Ein Kind essen von Christian Geissler, 2001, RotbuchEin Kind essen.
Liebeslied von Christian Geissler (2001, Rotbuch).
Besprechung von Detlef Grumbach in der Frankfurter Rundschau, 3.1.2002:

Angst essen Seele (aber nicht ganz) Christian Geisslers denkwürdiges Liebeslied "Ein Kind essen"

Kargow aus Rostock hatte seinem Freund Ole Blessie aus einem Dorf bei Leer vorgeschlagen, auf ihre alten Tage noch gemeinsam ein Kinderbuch zu schreiben. Ole Blessi lehnt ab. Sofort hat er die Bilder vor Augen, auch den kleinen Alex aus seiner Nachbarschaft. Alex' Eltern, Silvi und Honken, haben eine kleine Autowerkstatt. Bis zur Erschöpfung kämpfen sie, um den Banken die Kredite zurück zahlen zu können. Sie frisieren die Luxusschlitten ihrer großstädtischen Kundschaft, das abgöttisch geliebte Kind immer dabei. So atmet Alex täglich Metallstaub und Lackdunst ein, wird krank und stirbt am Ende elendig. Zugleich stürzen die Bilder der Vergangenheit auf Ole Blessi ein. Die Transportzüge der Nazis in die Lager: "der malach jagt im transport ab drancy, heute der jahrestag, jacques wlademirsky, daniel szulz, lydia kirzner, die tage und nächte aus kot. und ein kind, das mitten im viehkarren saß zwischen toten, das lallte verträumt: und das fährt und das fährt und das fährt. dadadam dadadam dadadam. das war unser kind, kargow. es ist getötet, alle farben versammelt in seiner asche aus grau. / ja. / deswegen. / Nein."

Nannte der 1928 geborene Geissler seine letzte Prosaarbeit - Wildwechsel mit Gleisanschluss - im Untertitel ein "Kinderlied", so wird Ein Kind essen jetzt als "Liebeslied" bezeichnet: Gemeint ist ein sich fast über ein Jahr erstreckender Briefwechsel der beiden alten Kommunisten und Spanienkämpfer Ole Blessie und Kargow. Beide sind über siebzig, und das Alter macht ihnen zu schaffen.

Schon in Wildwechsel - aus diesem Buch kennen wir die Figuren bereits - werden sie von apokalyptischen Bildern aus der Nazi-Zeit und der Gefahr eines neuen Faschismus bedrängt. Jetzt erzählt Ole Blessie in langen, immer wieder um ein Postskriptum und noch ein Postpostskriptum ergänzten Briefen, was er in seiner Umgebung beobachtet: wie der nach dem polnischen KZ, in dem er als Bewacher gearbeitet hatte, benannte Opa Wlodawa, der nach einem polnischen KZ so genannte alte Nazi, im "Sparkassenschatten" seinen Lebensabend genießen kann; wie Honken und Silvia sich Tag und Nacht abrackern und Alex stirbt.

Kargow berichtet von den Zuzügen aus dem Westen, die in den neuen Bundesländern ihre Geschäfte machen und von dort aus die Fühler Richtung Osten ausstrecken; von Asylanten, die schikaniert und verfolgt werden, aber auch von seiner täglichen Gegenwehr, von der Solidarität. Er bleibt Optimist und versucht immer wieder, Ole Blessi in seiner düsteren Weltsicht zur Raison zu bringen: "Ich bitte dich, das Wirkliche nicht zu verweigern, denn sonst, alsbald, verweigerst Du Dich Dir selbst. Und erinnere Dich, der bin auch ich. (...) Bitte lerne einfach, Deine Trauer von Deiner Faulheit zu unterscheiden. (...) Es geht alle Liebe nur fleißig." In den Schreibfluss der (Liebes-)Briefe sind die an den Wahnsinn rührenden, assoziativen Fetzen von inneren Monologen und Rechtfertigungen Honkens und Silvias: "nicht mehr und nicht weniger wäre besser will ja auch niemand von uns steht keiner auf schöne gefühle müsste man haben den schatten verkauft! für geld tu ich alles alle essen wir unsere kinder."

Kargow glaubt an die Liebe, die zum zentralen Motiv des Textes wird, weit über die Liebe der beiden Alten zueinander hinaus. Er bringt sie zur Sprache, und sei es nur in der zärtlichen Beschreibung eines kleinen Hundes. Ole Blessi dagegen wird getrieben von der Angst.

Er empfindet Schmerz, wenn er beobachtet, wie äußere Zwänge diese Liebe zerstören, die Menschen buchstäblich kalt machen. Denn die Liebe zum Leben, die Liebe zu den Menschen ist der einzige (und damit auch unvernünftige) Grund für seine Lebensentscheidungen: dafür, dass er Kommunist geworden ist, gegen die Nazis gekämpft hat, sich heute um seine Nachbarn sorgt.

In seinem ersten Roman Anfrage (1960) hat Geissler nach der Schuld und Verantwortung der Väter im Nationalsozialismus gefragt. In Kalte Zeiten (1965) hat er gezeigt, wie ein junges Paar seine Liebe und seinen Traum vom Glück der alltäglichen Konkurrenz und dem Konsum opfert. Neben einigen Gedichtbänden legte Geissler drei Romane vor - darunter kamalatta aus dem Jahr 1988 -, in denen er sich mit der politischen Gewalt beschäftigt. Von einer realistischen Erzählweise hat er sich dabei immer weiter entfernt.

Charakteristisch für Ein Kind essen ist die Erfahrung der Ohnmacht. Es wäre aber kein Liebeslied, wenn es entgegen dem düsteren Titel ohne Vertrauen in den Menschen und ohne Zuversicht wäre: "es gibt auch in mir eine lust auf den strick", schreibt Ole Blessie einmal. Aber bei aller Verzweiflung ist eben nicht nur der Strick zum Aufhängen gemeint, sondern auch die Drachenschnur, "an der hinauf hinauf, aus vielen farben aufleuchtend, hoffnung fliegt, hoch hinaus steigt, und höher, fest in der hand eines kindes."

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