Ein Kapitel aus eminem Leben von Barbara Honigmann, 2004, Hanser1.) - 3.)

Ein Kapitel aus meinem Leben.
Roman von Barbara Honigmann (2004, Hanser).
Besprechung von Sibylle Birrer in Neue Zürcher Zeitung vom 25.09.2004:

Weltgeschichte nebenher
Ein Buch der Erinnerungen von Barbara Honigmann

Genau davon ist wenig die Rede: von jenem einen Kapitel aus dem Leben der Mutter. Vielmehr bildet jenes Kapitel eine beredte Leerstelle, um die sich das Erinnern gruppiert - eine Leerstelle aus professioneller Verschwiegenheit und fein ziselierter Scham. «Ein Kapitel aus meinem Leben» heisst der siebente und jüngste Prosaband von Barbara Honigmann. Knapp 140 Seiten schickt die Autorin dem Topos hinterher, mit dem ihre Mutter stets die bemerkenswerteste Leerstelle in ihrer Biografie zu umschreiben und umgehen wusste. Dabei entsteht nicht nur ein berührendes und unterhaltsames Porträt einer eigenwilligen Frau, sondern auch ein vielschichtiges Zeitbild, in dem sich individuelle Widersprüche in den Paradoxien der Zeitgeschichte spiegeln.

Bruchstücke

Seit bald zwei Jahrzehnten arbeitet Barbara Honigmann an ihrer ganz eigenständigen, unverwechselbaren Poetologie des Erinnerns. Stets ist ihr Schreiben - enthüllend und verhüllend - autobiografisch geprägt. Unablässig ist es ein Tasten nach Wurzeln und Identität, angeführt von inhaltlicher Verpflichtung und artistischer Freiheit, begleitet von Lakonik und Melancholie.

1949 wurde Barbara Honigmann als Tochter deutsch-jüdischer Emigranten, welche der nationalsozialistischen Verfolgung durch das Exil in England entkommen waren, in Ostberlin geboren. Während die Eltern, einst überzeugte Kommunisten, ihre Identität aus Ideologie und Gegenwart konstituierten, machte sich die Tochter bald einmal auf die Suche nach den Bruchstücken ihrer jüdischen Familien- und Lebensgeschichte, die im Fluss der Assimilation verloren zu gehen drohten. 1984 verliess sie die DDR und lebt heute, als Schriftstellerin und Malerin, in Strassburg - so nah und doch so fern von Deutschland.

Vaterbücher und Mutterbücher sind derzeit «en vogue». Im Grunde hat Barbara Honigmann beides längst geschrieben. «Eine Liebe aus nichts» hiess 1991 der schmale Roman, der eindringlich - traurig und komisch zugleich - vom doppelten Verlust erzählte: vom Vater und von der Utopie. Mit «Der Untergang von Wien» widmete sie der Mutter 1999 im Erzähl- und Essayband «Damals, dann und danach» ein ebenso parabolisches Porträt. Jetzt erhält dieses Bild mit «Ein Kapitel aus meinem Leben» nicht nur präzisere Konturen und erweiterte Schraffuren, sondern auch eine Tiefenwirkung, welche die biografische Literatur auszeichnet: Radikale Subjektivität bringt die Zwischentöne der Historie zum Klingen.

Lizzy Honigmann, geborene Kohlmann, hält nicht viel vom Erinnern. Nicht einmal die Jahreszahlen ihrer drei Ehescheidungen will sie kennen. Zeitlebens wirkt sie der Rekonstruktion von Vergangenheit entgegen, indem sie ihre Spuren samt biografischen Eckdaten verwischt. Briefe werden zerrissen, unbeschriftete Fotografien geraten in einem Pappkarton durcheinander - selbst ihr Geburtsdatum hält Lizzy Honigmann, stilgerecht, im Ungefähren. «Verschwiegenheitssüchtig» sei die Mutter, meint der Vater - trotzdem auch ein «Plappermaul», «hingebungsvoll und zugleich zurückhaltend» ergänzt die Tochter. Und weil die Annäherung an die Mutter erst in der Aufhebung des Widerspruchs möglich scheint, sammelt die Tochter postum eine Vielzahl von Gründen dafür: Emigration und Spionage, selbstauferlegte «Contenance» und subjektive Erregbarkeit, politischer Realitätssinn und persönliche Träumerei. Wohl entsteht durch die Erinnerungssammlung ein beeindruckender Katalog der Ambivalenzen. Aber Schlüssiges ergibt sich daraus - ganz und gar menschlich und erleichternd ehrlich - nicht.

Sinnigerweise hat sich die Tochter das biografische «Understatement» der Mutter literarisch zu eigen gemacht. Denn nur nebenher erzählt sie von jenem «Kapitel», das vordergründig aus der zeitgeschichtlichen Erfahrung der verschonten und zugleich versehrten Generation ihrer Eltern herausragt: Während der Kriegsjahre war die Mutter mit dem britischen Meisterspion Kim Philby, dem legendären Doppelagenten in sowjetischen Diensten, verheiratet. Hat sie, wie Philbys Biografen behaupteten, bei dessen Anwerbung durch den KGB eine wesentliche Rolle gespielt? Hat Lizzy Honigmann zum Verrat atomarer Geheimnisse und damit letztlich zum Wettrüsten im Kalten Krieg beigetragen?

Paradoxe Wirklichkeit

Was die Mutter verschwiegen hat, umspielt die Tochter mit den Zuspitzungen und fragmentarischen Zuschreibungen des Erinnerten. Bewusst hat Barbara Honigmann für ihre «Recherchen» Dokumente, Archive und Zeugenberichte ausser acht gelassen. Konsequent hat sie ihre literarische Perspektive gewählt: Massgebend ist die Augenhöhe des einstigen Kindes, dessen Blick sich zwar im Erwachsenwerden weitet, schärft und an eigenmächtigen Reflexionsstufen und -tiefen gewinnt. Doch neben der hermetischen Grösse der Mutter bleibt das Kind immer Kind - in der Beziehung zwischen Mutter und Tochter scheint die Distanz durch die unterschiedlichen und zugleich verquickten Lebenserfahrungen unüberwindbar.

Mäandernd, in Schlingen und Schlenkern der Zeitachse entlang, skizziert Barbara Honigmann in «Ein Kapitel aus meinem Leben» immer neue Mutterporträts. Behende wechselt die Tochter Hintergründe und Kontexte. Gekonnt konzentriert sie biografische Stationen zu kleinen, aber scharf konturierten Sittengemälden einer Zeit, die zwischen Auflösung, politischer Neukonstitution und desillusionierender Realitätsfindung eine Vielzahl von Biografien korrumpiert. Denn vermeintlich nebenher, aber umso evidenter erzählt Barbara Honigmann nicht nur von der Mutter, sondern von einer Generation, die sich in der paradoxen Wirklichkeit jener politischen Utopie zurechtzufinden hat, die sie selbst erkämpft hat.

Glanzvoll in der Schilderung ihrer Widersprüche, ganz und gar ambivalent in ihrem Tun und Lassen leuchtet die Figur der «verschwiegenheitssüchtigen» Lizzy Honigmann aus der literarischen Zeitgeschichte hervor. «Sie hat mich geboren, und nun setze ich sie wieder als Legende in die Welt. Kurz hinter der Wahrheit und dicht neben der Lüge, so wie es ihr Credo war», schreibt Barbara Honigmann auf den letzten Seiten von «Ein Kapitel aus meinem Leben». So souverän und zugleich liebevoll muss man die Freiheiten des biografischen Schreibens erst einmal auszureizen wissen.

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Ein Kapitel aus eminem Leben von Barbara Honigmann, 2004, Hanser2.)

Ein Kapitel aus meinem Leben.
Roman von Barbara Honigmann (2004, Hanser).
Besprechung von Jochen Vogt aus der NRZ vom 26.01.2005:

Das Familiengeheimnis
"Ein Kapitel meines Lebens": Barbara Honigmann erkundet, was der Meisterspion Kim Philby vom MI 5 mit ihrer verschwiegenen Mutter zu tun hatte - sie waren verheiratet.

Barbaras Honigmanns Eltern waren als jüdische Antifaschisten aus dem englischen Exil in die neue DDR zurückgekehrt, wo ihre Tochter im Gründungsjahr 1949 geboren wurde und später als Theater-Dramaturgin tätig war. In einer Reihe von Büchern, die zwischen Autobiographie und Roman balancieren, hat sie ihren Rück-Weg aus dem Arbeiter- und Bauernstaat zu ihren "Wurzeln" beschrieben: zum religiösen Judentum. Ein Weg, der sie 1984 in die Jüdische Gemeinde in Strasbourgh führte. Das neueste Büchlein fügt nun ein bislang ausgespartes "Kapitel aus meinem Leben" hinzu, das auch eines aus dem Leben der Mutter ist - ein verschwiegenes Kapitel, was mit ihrer starker, fast zwanghaften Neigung zum Geheimen zusammen hing, deren persönliche wie historische Gründe hier offengelegt werden. Die Mutter, Elisabeth oder Litzy Kohlstadt aus Wien, war eine ebenso attraktive wie kokett-chaotische und "rätselhafte" junge Frau, die ihr wahres Wesen und ihre Ziele hinter einem unendlichen Spiel von immer neuen Rollen, Haarfarben und Freunden verbarg. Da sie auch rückwirkend ihre Lebensspuren zu tilgen versuchte, fällt es ihrer Tochter nicht leicht, ihre Geschichte zu schreiben. Denn in deren Zentrum steht das Familiengeheimnis: Dass Litzy Anfang der 30er Jahre, also vor ihrer Ehe mit Herrn Honigmann, mit einem Engländer namens Kim Philby verheiratet war (der sich dann 1942 von ihr scheiden ließ). Dieser Philby aber, das wissen die Zeithistoriker und die Fans von Spionagegeschichten, war der "Maulwurf" schlechthin, der sowjetrussische Spion in der Kommandozentrale der britischen Spionageabwehr MI5, dessen Enttarnung 1963, mitten im Kalten Krieg, eine weltpolitische Erschütterung auslöste.

Kurz hinter der Wahrheit und dicht neben der Lüge

Wer sich aber dafür gar nicht interessiert, der hält hier immer noch eine außergewöhnliche und lesenswerte Mutter-und-Tochter-Geschichte in Händen. Das Verschweigen der Vergangenheit, für das Frau Honigmann, geschiedene Philby, sehr handfeste Gründe hatte (besonders die Neugier der westlichen Geheimdienste), war ihr aber in Fleisch und Blut übergegangen. Und damit hat auch die schreibende Tochter ein Riesenproblem, weil die Mutter auch ihr gegenüber fast bis zuletzt verschwiegen bleibt.

Sie macht daraus das Beste, indem sie die Lücken und die Ungewissheiten der Familiengeschichte nicht verdeckt, sondern benennt, die wenigen sicheren Fakten und die vielen Vermutungen auseinanderhält: "kurz hinter der Wahrheit und dicht neben der Lüge" (wie es von der Mutter heißt).

Wir kennen aus den achtziger Jahren eine Reihe von Büchern, in denen deutsche Töchter und Söhne sich mit ihren (Nazi-)Eltern auseinandersetzen, meist eher feindselig. Hier haben wir ein Seitenstück dazu. Es wird aus einer ungewöhnlichen Perspektive erzählt, was unser Interesse wecken mag, aber auch aus einer neugierigen, nicht verkniffenen, sondern aus einer entspannten, gar liebevollen Haltung heraus. Das sichert hier letztlich die literarische Qualität. (NRZ) 

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Ein Kapitel aus eminem Leben von Barbara Honigmann, 2004, Hanser3.)

Ein Kapitel aus meinem Leben.
Roman von Barbara Honigmann (2004, Hanser).
Besprechung von Roland Mischke aus den Nürnberger Nachrichten vom 26.02.2005:

Lizzy und der Blick ihrer Tochter
„Ein Kapitel aus meinem Leben“ - Barbara Honigmann erzählt von der Familie

Ein schmales Buch, aber ungeheuer welthaltig. Schon viele Autoren deutscher Zunge haben deutsche Geschichte anhand ihrer eigenen Familiengeschichte dargestellt, aber selten so eindringlich wie Barbara Honigmann. Die 1949 in Ost-Berlin Geborene verließ die DDR 1984 und lebt seither mit ihrer Familie in Straßburg. Bekannt wurde sie vor allem mit „Roman von einem Kinde“ (1986) und „Alles, alles Liebe“ (2000).

„Du sollst nicht lügen, aber wenn du lügst, dann lüge so nah wie möglich an der Wahrheit“, lautete das Motto von Lizzy Kohlmann, der Mutter der Autorin. Die aktive Kommunistin kümmerte sich in den 30er Jahren bei der Internationalen Arbeiterhilfe in Wien um illegale Flüchtlinge vom Balkan, brachte sie unter, versorgte sie. Dafür wurde sie inhaftiert. Nach der Haft lernte sie den englischen Studenten Kim Philby kennen, Verbindungsmann zwischen dem Untergrund und der Kommunistischen Internationale.

Philby avancierte bald darauf zu einem der erfolgreichsten Spione der britischen Abwehr gegen die Nazis, stand aber zugleich in Diensten des stalinistischen Geheimdienstes KGB in Moskau. Lizzy und Kim gaben sich 1934 das Ja-Wort, Lizzy ließ sich ebenfalls von den Sowjets anheuern. Das Ehepaar lebte in London und Paris eine äußerlich bürgerliche Existenz auf großem Fuß. Wie es hinter den Kulissen aussah, das hat Barbara Honigmanns Mutter der Tochter erst kurz vor ihrem Tod erzählt — eine unerhörte Geschichte aus Täuschungsmanövern, Vorspiegelungen und Verschlagenheit und Überlebenskamp in finsterer Zeit. Honigmann gelingt es, das verschwiegene Kapitel in hoher literarischer Qualität aufzuarbeiten.

Die Ehe mit Kilby wurde 1946 geschieden, die beiden sahen sich nie wieder. Die Mutter warf diesen Rucksack so rigoros ab wie anderes Gepäck der Vergangenheit. Lizzys Radikalität zieht sich durch das gesamte Buch, wie viel individuelle Weltgeschichte in einem Frauenleben! Lizzy heiratet den Journalisten Georg Honigmann, Barbaras Vater. Der großbürgerlich-hessische Jude war vor den Nazis nach England geflohen, ging nach dem Krieg in die Sowjetisch Besetzte Zone und baute dort die linientreue DDR-Presse auf. Seine Funktionärsborniertheit hat dazu beigetragen, dass die Tochter schon als Halbwüchsige mit dem Regime nichts zu schaffen haben wollte. Barbara Honigmann beschreibt in Szenen und Wortwechseln den Kontrast zwischen den Eltern, die meinten, endlich im richtigen Staat zu sein, und ihr, dem Kind, das sich in der DDR heimatlos fühlte.

Das Buch, das ein Politthriller hätte werden können, ist eine Mutter-Tochter-Geschichte. Die zwei Frauen gleich einander ab, messen sich. Hier die lebenslustige Mutter mit ihren drei Ehemännern und zahllosen Liebhabern, weltläufig, polyglott, materialistisch, mit Zugang zu westlichen Modemagazinen und der Möglichkeit, einmal im Jahr nach Wien zu fahren, um Abstand zum DDR-Muff zu finden. Dort die Tochter, die zum Studium nach Moskau entstandt wird, die schon früh die jüdische Tradition ihrer Vorfahren erforscht - mit der die Eltern rigoros gebrochen hatten - und sich nach Bindung und Zugehörigkeit sehnt. Da eine, die nimmt und wegwirft und eine, die ihren Platz sucht.

Barbara Honigmanns Rückblick ist ratlos, aber nicht moralisch. Urteile werden in diesem Buch nicht gefällt, vielmehr erzählt es aus einem innerfamiliären Blickwinkel die verrückte Geschichte des 20. Jahrhunderts. 

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