Ein Koffer voller Sand von Franz Hodjak, 2003, Suhrkamp1.) - 2.)

Ein Koffer voller Sand.
Roman von Franz Hodjak (2003, Suhrkamp).
Besprechung von Uwe Stolzmann in Neue Zürcher Zeitung vom 8.01.2004:

Verzweiflung an der Wegkreuzung
Franz Hodjak erzählt von den Qualen des Unbehaustseins

«Das gestohlne leben, Gott, du versuchst / es nachzuholen. das land jedoch // geht dir aus dem weg. in welche richtung / wirst du dich verirren? bleib // auch du an der wegkreuzung stehn / und verzweifle.» Vor zehn Jahren schrieb Franz Hodjak diese Verse, kurz nach seiner Übersiedlung aus Siebenbürgen in die Bundesrepublik. Es war ein totaler Abschied, endgültig wie bei einem Todesfall: von allen und allem, ohne Chance auf eine Wiederkehr.

Verwunden, das zeigt sich nun, hat der rumäniendeutsche Dichter diesen Abschied nie. «Landverlust» hiess 1993 das Gedicht, genau wie die Verssammlung. Spätere Bücher nannte er «Grenzsteine» und «Ankunft Konjunktiv». Sprechende Titel: Hier artikulierte einer ein Schicksal, das symptomatisch war für das 20. Jahrhundert - Flucht, Vertreibung, Exil. Hier fand einer in der Masse der Stimmlosen die Stimme wieder, um den Nichtbetroffenen, uns, die wir nicht hören mögen, Bericht zu erstatten.

Hodjak, 1944 in Hermannstadt geboren, hatte keine Wahl. Erzogen in der «Schule des Misstrauens» und wohnhaft unter Menschen, die bei Begegnungen «mit zäher Hartnäckigkeit» schweigen, brachte ihm nicht einmal der Sturz Ceausescus Erlösung: «wir haben ihn / erschlagen. auf wen bloss laden / wir nun unsern hass?» Was blieb: Aufgabe, Abbruch. «die wörter, übernächtigt, / bitten eine fremde hand, / lehr uns gehen, / lieb vaterland.»

Seither kreisen seine Gedanken beständig um ein Thema: Identität. Siebenbürgen, das merkte er rasch, liegt für die Gastgeber am fremden Ort «weiter als China». Hermannstadt? Ein Name, ja, aber kein Begriff. «Hast du überhaupt eine Identität?» So wird 1995 der Protagonist des Romans «Grenzsteine» befragt. Nein? Dann sei er glücklich. Denn: «Jede Identität ist ein Fluch, der dich bis ans Ende des Lebens verfolgt.»

Brandzeichen, Landmarken, Heimat und Horizont sind andere Codewörter in Hodjaks Werk, genau wie Wörterbuch, Reisen, Falle und, seltsamerweise, Ekel. Seltsam? «Der Ekel ist die einzige Heimat, die ich kenne», schrieb Franz Hodjak vor wenigen Jahren. Und jetzt: «Die Einsamkeit war die Vorstufe des Ekels, nein, es war umgekehrt.» Die Quelle des Ekels bleibt ungenannt - der Abscheu des Emigranten, des ewig Fremden vor sich selbst, vor den Machthabern von gestern, vor den Demütigungen, die sie ihm zufügten, und der Tatsache, dass er sie erduldete . . . Oder Abscheu, Ekel vor der Sattheit der anderen, der neuen Landsleute im neuen Land?

Auch Bernd Burger, der Protagonist aus Hodjaks jüngstem Roman, ist ein Getriebener, Siebenbürger Sachse, mit Frau und Tochter unterwegs auf der (vor)letzten Reise. Familie Burger, «den bitteren Geschmack dieser Hoffnung» auf der Zunge, will ins Auffanglager Hamm, doch im Dreiländereck am Bodensee verirren sie sich: zu viele Grenzen, zu viele Identitäten. «Und was mach ich jetzt? Nur weiterfahren. Aber wohin? Ist mir egal.»

Es wird eine metaphorische Odyssee, zwischen Nie-abgefahren-Sein und Nie-ankommen-Werden, und jede Tunnelfahrt eine Reise durch die «lange, lange Röhre der Erinnerung». Zwei Heimaten hätten sie nun, wie spannend, meint eine Dame am Weg; nein, hätten sie nicht, erwidert Burger, sondern zwei Heimatlosigkeiten. Das einzige Gepäck des irrlichternden Trios: ein Koffer voll Sand...Fortsetzung

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Ein Koffer voller Sand von Franz Hodjak, 2003, Suhrkamp2.)

Ein Koffer voller Sand.
Roman von Franz Hodjak (2003, Suhrkamp).
Besprechung von Holger Dauer in tour-literatur.de im Mai 2003:

Die sinnlose Flucht vor Ithaka
Franz Hodjaks neuer Roman "Ein Koffer voll Sand"

Anfänglich verläuft die Fahrt noch reibungslos. Bernd Burger ist mit Frau und Tochter aus Siebenbürgen aufgebrochen, um in Deutschland ein neues Leben zu beginnen. Ziel ist das Auffanglager Hamm. Rumänien und Ungarn werden zügig mit dem Auto durchquert, aber am Bodensee verkompliziert sich die Sache: Österreich, Schweiz, Deutschland - die Länder liegen dicht beieinander, Grenzen geben sich als solche nicht zu erkennen, Passkontrollen finden nicht statt, wer soll da wissen, an welchem Punkt der Reise man gerade angelangt ist? Bernd Burger ist verwirrt, geradezu empört, dass ihm die klare Sicht auf den eigenen Standort verwischt wird.

Und so kommt es, wie es nach der grotesken Dramaturgie des Buches kommen muss: Mal ist man auf dem Weg zum Lago Maggiore und landet unversehens in Vaduz, mal schlägt man die Richtung nach Frankreich ein, um sich in Romanshorn wiederzufinden, dann wieder wird Freiburg als Etappenziel ausgewählt und steht staunend vor dem Ortsschild von Colmar. Und das alles, weil sich Melitta, die Frau, als unfähig erweist, Straßenkarten zu lesen und Bernd keine Fahrerlaubnis besitzt. Eine Odyssee, die in Beliebigkeit versandet? Eher eine Irrfahrt, die mit ihrem unausweichlichen Ende droht.

So sieht es Bernd Burger, der froh darüber ist, nicht, noch nicht ankommen zu müssen. Was wäre denn auch dieses Ankommen? Nichts als die absurde Verdopplung der Heimatlosigkeit. Dabei macht Bernd Burger die eine schon genug zu schaffen, die er ein Leben lang mit sich herumschleppt. Nein, Heimat, diesen uralten, kläglichen Mythos, hofft Bernd Burger nicht zu finden, zumal wenn die neue das verspricht, was die alte schon nicht halten konnte: Glück, Identität, Geborgenheit.

Glück? Einer, der tagtäglich damit beschäftigt war, Katastrophen aus dem Weg zu gehen, so räsonniert Burger, kann mit dem Glück nichts anfangen, selbst wenn es sich monströs vor ihm auftürmt. Identität? Diesen Stempel der Endgültigkeit, der letztgültigen Gewissheit möchte sich Burger nicht aufdrücken lassen. Geborgenheit? Nur im Zustand der Entwurzelung, der Hilflosigkeit, wachsen einem die Flügel, die man braucht, um nicht abzustürzen. So bleibt Bernd Burger ein Suchender, dem der Gegenstand seines Suchens allmählich abhanden kommt. Bernd Burger taucht ab in die Geschichte der eigenen Zuversichtslosigkeit, erkundet Vergangenheit und Gegenwart mit schielendem Blick, weil nur der dazu befähigt, das Verlockende der Welt aufzuspüren, das sich irgendwo jenseits der öden Daseinsrealität eingegraben haben muss.

In Hotelzimmern und Gartenlokalen blickt Burger auf ein gar nicht so altes Leben zurück, das, an gerader, einst real existierender Schnur aufgezogen, voller Brüche, existentieller Ungereimtheiten, unerfüllter Sehnsüchte steckt. Die Erinnerungen helfen ihm, auch wenn - oder gerade weil - sie sich zu keinem Heimatbild zusammenfügen. Aber sie ermöglichen eines: die messerscharfe Analyse dessen, was gewesen ist, den emotionsbefreiten Blick auf zerstörte Lebensentwürfe, etwa auf den des alten Studienfreundes Marian, mit dem Burger einst im tristen Alltag des Ceausescu-Sozialismus so etwas wie einen kurzen Sommer der Anarchie erlebt und der aus scheinbar unerfindlichen Gründen seine idealistische Vergangenheit an den Nagel gehängt hatte - ein zum Leisetreter mutierter Sonderling. Freilich ein Leisetreter, der sich als Propagandist für die Securitate mit dem polternden Stiefelschritt der Staatsautorität auf den Weg machte, stets auf der Suche nach Menschen, die ihm in seiner geschichtslos gewordenen Gegenwart Gesellschaft leisten. Burger hat damals dankend abgelehnt, sich den betörenden Lockrufen der Macht und der Aussicht auf ein materiell verbessertes Leben verweigert.

Was bleibt einem Menschen, der als glücklichste Zeit seines bisherigen Lebens den komatösen Zustand ausmacht, in dem er sich einmal nach einer Beinoperation zwei Tage lang befunden hat? Der Zynismus als Filter der durchlebten rumäniendeutschen Wirklichkeit. Die Sprache, die dazu da ist, das aufzuzeichnen, was alles aufgegeben wurde in diesem Leben. Schließlich: das Recht auf Angst, immerhin ein Recht. Und dann noch der Ekel, als Vorstufe der Einsamkeit. Für den Helden von Hodjaks letztem Roman "Der Sängerstreit" (2000), den siebenbürgischen Pferdehändler Klingsor, war der Ekel immerhin noch die letzte mögliche Heimat. Selbst diese kleinste aller trügerischen Hoffnungen bleibt Bernd Burger verwehrt.

Nur die Erkenntnis nicht: dass die Flucht vor Ithaka, vor dem Ankommen, im Grunde nur ein unsinniges Abenteuer war, dem die Kapitulation auf den Fuß folgen musste: Die Ankunft ist nicht mehr länger hinauszuzögern, die Familie landet im Aussiedlerlager in Hamm. Jetzt, darüber ist sich Bernd Burger im Klaren, beginnt die eigentliche Irrfahrt. Weggehen ist kein Heimatverlust, Ankommen kein Heimatgewinn. Das ist die tragische Erkenntnis Burgers. Und Tragik, das weiß keiner besser als Franz Hodjak, ist die beste Brutstätte grotesker Komik, einer Komik, die nur jener entwickelt, der sich der Absurdität des Daseins bewusst ist.

Franz Hodjak, 1944 in Klausenburg geboren, 1992 als letzter der bekannten rumäniendeutschen Autoren in Deutschland eingetroffen, macht es seinen Lesern nicht leicht. Seine Prosa ist von ausgefeilter Sperrigkeit, sprödem Charme und verzweifelter Komik, umhüllt von glasklarem Metaphernnebel. Sie zieht den Leser geradezu unweigerlich in den Bann ihrer erschreckenden Aufrichtigkeit, macht beklommen, zuweilen ratlos. Hier schreibt einer, weil er schreiben muss, um sich der Ungewissheiten des eigenen, lange Zeit fremd bestimmten Lebens zu vergewissern, der vielleicht darauf hofft, dass ihm ein paar Bruchstücke der erlittenen Lebenswidersprüchlichkeit ins löchrige Netz gehen. Sicher: Es ist ein Erzählen gegen die Windmühlen erratischer Erinnerungsblöcke. Gerade deshalb werden wir noch weitere Bücher zum Thema von Hodjak zu erwarten haben. Und das ist gut so.

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