Einladung zum Tanz.
Roman von A. L. Kennedy (2001, Steidl - Übertragung Ingrid von Rosenberg und Gerd Stratmann).
Besprechung von Maike Albath in der Frankfurter Rundschau, 7.3.2002:

Die Schlammgruben des Unbewussten
Bibelraub und Samenraub und überhaupt: Neue Kurzgeschichten und ein früher Roman von A. L. Kennedy

Es ist sehr oft von Sperma die Rede. Eine junge Frau lässt sich vor einer Reise von ihrem Hausarzt gegen Polio impfen, und bemerkt, dass der Impfstoff nach dem Samen ihres Ehemannes schmeckt. Ein Astronaut spricht in der Einsamkeit des Universums mit seinem Freund über die Sinnlosigkeit der Weltraumforschung, denkt an seine Fluglust und seine zerbrechende Ehe, masturbiert anschließend, klaubt das schwerelose Ejakulat zusammen und steckt sich die verräterische Substanz in den Mund. Das Herunterschlucken der Körperflüssigkeit ihres atemberaubenden Liebhabers, den sie ansonsten eigentlich nicht leiden kann, beschert Suzanne einen tiefen Schlaf und bizarre Träume. Immer wieder malt sie sich aus, wie sie das Trommelfell des bedrückend perfekten Mannes mit einem Bleistift zum Platzen bringt. Der brave Ehegatte Greg kommt beim Einkauf im Käseladen mit einer Frau ins Gespräch, die ihm bald darauf seine kühnsten erotischen Phantasien erfüllt, so dass ihm Angst und Bange wird.

Detaillierte, oft skurrile Schilderungen körperlicher Vorgänge sind eine Spezialität der Schriftstellerin A. L. Kennedy. Es ist aber nur die eine Seite ihrer neuen Kurzgeschichtensammlung. Wie kaum eine andere Autorin ihrer Generation findet die 36-jährige Schottin in ihren Büchern eine Sprache für seelische Schmerzen, sie leuchtet die Psyche bis in ihre dunkelsten Ränder hinein aus, erzählt von Gewalt, Unterdrückung, der Sehnsucht nach Glück und metaphysischer Erfüllung. Denn ihre Helden, deren Existenz vor allem um den Geschlechtsakt zu kreisen scheint, besitzen merkwürdigerweise oft eine religiöse Anmutung. Sex ist nur die Spitze des Eisbergs, die Komplexität des menschlichen Daseins lagert sich in den Rätseln des Trieblebens ab. Und die Schwierigkeit steckt darin, dass stets ein anderer mit im Spiel ist.

"An Immaculate Man" heißt eine Geschichte im Original, Ein makelloser Mann wählt der Wagenbachverlag als Titel für den ersten deutschsprachigen Erzählband. Sechs der von Ingo Herzke hervorragend übersetzten zehn Erzählungen waren in England bereits 1997 zusammen mit der Geschichte "Gleißendes Glück" heraus gekommen, die bei uns gesondert erschien und Kennedy in Deutschland überhaupt erst bekannt machte. Das neue Buch enthält außerdem vier Arbeiten jüngeren Datums, wozu die Titelgeschichte gehört. "Immaculate" bedeutet nicht nur "makellos", sondern auch "unbefleckt", ein theologischer Begriff also, der an die unschuldige Empfängnis Marias gemahnt.

Es zählt zu Kennedys Eigenarten, genau diesen Bereich mit dem des Begehrens zusammen zu bringen. Denn der Held der Erzählung, ein penibler Rechtsanwalt namens Howie, entdeckt ausgerechnet auf der Herrentoilette seiner Kanzlei ungeahnte homosexuelle Neigungen. Die intime Berührung eines alten Kollegen offenbart ihm diesen Wesenszug, und nach anfänglichen Krisen wünscht sich Howie nichts sehnlicher als eben diesen Mann in seinem Bett. "Das willst du doch, oder?" fragt ihn der Kollege nach einer Weihnachtsfeier, "Nein. Nein. Nein. Oder? Ja. Ein kleines heißes Wort" endet die Geschichte, und zwischen den Satzinseln vibriert das Verdrängte. Howie war also "immaculate" im wortwörtlichen Sinne, er war sich seiner selbst gar nicht bewusst. Getrieben von einer religiösen Sehnsucht verliebte sich auch Helen Brindle aus "Gleißendes Glück" in den Psychologieprofessor Edward Gluck, der seinerseits Abgründe überwinden muss. Erst tiefer Schmerz zwingt beide zur Selbsterkenntnis und macht sie glücksfähig. Eine erfüllte Liebe hat für die schottische Autorin oft etwas mit Transzendenz zu tun. In ihrer Inbrunst ähneln Kennedys Helden mittelalterlichen Märtyrern. Dass die Schottin dabei keine Berührungsängste hat und Alltagsmenschen spirituellen Erfahrungen aussetzt, macht das Widerständige ihrer Texte aus.

Außerdem gewinnt die Autorin den Krisen ihrer strauchelnden Ehemänner, vom Pech verfolgten Hausfrauen und krawattentragenden Büroangestellten etwas zutiefst Komisches ab. Meistens beginnen die Geschichten mit einem seltsamen Detail, das sich als Chiffre für den seelischen Zustand der Figuren entpuppt. Eine junge Frau hält den Schnauzbart von Groucho Marx für echt und fällt auch sonst auf zweifelhafte Männer herein. Der unerträglich perfekte Ehegatte stößt in einer Toilettenschüssel auf fremde Fäkalien und kann sie nicht wegspülen, was das Unbehagen seiner Frau schon am Anfang der Erzählung auf den Punkt bringt. Und dem langweiligen Greg entweicht beim Anstehen im Käseladen ein Zischlaut. Sein erster Satz zu der Dame vor ihm nimmt die untergründige Bedrohung schon vorweg. "Verschont" heißt die Geschichte dann auch, und als sich eine Über-Erfüllung der Sehnsüchte abzeichnet, ist das Religiöse nicht Triebkraft, sondern Fluchtpunkt.

Im Käseladen ist Greg zum ersten Mal in seinem Leben ein Draufgänger, wird nachts in seinem öden Ehebett von Phantasien heimgesucht, verführt die fremde Frau und glaubt sich mit ihr am Ziel seiner Wünsche. Nach haltlosen Abenteuern in den Hotelbetten der Umgebung, bei denen er seiner selbst durch ein Übermaß an Sinnlichkeit abhanden zu kommen droht, greift er kopflos nach der Bibel und stielt sie. Gott ist trotz allem eine feste Größe.

Das Unbewusste ist eine Schlammgrube, es blubbert geräuschvoll herum und fordert seinen Tribut. Auch die Sozialarbeiterin Margret in A. L. Kennedys Debütroman Einladung zum Tanz (1993), der beim Steidl Verlag jahrelang in der Schublade lag und jetzt nach Kennedys Erfolg mit Verspätung heraus kommt, kennt diesen plötzlichen Fall ins Leere. Margret ist im Zug unterwegs von Glasgow nach London und freundet sich mit einem autistischen Jungen an. Während der Fahrt lässt sie ihre Gedanken zurückwandern: zu ihrem verstorbenem Vater, ihrem sadistischen Chef, der ihr die Stellung in einer sozialen Einrichtung kündigte und ihrem Freund Colin, den sie schon zwei Mal verlor.

Über eine Schreibtafel stellt sie Kontakt zu dem behinderten Kind her und dringt in dessen verschlossene Welt vor, und auf ähnlich verschlungenen Wegen findet sie Zugang zu ihrer eigenen inneren Wirklichkeit. Im Mittelpunkt des Romans steht ein grausamer Akt: Weil Colin eine hilflose Sozialhilfeempfängerin gegen einen Kredithai verteidigte, wird er brutal zusammengeschlagen, gekreuzigt zu den Klängen von Mozart. Während in den Erzählungen von Ein makelloser Mann vor allem subtile psychische Gewalt eine Rolle spielt, findet hier die Härte des Lebens in physischer Gewalt ihren Ausdruck. Weil die Heldin symbiotisch an ihren Vater gebunden ist, kann sie sich nicht tiefer auf ihren Freund einlassen. Das Motiv des Tanzes - es gibt wohl kaum ein Bild innigerer Verbundenheit - zieht sich durch den gesamten Roman hindurch. Es ist der Tanz mit dem Vater, der wie Mutter und Liebhaber zugleich für Margret sorgte und sie aus dieser Abhängigkeit nicht freigeben will.

Neben einer atmosphärisch dichten Beschreibung der 80er Jahre unter der Regierung Thatcher liefert A. L. Kennedy eine Studie privater Unterdrückungsverhältnisse. Obwohl es um die Versehrung von Menschen geht, birgt Gewalt die Möglichkeit einer emotionalen Befreiung, so als würden erst dadurch innere Ketten gesprengt, als werfe einen die Erniedrigung auf sich selbst zurück, so dass man sich wehren muss und plötzlich wieder spürt, worum es sich zu kämpfen lohnt. Am Ende ihrer Reise steht Margret am Londoner Bahnhof und weiß, dass sie bald nach Schottland zurück kehren wird. "Margret geht auf einen Ausgang zu und versinkt in strahlender Luft, verwandelt sich in einen beweglichen Schatten, dann in eine schwingende, tanzende Linie". Alison Lurie Kennedy taucht ihre Heldin in ein gleißendes Licht. Sie ist frei, zumindest für eine Weile.

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