Ein Kirschkern im März von Peter Kurzeck, 2004, StroemfeldEin Kirschkern im März.
Roman von Peter Kurzeck (2004, Stroemfeld).
Besprechung von
Michael Buselmeier in Die Zeit, 19.5.2004:

Jedes Ding fängt jetzt zu reden an
Peter Kurzeck schreibt um sein Leben

Peter Kurzeck schreibt um sein Leben. Gegen den Tod und das Vorrücken der Zeit ankämpfend, versucht er, noch die fernsten Details seiner Jugendgeschichte ans Licht zu ziehen und so zu retten. 1997 erschien mit Übers Eis der erste Band eines ursprünglich auf vier, inzwischen auf sieben Bücher geplanten autobiografischen Romanzyklus. Unter dem Titel Als Gast kam im vergangenen Jahr, 431 Seiten stark, Band zwei heraus. Der nun vorliegende dritte Band, Ein Kirschkern im März, schließt, weitere 282 Seiten umfassend, unmittelbar an den vorhergehenden an. Nicht nur treten dieselben Personen auf, dieselben Schauplätze, auch die (Leit-)Motive und Bilder gleichen einander zum Verwechseln, selbst die Titel sind austauschbar.

Als Gast lauten denn auch die ersten beiden Wörter des neuen Buchs, das, wie seine Vorläufer die Einzelheiten wieder und wieder benennend, davon berichtet, was dem nahezu unbekannten Schriftsteller Peter Kurzeck zwischen Ende November 1983 und Mitte April 1984 geschehen ist: nichts weniger als die Zerstörung seines Lebensplans. Nachdem er gerade seine Halbtagsstelle in einem Antiquariat verloren hat, trennt sich Sibylle, mit der er ein Kind hat, nach neun Jahren gemeinsamen Lebens von ihm. Er muss die Wohnung im Frankfurter Stadtteil Bockenheim verlassen und bei fremden Leuten eine Abstellkammer beziehen, nicht viel mehr als das Manuskript seines Dorfromans Kein Frühling, der 1987 erscheinen wird, mit sich tragend.

Ein nie versiegender Trennungsschmerz, eine Wunde, die sich jedoch auch als Quelle der Produktivität erweist: „Gut festhalten erst den Schmerz und dann die Erinnerung an den Schmerz!“ Was den Ich-Erzähler neben dem Schreiben am Leben hält, ist die enge Verbindung mit seiner viereinhalbjährigen Tochter Carina, die er weiterhin jeden Morgen in den Kinderladen und abends zu Bett zu bringen sich müht.

Sprache in kühner Bewegung, Wort um Wort, Satz um Satz

Ein Märztag 1984. Peter, der Erzähler, in eine freundlichere Wohnung umgezogen, die ihm Bekannte aus dem Kinderladen für einige Zeit umsonst überlassen haben, fühlt sich vorerst „gerettet“, ist aber „immer noch fassungslos“. Es geht ihm erbärmlich, Lederjacke und Schuhe sind zerrissen, er muss jeden Pfennig umdrehen. In dieser Notlage verweigert ihm der Deutsche Literaturfonds in Darmstadt ein Stipendium. Die Handlung bleibt – wie stets bei Kurzeck – auf ein Minimum reduziert. Kein mitreißender Plot, auch kein Versuch, das Weltgeschehen zu reflektieren, und sei es aus der Perspektive der Frankfurter Spontiszene, in deren längst brüchigem Bannkreis der Erzähler verkehrt. Nur Sprache in kühner Bewegung, Wort um Wort, Satz für Satz, Wahrnehmungen und Erinnerungen durcheinander gemischt. Jedes Buch knüpft am vorherigen an und immer so weiter, ein einziges endloses Werk, in welchem mal mehr vom Herkunftsdorf die Rede ist, mal mehr von der Großstadt, die beinahe ebenso liebenswert kleinteilig wie das Dorf vorgestellt wird, ein wenig heruntergekommen, aber nicht aggressiv, ungefährlich: Bockenheim, das Westend, das Bahnhofsviertel.

Wenn Peter gerade nicht schreibt, wenn er auch nicht über das Schreiben oder über das Vergehen der Zeit nachdenkt, huscht er mit Carina oder auch allein, redend oder im Selbstgespräch durch die nachwinterlichen Straßen und beobachtet. Er bemüht sich, tendenziell alles festzuhalten und nichts zu vergessen – kein Schneeglöckchen, keinen Penner am Büdchen, keinen Kirschkern vom vergangenen Jahr. Und übergangslos erinnert er Augenblicke oder richtiger: Er erfindet sie neu, die weit zurück in seine Flüchtlingskindheit in dem oberhessischen Dorf Staufenberg reichen und die sommerliche Atmosphäre im „Schindgraben“ beschwören.

Es ist ein vielfach verwobener Monolog, an welchem der aus Böhmen stammende Dichter unablässig arbeitet, in einem dichten, assoziativen Stil, einem fließenden Rhythmus, der einen eigentümlichen Sog erzeugt. Während der Erzähler wie ein „eiliger Schatten“ durch Frankfurt ruckt, kommt auch die Sprache ins Springen und Laufen, und jedes beliebige Ding fängt zu leuchten an: „Hüpft nichts je so leicht vor dir her wie ein Kirschkern im März!“ Das hat manche an Joyce und Döblin, andere an Arno Schmidt oder Uwe Johnson erinnert (dessen Tod übrigens im Buch beklagt wird). Doch Kurzecks Werk ist eigenständig und er ein Autodidakt, der monomanisch bis zur Erschöpfung (auch des Lesers) nur seiner Intuition folgt.

„Für den Leser, der sich durch diese Bände vorangearbeitet hat, mit Hochachtung vor der poetischen Kraft des Autors und gelegentlichen Glücksgefühlen bei überraschenden Funden, stellt sich am Ende, „müd auf den Abend zu“, die Frage, warum eigentlich Sibylle den allzeit hilfsbereiten Peter so gnadenlos an die Luft gesetzt hat, mitten im Winter und offenbar auch ohne Vorwarnung. Was ist da geschehen? Der tief Verletzte, der sonst freimütig über fast alles zu sprechen scheint, gibt auf diese Frage keine Antwort, er spart sie einfach aus.

Die drei bislang erschienenen Bände hat Kurzeck seiner Tochter Carina gewidmet; es sind Botschaften an sie, die geheime Hauptfigur – für die heutige junge Frau keine leichte Bürde. Nie hat sie, wenn man der Darstellung glauben will, als Kind irgendwelche Schwierigkeiten gemacht, sondern stets neugierig, ja übermäßig verständig reagiert, selbst auf die wiederholte Aufforderung des Vaters, sich alles ganz genau einzuprägen: „Damit du dir diesen Augenblick und den heutigen Tag, die Fahrt und dich und dein Leben merkst.“

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

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