das sich auch in Artikeln und Nachschlagewerken findet, erstaunte mich“, schreibt der Biograf. „Es verfehlt Wesentliches, stellt schlicht Unwahres als Wahrheit dar.“

An ihrem Mythos hat Rinser offensichtlich selbst hart gearbeitet. „Zweifellos geht die Irreführung auf Luise Rinser selbst zurück, auf ihre sogenannten autobiografischen Schriften.“ Nach dem Krieg sei sie von der Öffentlichkeit in die Rolle der „deutschen Jeanne d’Arc“ gedrängt worden, sagt Sánchez de Murillo. Die Deutschen hätten eine Integrationsfigur gebraucht - irgendwann habe sie selbst geglaubt, diese Figur sein zu können. Mehr als 30 Bücher, die in rund zwei Dutzend Sprachen übersetzt wurden, hat die zierliche Lehrertochter geschrieben. Mehr als fünf Millionen Exemplare ihrer Werke wurden verkauft. 1984 schlugen die Grünen sie als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten vor. Auch er selbst habe immer geglaubt, was sie ihm erzählte, sagt Sánchez de Murillo - erst nach ihrem Tod konnte er alle Facetten ihrer Persönlichkeit aufarbeiten. „Beim Schreiben wurde sie für mich zu einer wichtigen Gestalt der deutschen Geschichte, zu einer der vielen zerrissenen Gestalten, welche die Nazi-Katastrophe hinterlassen hat.“

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

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