Ein Leben an der Seite Tolstoj von Sofia Tolstaja, 2009, InselEin Leben an der Seite Tolstojs.
Biografie über Sofja Andrejewna Tolstaja (2009, Insel,
von Ursula Keller und Natalja Sharandak).
Besprechung von Ulrich M. Schmid in der Neue Zürcher Zeitung vom 18.09.2009:

Sekretärin, Mutter, Rebellin
Eine lesenswerte neue Biografie über Sofja Andrejewna Tolstaja

So wie in Russland ein Dichter mehr als ein Dichter ist, muss auch eine Schriftstellergattin in Russland mehr als eine Schriftstellergattin sein: Für den genialen, aber monomanischen und lebensuntüchtigen Autor sorgt eine hingebungsvolle Gemahlin, die Köchin, Mutter, Sekretärin und Agentin in einem ist. Dieses Paarmodell taucht in der russischen Kulturgeschichte zu oft auf, als dass man von einer Ausnahme sprechen könnte: Dostojewski wäre ohne seine Anna im Schuldturm gelandet, Solschenizyn setzte seine Natalja als Forschungsassistentin und Korrektorin ein, Nabokov überliess seiner Vera sogar das Reifenwechseln bei Autopannen.

Das Urbild solcher Liebes- und Schreibsymbiosen bildet indes die Ehe von Leo Tolstoi, der mit Sofja Andrejewna knapp fünfzig Jahre verheiratet war. Im Gegensatz zu Dostojewski, Nabokov und Solschenizyn waren die Ehegatten Tolstoi nicht nur eine Produktionsgemeinschaft für Bücher und Kinder, sondern verarbeiteten ihre stürmische Ehe auch auf dem Papier. Beide führten regelmässig Tagebuch und lasen gegenseitig ihre Einträge. Nicht wenige Auseinandersetzungen gingen auf seelische Verletzungen zurück, die von der Lektüre schwerwiegender Vorwürfe herrührten. Die prekäre Sprachlosigkeit, die zwischen den Eheleuten herrschte, wurde kompensiert durch die schriftliche Aufarbeitung des weltanschaulichen Gegensatzes zwischen dem Wahrheitssucher Tolstoi, der am liebsten ein Leben als Wandermönch geführt hätte, und der praktischen Sofja Andrejewna, die für die dreizehn Kinder sorgen musste.

Tolstoi griff die Eheproblematik in «Krieg und Frieden», «Anna Karenina» und der «Kreutzersonate» auf, Sofja Andrejewna hinterliess einen Roman, der erst seit kurzem unter dem Eine Frage der Schuld von Sofja Tolstaja, 2008, ManesseTitel «Eine Frage der Schuld» auch auf Deutsch vorliegt (NZZ 7. 2. 09). Die Literatur bildet hier jedoch nicht einseitig das Leben ab. Die literarischen Parallelexistenzen, die von den Ehegatten entworfen wurden, wirkten auch wieder auf die reale Lebensführung zurück. Besonders scharf reagierte Sofja Andrejewna auf Tolstois späte Erzählung «Der Teufel», in der er einmal mehr das sexuell lockende Weib verdammte. Sofja Andrejewnas Wut gipfelte im Vorwurf der Homosexualität: Sie verdächtigte ihren Mann, seinen vertrauten Verleger Wladimir Tschertkow wirtschaftlich zu begünstigen, weil er ihn mehr als sie liebe.

Die Berliner Slawistinnen Ursula Keller und Natalja Sharandak, die bereits gemeinsam eine Untersuchung über die russische Salonkultur um 1900 verfasst haben, porträtieren nun in einem sehr lesenswerten Buch Sofja Andrejewna Tolstaja, die zeitlebens im Schatten ihres Mannes stand und auch selbst mutmasste, als eine Art Xanthippe in die russische Literaturgeschichte einzugehen. Die beiden Autorinnen haben die unveröffentlichte achtbändige Autobiografie von Sofja Andrejewna ausgewertet und zeichnen ein sehr ausgewogenes Bild dieser mutigen und klugen Frau. In dieser neuen Darstellung wird deutlich, dass das Zusammenleben von Ehegatten die schwierigere Kunst ist als das Verfassen von Romanen, die bis heute den innersten Kern der Weltliteratur bilden.

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