Ein Kind der Liebe von Doris Lessing, 2004, HoCa

Ein Kind der Liebe.
Roman von Doris Lessing (2004, Hoffmann & Campe
- Übertragung Barbara Christ)
Besprechung von Gerd Fischer aus der NRZ vom 12.04.2005:

Logbuch der Neugier
Doris Lessing führt mit "Ein Kind der Liebe" Lebenswege und Schiffsreisen zu einem Epochenbild zusammen.

Es ist kaum zu fassen, mit welcher Eindringlichkeit Doris Lessing die Atmosphäre, die Redensweisen, die Gebräuche gesellschaftlicher Schichten auszumalen versteht, und zwar so, dass auch noch ein Epochenbild daraus wird. Ein solches Meisterstück ist ihr mit der Novelle "Ein Kind der Liebe" gelungen, die titelgebende Geschichte eines soeben erschienenen Buches mit drei Erzählungen der in Rhodesien aufgewachsenen und mit dreißig Jahren nach England gekommenen Autorin.

Zickzack auf dem Atlantik

Südafrika spielt denn auch diesmal eine große Rolle. Denn in Kapstadt wird die "Bristol Castle", ein mit 5000 Soldaten aus England kommender Truppentransporter auf dem Weg nach Indien, für einige Tage vor Anker gehen, nachdem sie viel zu lange im kleinen Geleitzug auf dem Atlantik Zickzack gefahren, die Nahrung und das Wasser fast zu Ende und die Kraft der Männer am Ende ist. Das gastliche Kapstadt wird sie aufpäppeln mit medizinischer Fürsorge, aber auch mit einer Gastfreundschaft, die die ganze Stadt aus dem Häuschen bringt. Eine Gartenparty reiht sich an die andere, und James, dem Helden der Geschichte, fällt auch die Leidenschaft einer verheirateten Frau zu. Dass er dabei ein Kind der Liebe zeugt, wird er erst geraume Zeit später, im Lager in Indien, beiläufig von einem Unbeteiligten erfahren. Seine Mühen, auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, diesen Sohn leibhaftig zu Gesicht zu bekommen, scheitern.

Natürlich: ein klassischer Fall. Durch Nacht zum Licht, aber das Glück lässt sich nicht zwingen. Aber mit diesem schlichten Plot führt uns Doris Lessings Beobachtungs- und Erfindungsreichtum von Schauplatz zu Schauplatz, und bei jeder Biegung um die nächste Ecke wird unsere Neugier größer. Herausragend ihre Schilderung der Schiffsfahrt von England nach Südafrika, wie das Meer zum Feind wird, wie die Männer wund vom Salzwasser werden, wie der Durchfall um sich greift, wie die Offiziere ihre Kabinen mit den Mannschaften teilen müssen, wie die Sonne unerträglich brennt und zwischen all dem immer die Angst steht, die Angst vor dem Torpedo deutscher U-Boote.

Zuvor haben wir das Vorkriegs-England und sein Kleine Leute-Milieu - James´ Milieu - schon kennen gelernt. Und wir werden die Üppigkeit der blühenden Gärten Kapstadts ebenso intensiv kennen lernen wie noch eine Überfahrt später die endlosen Wartezeiten in den indischen Armeelagern mit ihrem Drill, ihren Latrinen-Parolen und Frontbetreuungsabenden und dem wachsenden Unmut über den Aufenthalt in einem Land, in dem der Unabhängigkeitskampf bereits begonnen hat und ortsansässige grauhaarige Colonels nur noch Relikte des Empire verkörpern.

Erotische Vergnüglichkeit

Die beiden anderen Erzählungen erreichen bei weitem nicht die Kraft der Geschichte von James. "Die Großmütter" erzählt von zwei Frauen, denen auf verschiedene Art die Männer abhanden kamen und die sich nun mit dem Sohn der jeweils anderen trösten - ein schwebeleichtes Stückchen von einiger erotischer Vergnüglichkeit.

Da ist dann "Victoria und die Staveneys", die Erzählung von einem armen kleinen schwarzen Mädchen in London und ihre Einwanderung in eine betuchte Gutmenschen-Familie vor allem der Schilderung bürgerlicher Innenseiten wegen doch noch amüsanter und gewichtiger. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0405 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung