Ein
Intellektueller im Europa des 14.Jahrhunderts.
Buch über Francesco
Petrarca (2003, Hanser, hrsg. von Karlheinz Stierle).
Besprechung von Maike
Albath in der Frankfurter Rundschau, 19.11.2003:
Petrarca ist ein Dichter der Anfänge. Man stellt
ihn sich unweigerlich als einen elegant gekleideten Herrn vor, der gemächlich
durch die Landschaft streift, dann und wann innehält, den Blick in die Ferne
schweifen lässt, ein Büchlein zückt und einen Vers hinein schreibt. Oder man
sieht ihn in seinem Arbeitszimmer hinter einem Pult kauern, wie er über
wertvolle Codices gebeugt seine Studien treibt, hinter ihm ein offenes Fenster,
durch das man die umliegenden Hügel erkennt. Jemand, der unermüdlich liest,
schreibt und dichtet, mit halb Europa brieflich in Verbindung steht, im Auftrag
der Mächtigen umher reist, aber immer wieder den Rückzug in die Einsamkeit
sucht. Ein Gelehrter, Befürworter der vita solitaria, ein Mann, der fortwährend
geht, schreitet, in Bewegung ist: "Solo et pensoso i più deserti campi /
vo mesurando a passi tardi et lenti", "Allein und sinnend durch die öd'sten
Lande / Zieh ich mit langsam abgemessnem Schritte..." Aber was wissen wir
wirklich von diesem Mann?
Wir haben Bilder im Kopf, die sich, angeregt durch Gemälde, Selbstzeugnisse,
Beschreibungen und die Rezeption der Renaissance in unser kulturgeschichtliches
Gedächtnis eingegraben haben, und vieles an diesen Bildern ist richtig. Dazu zählt
das Einzigartige Petrarcas. Als erster artikuliert er das Selbstverständnis
einer neuen Epoche, bestimmt die Zeit nach der Antike bis in seine Gegenwart
hinein als eine Periode der "tenebrae" und zeigt gleichzeitig den Weg
auf, wie diese Dunkelheit zu überwinden sei, nämlich durch eine Rückbesinnung
auf das Erbe der Antike in den Bereichen der Historiographie, Moralphilosophie,
Rhetorik und Versdichtung. Er wird zum Begründer des Humanismus, tritt den überlieferten
Texten mit einem historisch-philologischen Verständnis gegenüber und prägt
eine neue Wahrnehmung der Welt.
Petrarca steht außerdem am Beginn der neuzeitlichen Lyrik: sein auf italienisch
verfasster Zyklus "Rerum vulgarium fragmenta", seit der Spätrenaissance
auch "Canzoniere" genannt, wird über Jahrhunderte hinweg zum Vorbild
für die Rede über die Liebe. Mit seiner Dame Laura, zugleich eine Chiffre für
die Dichtung selbst, prägt er eine Form des intimen Colloquiums zwischen den
widerstreitenden Stimmen des Ichs, ohne das die Moderne nicht denkbar wäre. Und
durch die Entscheidung für die Volkssprache - die meisten seiner Werke schreibt
Petrarca in dem ehrwürdiger erscheinenden Latein - schafft er ein Modell, das
in dem langwierigen Sprachenstreit der Halbinsel bis ins 19. Jahrhundert hinein
zu einem auratischen Bezugspunkt wird.
Fasziniert von der Vielfalt der Welt, betrachtet Petrarca auch seine eigenen
schriftlichen Erzeugnisse als plurales, niemals abgeschlossenen Gebilde. Die
Widersprüche der menschlichen Existenz, bei den Scholastikern noch
ausgeblendet, sind für Petrarca nicht bedrohlich, sondern gelten als
Voraussetzung eines neuen Humanitätsideals und sind ein Teil der Vielfalt.
Dabei wird auch sein eigenes Leben zum Gegenstand von Stilisierung: Als
Francesco Petracco 1304 in Avignon geboren, dachte er sich in einem ersten Akt
der Selbsterfindung eine klangvollere Variante seines Namens aus und nannte sich
Petrarca.
Vieles an diesem selbstbewussten Gelehrten ist neu und radikal anders, dennoch
steht er in Abhängigkeit zu seiner Epoche, und das ist der Ausgangspunkt von
Karlheinz Stierles monumentaler Studie Francesco Petrarca. Ein
Intellektueller im Europa des 14. Jahrhunderts. Der Konstanzer Romanist
stellt nicht nur sämtliche Werke des umtriebigen Humanisten umfassend dar,
sondern porträtiert ihn in seinen spannungsreichen Lebensphasen. Die zurückgezogene
Eremitenexistenz in Vaucluse, Petrarcas Elysium, ist nur die eine Seite der
Medaille - über Jahre reiste Petrarca durch Europa, stand mit den Machthabern
auf vertrautem Fuß und hatte teil an politischen Entwicklungen. Er wurde nicht
müde, die Rückkehr der Kurie nach Rom zu fordern, setzte große Hoffnungen auf
Robert von Anjou, sympathisierte eine Weile mit dem Rebellen Cola di Rienzo und
engagierte sich auch auf diplomatischer Ebene für die Eintracht unter den
oberitalienischen Städten. Um die Bedeutung Roms zu unterstreichen, ließ er
sich 1341 in der caput mundi zum Dichter krönen, lebte in Mailand, Venedig und
Pavia bis er schließlich in Arquà bei Padua seinen Alterssitz bezog. Stierle
widerspricht der Behauptung des Epochenbruchs zwischen Mittelalter und
Renaissance, spürt den Verbindungen zwischen beiden Zeitaltern nach und bemüht
sich um eine Neubewertung der Nominalismusdebatte im Anschluss an Hans
Blumenbergs Einordnung Petrarcas.
In detaillierten Auseinandersetzungen mit zentralen Zeugnissen wie der berühmten
Schilderung des Aufstiegs auf den Mont Ventoux oder den großen
volkssprachlichen Gedichten von der Canzone "Io vo pensando" (Ich
denke ohne Unterlass) bis zu dem Sonett "Vago augelletto che cantando
vai" (Kleiner Vogel, der du singend umher irrst) weiß Stierle den Leser zu
fesseln und eröffnet mit Fragestellungen wie der Vermittlung des
"pensare" (denken) oder der Vermischung von subjektiver Befindlichkeit
und Wahrnehmung der äußeren Welt einen neuen Zugang zu den vertrauten Texten.
Vor allem der Latinist Petrarca mit seiner manischen Büchersucht und dem
philologischen Blick auf Cicero und Vergil gewinnt an Konturen. Die
bahnbrechende Welt-Neugier des Gelehrten wird uns nahe gebracht, seine Erfahrung
der Wirklichkeit als "Spectaculum". Dass es sich dabei um eine eminent
moderne Geisteshaltung handelt, dem auch der fragmentarische Charakter des
Gesamtwerkes entspricht, ist einem allerdings schon seit Jacob Burkhardt ein
vertrauter Gedanke. Beim Canzoniere, nach Hugo Friedrich das "erste
durchkomponierte Buch" eines "nachantiken Lyrikers" und das
"am sorgfältigsten geordnete Gedichtwerk der italienischen Lyrik",
scheint Stierle die Unabgeschlossenheit des Zyklus überzubewerten.
Eine gelehrte Gesamtschau des Allround-Talents mit anregenden Einzeldarstellungen ist Stierles Buch in seinen besten Kapiteln. Das Dilemma liegt in der kulturgeschichtlichen Oberflächlichkeit - wer das 14. Jahrhundert nicht kennt, dem rückt es durch die Lektüre dieses Bandes nicht näher. Dass Avignon als mondäner Papstsitz und Umschlagplatz neuer Theorien den jungen Petrarca formt, liegt auf der Hand; aber worin diese Prägung genau besteht, bleibt letztendlich diffus. Wie Requisiten werden zahlreiche Termini und Namen ins Spiel gebracht, ohne dass sie mit Inhalt gefüllt würden: Nicht nur der Begriff des Nominalismus wirkt wie eine Worthülse, auch über die Praxis der Imitatio, mit der Petrarca angeblich wenig zu schaffen hat, hätte man gern mehr erfahren, zumal sie im Petrarkismus so sehr an Gewicht gewinnen sollte, und einzelne Gestalten wie William von Ockham, Robert von Anjou oder Boccaccio und sogar Dante sind kaum mehr als Schemen. Es scheint unmöglich, Petrarca ungetrennt von seiner Wirkung wahrzunehmen, und wenn wir heute über ihn nachdenken, schwingen die humanistische, barocke, romantische und moderne Rezeption immer mit. Wir haben eben nicht nur Petrarca im Ohr, sondern auch unzählige andere Stimmen, die seinen Ton und seine Gedankenführung aufnehmen - von Tasso über Ronsard, Du Bellay und Shakespeare, bis hin zu Hölderlin, Mallarmé und Zanzotto. Vieles ist Allgemeingut geworden. Aber genau aus diesem Grund hätte man Petrarca in seiner Zeit gern genauer kennengelernt.
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