Ein
langsamer Sturz.
Roman von Mirko
Bonné (2002, DuMont).
Besprechung von Friedhelm Rathjen in der Frankfurter Rundschau, 8.2.2003:
Eine Ordnung war
nicht zu erkennen
Aber die Sprache gewinnt
dennoch die Oberhand in Mirko Bonnés zweitem Roman "Ein langsamer
Sturz"
"Ein Glück, ein furchtbares Glück":
das hat Mario Ries. In der Auftaktszene von Mirko Bonnés Roman Ein langsamer
Sturz landet er im Düsenjet in Izmir und sieht auf dem Rollfeld die Spuren
einer Bruchlandung: das ist die Maschine, in der er eigentlich hätte sitzen
sollen. Ein Zufall hat ihn vor Schlimmerem bewahrt. Wenn es denn Schlimmeres
gewesen wäre. Auch als Unversehrter gerät Ries nämlich ins Strudeln. In der
Unglücksmaschine, in der es drei Tote gegeben hat, saß sein Mitarbeiter Hakan,
mit dem er sich zuvor gestritten hatte: dies die Ursache dafür, dass Ries einen
anderen Flieger nahm. Und in der Unglücksmaschine saß, wie wir erst allmählich
erfahren, die Marseiller Kulturbeauftragte Jacqueline, mit der es ebenfalls
einen Streit gab. Worum genau es dabei ging, bleibt in Bonnés Roman länger in
der Schwebe, als ein Landeanflug dauert. Das doppelte Kernthema des Buches
lautet nämlich: In welcher Beziehung stehen Menschen zueinander? Und: Wie
stellen sie diese Beziehung nach außen dar (oder eben nicht dar)? Als Leser
bleiben wir sehr weit außen; einerseits.
Andererseits erleben wir das spärliche Geschehen fast ausschließlich aus der
Sicht der Hauptfigur und sacken mit ihm ins Bodenlose. "Aus heitrem
Himmel" erfolgt der Sturz, fängt zunächst "wie ein gewöhnliches
Straucheln" an. "Himmel, es war so schwierig!" Schwierig in einem
bestimmten Sinn ist die Lektüre des schmalen Buches auch, weil der Autor unauffällig
und doch zielsicher ein "Unwirklichkeitsgefühl". Es geht, soviel sei
vorweggenommen, eigentlich um ein Nichts, um die Leere, um Ausgespartes, und
deswegen wird das "Unwirklichkeitsgefühl" im Verlauf des Buches nicht
getilgt, sondern gewissermaßen konsolidiert.
Mario Ries arbeitet für eine Hamburger Agentur, hat eine Dependance in
Marseille aufgebaut, der nun eine weitere in Izmir folgen soll. Sein Vorhaben
ist, konkret und abstrakt zugleich, ein "dauerhaftes Drei-Hafenstädte-Projekt".
Das klingt nicht nur nach Sprechblase, sondern ist auch eine; allerdings eine, für
die Gelder fließen. Es geht nämlich um Kulturförderung, um so irreal-gewinnträchtige
Dinge wie "Budgetierung und Sponsoring", und die Protagonisten des
Projekts sind "lauter junge Frauen und Männer für sauberen, modisch karg
gestylten Datentransfer". Wo die Frauen jung und die Männer nicht
unbedingt lauter sind, ist der Weg vom Konferenzraum ins Bett freilich immer
kurz und selten einsam.
In Izmir trifft Mario Ries mit einer äußerlich illustren, hinter dieser
Fassade jedoch ausgesprochen armseligen Schar gebrochener Figuren zusammen. Da
sind "Referenten für Künstleraustausch und Städtepartnerschaft", da
ist ein abgehalfterter Chansonnier, da sind Animateure und, im Hintergrund,
Saboteure. "Ranküne, Gehässigkeit, korrekt. (...) Mobbing, Dissing...
" - Ries' langsamer Fall ist auch ein beruflicher. "Willkommen in der
Versenkung!"
Und die Versenkung beginnt erst da, wo man einen festen Boden unter den Füßen
zu haben glaubt: Alles ist auf unbestimmte Weise doppelbödig. Mirko Bonné
beschreibt ein Geschehen, das sich spätestens beim Versuch der Nacherzählung
als Nicht-Geschehen entpuppt. Was geschieht, das ist eigentlich nur der Taumel
der Hauptfigur, deren erratische Aktionen die allumgreifende Lethargie, die sie
befangen hält, nicht zu durchdringen vermögen. "Eine Ordnung war nicht
erkennbar." Mario Ries hält seine Partner für hochgradig peinlich, doch
dann merkt er, "wer sich hier peinlich benahm: er selbst, er vor allen
anderen". Er bringt sich "in den Zustand des Gekränkten"; er
kultiviert "seine Neigung zu Verstocktheit"; er lässt sich auf ein
Machtspiel ein, "bei dem es nur Verlierer gab". Und: "Ries war
gar nicht wach. / Allerdings wach genug, um sich über seine Lage im Klaren zu
sein". Oder: "hellwach nur im Innern, wo er mit sich allein war".
Und in diesem Zustand sucht er: "nach einem Satz". Je länger wir
Mirko Bonnés Buch lesen, desto klarer wird, dass das rudimentäre Geschehen
einzig und allein der Suche nach Sätzen dient. Das Geschehen ist einerseits von
einer untergründigen Metaphorik bestimmt: das "Zwischenreich", in dem
sich alles abspielt, ist so etwas wie der endlose Moment des verzögerten
Sturzes, der Moment, in dem alles in der Luft hängt und die Katastrophe ebenso
unausweichlich wie unerkennbar ist. Andererseits kristallisiert sich dieses in
der Schwebe befindliche Geschehen zu einer lähmenden Lethargie, die den
Herzschlag der Prosa stocken lässt. Wo im Grunde nichts passiert oder das, was
passiert, vage und zähflüssig bleibt, gewinnt die Sprache die Oberhand.
Bonné beherrscht die Kunst der Einwortsätze ebenso wie die längerer,
verschachtelter Perioden, doch er betreibt solche Kunst auf vertrackte, spröde,
fast störrische Art. "Keiner im Team war abgesprungen": Ein solcher
Satz wäre banal, ginge es hier nicht ums Stehen, Fallen und eben ums Springen.
"Sein Taumelgefühl entstand nicht dadurch, dass ihm alles ringsherum
unwirklich erschienen wäre": Dieser Satz streicht etwas durch und hebt es
gleichzeitig ins Bewusstsein. "Im Gewimmel vor dem Gebäude suchte er
zweierlei: eine Funktion und einen Fluchtweg." Es wimmelt von Sätzen, die
man zweimal lesen muss und die doch nicht offenbaren wollen, ob sie abgründig
banal oder raffiniert vertrackt sind.
Und diese Irritationen potenzieren sich oft genug durch die seltsame Abfolge der
seltsamen Sätze. "Weder wollte er Mittelpunkt einer Gruppe noch Hälfte
eines Paares sein" - dieser Satz ist auf gespreizte Weise ungelenk, beginnt
aber seltsamerweise zu schimmern, wenn wir weiterlesen: "Vielmehr wollte er
ankommen, abbremsen." Woher kommt hier das Wort "abbremsen"? Der
nächste Satz verrät es uns, doch bevor wir den lesen, sind wir schon aus der
Bahn geworfen.
Der größte Vorzug ist, dass Mirko Bonnés Prosa nie glatt und eingängig wird,
und das ist ein so großer Vorzug, dass man dafür auch gelegentliche Totalabstürze
der Formulierungskunst in Kauf nehmen sollte. Das Geheimnis dieser Prosa ist die
Unerschrockenheit, mit der sie abstrakte, wabernde und inhaltslose Konzepte in
konkretes Sprechen zu überführen vermag. "Sie hielt Ausschau, vielleicht
nur nach dem Kellner": Hier ist das Wörtchen "nur" die
Gelenkstelle, die Abstraktion und konkretes Detail trickreich verknüpft. So ähnlich
funktioniert Bonnés Erzählprosa insgesamt.
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